Brandanschlag von München 1970: Neue Hinweise deuten erstmals auf Neonazi als TäterBrandanschlag von München 1970: Neue Hinweise deuten erstmals auf Neonazi als Täter
56 Jahre nach dem Mord an Holocaustüberlebenden in München rückt ein deutscher Rechtsextremist in den Fokus. Der Fall ist nicht abgeschlossen, aber er wirft ein grelles Licht auf jahrzehntelange Verdrängung.
Mehr als fünf Jahrzehnte nach dem tödlichen Brandanschlag auf ein jüdisches Altenheim in München verdichten sich erstmals Hinweise auf einen Täter aus der rechtsextremen Szene. Nach neuen Recherchen des Magazins Der Spiegel halten Ermittler einen Münchner Neonazi mit schwerer Gewaltbiografie für den wahrscheinlich Verantwortlichen. Eine abschließende juristische Klärung gibt es jedoch weiterhin nicht.
In der Nacht zum 13. Februar 1970 kamen bei dem Anschlag sieben jüdische Bewohner ums Leben. Alle waren Überlebende der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik. Sechs Menschen starben in den Flammen, eine siebte Person sprang in Panik aus dem Fenster und erlag später ihren Verletzungen. Es war eines der schwersten antisemitischen Verbrechen der deutschen Nachkriegsgeschichte.
Der mutmaßliche Täter wird in dem Bericht als Bernd V. bezeichnet. Er lebte zur Tatzeit in München, war mehrfach vorbestraft und bewegte sich im rechtsextremen Milieu. Brand V. ist inzwischen tot, er starb im Jahr 2020. Dennoch hat die Staatsanwaltschaft München entschieden, die Ermittlungen neu aufzurollen, nachdem neue Zeugenaussagen und bislang unbeachtete Hinweise bekannt wurden.
Über Jahrzehnte hinweg hatten sich die Ermittlungen fast ausschließlich auf andere Täterkreise konzentriert. Im Fokus standen linksextreme Gruppen und radikale palästinensische Organisationen. Hintergrund war ein Anschlag auf israelische Passagiere am Münchner Flughafen wenige Tage vor dem Brand, bei dem die Schauspielerin Hanna Maron schwer verletzt wurde. Diese zeitliche Nähe prägte die Deutung des Verbrechens nachhaltig.
Nun zeigt sich, dass diese Fokussierung möglicherweise den Blick auf einen deutschen Täter verstellte.
Nach Angaben des Spiegel berichtete ein früheres Mitglied einer kriminellen Gruppe, der auch Bernd V. angehörte, im vergangenen Jahr innerhalb seiner Familie, der Neonazi habe am Abend vor dem Anschlag versucht, in der Nähe des jüdischen Gemeindezentrums einen Juwelierladen auszurauben. Als der Einbruch scheiterte, soll er Juden beschimpft und angekündigt haben, das Gebäude anzuzünden.
Diese Aussage war der Auslöser für eine umfassende Neubewertung alter Akten. Ermittler überprüften Zeugenaussagen aus den 1970er-Jahren erneut. Dabei stießen sie unter anderem auf einen damals kaum beachteten Augenzeugen, der in Tatortnähe eine Person beschrieben hatte, die Brand V. ähnlich gewesen sein soll. Auch Aussagen eines ehemaligen Zellengenossen, der von einem Geständnis berichtet hatte, wurden neu bewertet.
Beweise im strafrechtlichen Sinne liegen jedoch nicht mehr vor. Viele Zeugen sind verstorben, ebenso der Hauptverdächtige selbst. Die Staatsanwaltschaft spricht deshalb ausdrücklich nicht von einer abschließenden Aufklärung, sondern von einer erheblichen Verdichtung der Indizienlage.
Die biografischen Hintergründe des Verdächtigen zeichnen dennoch ein verstörendes Bild. Berndd V. wuchs in wohlhabenden Verhältnissen auf, zeigte früh eine starke Faszination für nationalsozialistische Ideologie und Gewalt. Ein Verwandter mit SS-Vergangenheit soll ihn maßgeblich geprägt haben. Freunde beschrieben später eine obsessive Beschäftigung mit Adolf Hitler und dem Nationalsozialismus.
Dass diese Spuren jahrzehntelang kaum verfolgt wurden, wirft heute grundsätzliche Fragen auf. Der Fall steht exemplarisch für eine Zeit, in der antisemitische Gewalt in Deutschland häufig externalisiert wurde. Der Gedanke, dass ein Deutscher nur 25 Jahre nach dem Ende des Holocaust gezielt Juden ermordet haben könnte, passte nicht in das Selbstbild der jungen Bundesrepublik.
Für die Angehörigen der Opfer bleibt die späte Neubewertung bitter. Juristische Gerechtigkeit wird es nicht mehr geben. Doch erstmals rückt die Möglichkeit in den Mittelpunkt, dass es sich nicht um ein rätselhaftes Verbrechen unbekannter Täter handelte, sondern um gezielten rechtsextremen Judenhass.
Der Fall ist damit nicht abgeschlossen, aber neu eingeordnet.
Und er erinnert daran, dass Antisemitismus in Deutschland nie verschwunden war, sondern oft erst dann sichtbar wurde, wenn man bereit war, ihn im eigenen Land zu suchen.
Autor: Redaktion
Bild Quelle: Symbolbild: Von Henning Schlottmann (User:H-stt) - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=87558349
Freitag, 30 Januar 2026