\"Aber ISIS tötet mehr Muslime als Nichtmuslime!\"

\"Aber ISIS tötet mehr Muslime als Nichtmuslime!\"


Mit dem Aufstieg des Islamischen Staates (ISIS, ISIL oder IS) ist eine alte Rechtfertigung, die den Islam von der Gewalt entbinden soll, wieder bedeutend geworden. Weil ISIS andere Muslime tötet, so lautet das Argument, kann seine Gewalt offensichtlich nicht auf dem Islam gründen, der es Muslimen verbieten muslimische Glaubensbrüder in seinem Namen zu töten.

\"Aber ISIS tötet mehr Muslime als Nichtmuslime!\"

von Raymond Ibrahim

Dieser Punkt wird jedes Mal betont, wann immer islamische Jihadisten im Westen Massaker begehen. Kurz nach dem Terroranschlag in San Bernardinomit 14 Toten legte US-Präsident Barack Obama, der früher schon darauf bestand, dass der Islamische Staat „nicht islamisch ist“, genau dar:

ISIS spricht nicht für den Islam. Sie sind Strolche und Mörder, Teil eines Todeskults… Darüber hinaus ist die bei weitem überwiegende Mehrheit der Terroropfer der Welt Muslime. (Hervorhebung hinzugefügt)

Gleichermaßen veröffentlichte der Independent aus Großbritannien nach demTerroranschlag in Paris im November, der 129 Menschen das Leben kostete, einen Artikel mit der Überschrift: „Pariser Anschläge: ISIS verantwortlich für mehr muslimische Tote als für westliche Opfer“. Und die Daily Beastargumentierte: „Vor dem Horror von Paris tötete ISIS tagtäglich Muslime., Wir Muslime hassen diese wahnsinnigen Leute mehr als sonst irgendjemand… Aber die Opfer Nummer 1 dieser barbarischen Terrorgruppe sind Muslime. Das ist unbestritten.“

Zusammen mit der Distanzierung des Islam von Gewalt – wahre Muslime sollen keine anderen Muslime im Namen des Jihad töten – vernebelt dieses Argument die Frage, wer das wahre Opfer islamischen Terrorismus ist: Warum über muslimisches Abschlachten von Nichtmuslimen reden – ob Westler in Paris oder Kalifornien oder christliche Minderheiten unter dem Islam – wenn es Muslime sind, die die vorrangigen Opfer sind, die das meiste Mitgefühl verdienen?

Dieses Argument ist jedoch auf mehreren Ebenen fehlerhaft. Erstens betrachtet der Islamische Staat seine Opfer nicht als Muslime. Tatsächlich betrachtet der sunnitische Mainstream-Islam – der dominierender Strang des Islam, an den ISIS sich hält – alle Nichtsunniten als falsche Muslime; bestenfalls sind sie Häretiker, die sich dem „wahren Islam“ unterwerfen müssen.

So verstehen Sunniten weithin Schiiten, umgekehrt genauso – daher ihr dauernder Krieg. Während westliche Fernsehsprecher dazu tendieren sie als „Muslime“ zusammenzuwerfen – worüber die falsche Schlussfolgerung erzielt wird, dass ISIS unislamisch ist, weil er „muslimische Glaubensgeschwister“ tötet – betrachtet jede Gruppe die andere als Feinde. (Er in jüngerer Zeit, in der beide Gruppen gegen den Westen und Israel Ränke spinnen, arbeiten sie gelegentlich zusammen.)

Insgesamt ist es also so: Wenn sunnitische Jihadisten Schiiten abschlachten – oder Sufis, Drusen und Bahai, die kleinere Gruppen sind, die in unterschiedlichem Maß mit dem Islam nahe stehen – dann tun sie das nach genau der Logik, nach der sie christliche Minderheiten oder europäische, amerikanische und israelische Staatsbürger abschlachten: Alle sind Ungläubige, die entweder den wahren Glauben annehmen, unterworfen oder sterbenmüssen.

Fakt ist, dass ISIS andere „Muslime“ nur tötet, um die Überlegehenheit beanspruchenden und intoleranten Aspekte des Sunnismus zu bestätigen. Sehen Sie sich nur unseren guten „Freund und Verbündeten“ Saudi-Arabien an, dessen offizielle Religion der sunnitische Islam ist und sehen sIe sich an, welcher Untermenschen-Umgang die schiitischen Minderheiten dort erfahren.

Aber was ist mit den Sunniten, die im Jihad des Islamischen Staats getötet werden? Diese werden als „Märtyrer“ wegerklärt – Kollateralschaden – der dazu bestimmt ist in das Paradies des Islam einzuziehen. Das Thema der während des Jihad getöteten Mitsunniten ist im Verlauf der Jahrhunderte durchaus weitgehend thematisiert worden. Es erhielt durch den Al-Qaida-Führer Ayman Al-Zawahiri in seinem Aufsatz „Jihad, Märtyrertum und das Töten von Unschuldigen“ (The Al Qaeda Reader, S. 137-171) eine umfassende Analyse. Nach seiner Schilderung, dass drei der vier sunnitischen Rechtsschulen – Hanafi, Schafi’i und Hanbali – das versehentliche oder unvermeidbare Töten von Muslimen im Jihad nicht verbieten, schloss Zawahiri:

Das einzige, was Mudschaheddin [Jihadisten] ausdrücklich tun müssen, sollten sie wissentlich einen Muslim töten [der sich zwischen den angezielten Ungläubigen befindet], ist Wiedergutmachung zu leisten. Blutgeld ist indes ein Weg ganz aus der Auseinandersetzung hinaus. Die Zahlung sollte nur geleistet werden, wenn es einen Überschuss an Geldern gibt, die nicht länger gebraucht werden, um den Jihad zu finanzieren. Das gilt wiederum nur, wenn ihr [muslimisches] Mischen mit den Ungläubigen au seinem legitimen Grund erfolgt, zum Beispiel wegen Geschäften. Und wir gehen davon aus, dass diejenigen, die getötet werden, Märtyrer sind und glauben, dass das, was der Scheik des Islam [Ibn Taymiyya] über sie sagte, gilt: „Diejenigen Muslime, die versehentlich getötet werden, sind Märtyrer und der verbindliche Jihad sollte nie aufgegeben werden, weil er Märtyrer schafft.“

Was ist aber mit den Sunniten, die ISIS absichtlich tötet? Hier verlassen sich die Jihadisten auf takfir, den Akt, dass eine sunnitische Gruppe eine andere sunnitische Gruppe als kafir verurteilt – also Nichtmuslime, Ungläubige, deren Blut ungestraft vergossen werden kann. Takfir hat fast seit seinem Beginn neben dem Islam existiert, angefangen mit den khawarij (Charidschiten) – die Muslime rituell schlachtete, weil sie nicht dem Buchstaben des Gesetzes folgten – und war/ist die Hauptratio, um Jihad zwischen unterschiedlichen sunnitischen Staaten und Reichen zu rechtfertigen.

Kurz gesagt sind nichtsunnitische Menschen für sunnitische Jihadisten – nicht nur ISIS, sondern auch Al-Qaida, Boko Haram, Hamas et.al. – allesamt Ungläubige und damit Freiwild. Was die Mitsunniten angeht, sind sie, falls sie versehentlich sterben, Märtyrer („und der verpflichtende Jihad sollte niemals aufgegeben werden, weil er Märtyrer schafft“); und wenn Mitsunniten bewusst im Weg stehen, werden sie als Ungläubige verurteilt und dementsprechend getötet.

Das Argument, dass ISIS und andere jihadistische Organisationen Mitmuslime töten, beweist nichts. Muslime haben von Anfang an Muslime wegen der Beschuldigung abgeschlachtet, die „nicht islamisch genug sind“. Was kann also der offene Nichtmuslim – wie westliche Ungläubige – erwarten?

Letztlich ist es einfach Jihad und mehr Jihad, für alle und jeden.

 

Übersetzt von Heplev


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Mittwoch, 06 Januar 2016


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