Polens Gefahr für die Welt: Netflix wagt sich vor, nämlich zurück - beim Serienstart von 1983

Polens Gefahr für die Welt:

Netflix wagt sich vor, nämlich zurück - beim Serienstart von 1983


Der Streaming Anbieter aus California macht seit seinem Bestehen von sich mit guten Angeboten und coolen Eigenproduktionen von sich reden, während bei jungen Leuten längst lineares Fernsehen out ist und das Kino nur noch eine Alternative zum häuslichen Großbildschirm.

Von Torsten Kurschus

Neben eingekauften großen Klassikern steht Netflix von Anfang an für eindrückliche Eigenproduktionen aller Genres von der guten Gesellschaftserzählung bis zum Politthriller auf meist bestem Niveau. Klar bedient der Senderversender auch Allgemeinheiten mit Sachen die ich mir nie anschauen würde, aber der Mix ist wie die gute Mischung der Zutaten aus seinen Kochsendungen, die sich angenehm von den üblichen Shows abheben.

Seit einiger Zeit macht der Anbieter aber auch mit eigenen Entwicklungen mit sehr deutlichen internationalen Typica von sich reden. Da gibt es ein Gangsterdrama aus Korea oder eine Herz-Schmerz-Kiste aus Österreich, die wenn nicht immer durch treffliche Handlung, aber dann doch durch Farbenreichtum oder eindrückliche Milieus koloriert ist.

Nun wagt sich Netflix erstmals an den alten Osten.

 

Mit 1983, längst erwartet, erscheint ein in Polen angesiedeltes neues Politdrama. Es spielt in einer fiktiven Vergangenheit, in der es keinen Zusammenbruch des Sozialismus und keine Wende geben wird. Die Sowjetunion hat ihre führende Rolle an Polen abgegeben. Und der internen gesellschaftlichen Logik folgend, wandelt sich das nun führende Polen in ein totalitäres Regime.

Der junge Jurastudent Kajetan, verkörpert durch polnischen Superstar (Maciej Musiał), der auch an Buch und Regie erheblich mitgewirkt haben soll (?), gilt als Hoffnungsträger des aufstrebenden Polizeistaates und gerät nicht nur in Zweifel, sondern auch in den innen Machtkampf des Systems.

Eine militante Widerstandsgruppe fordert den Staat heraus und sorgt für weitere Repressionen und Bewegung. Das ist nicht neu und auch nicht, dass es einige Wenige gibt, die, bevor sie zusammenfinden, Stress miteinander haben.

 

Das Ganze bewegt sich in einer grauen und Düsterdystopie und fordert dem Zuschauer einiges ab. Das Beheben auch die treffenden philosophischen Parallelen nicht, die einem halbwegs gebildeten Menschen seit dem Abitur allerdings mehr als geläufig sind.

Deshalb hat man zuweilen das Gefühl, keinen Film zu sehen, sondern in einem polnischen Konzepttheater der 80er zu sein (Dekalog, Krzysztof Kieślowski 1989), darin passt die Atmosphäre wenigstens. Man wird aber nicht das Gefühl los, das sich da jemand bedient, dem nichts Eigenes einfällt. Das reicht bis zur Namensgebung 1983.

 

Die positiven Rezensionen anderer teilt diese Kritik deshalb nicht, genausowenig angebliche Paralleren zur Entwicklung im heutigen Polen.

Schwierig macht auch, dass NF wie immer mit Details mauert. Im Grauen bleibt so, wer wirklich was, etwa in der Regie oder im Buch gemacht hat. Solln sie doch – besser wird’s dadurch nicht, ganz im Gegenteil, der Medienkonzern, nimmt damit alle Verantwortung auf sich.

Die exzellenten Schauspieler wie Robert Więckiewicz als in Ungnade gekommener Polizeioffizier sind authentisch und geben der Gräue etwas Kontur. Die Kulisse ist wie zu erwarten. Grau.

Produzent und Autor Joshua Long (Lone Wolf and Cub, Scary Stories to tell in the dark) macht es sich und den Zuschauern eben nicht leicht. Das reißen auch die Leinwandakteure nicht raus. Und bisher ist der offizielle Trailer besser, als die Zumutung der Regie an seine Konsumenten.

 

Netflix spielt mit der fiktiven Zukunft einer untergegangenen Vergangenheit und taucht dabei tief in die Bilder-Sprache Orwels und Huxleys ein. Neues bringt sie nicht. Die Gedankenspiele sind längst überaltert und die Handlung ist sehr schwergängig. Der Zuschauer braucht eine sehr Aufmerksamkeit - das kann man im Theater oder einem Blockbaster machen, aber nicht in einem Vielteiler von heute. Das ist vor allem Zeit-raubend.

Die Atmosphäre ändert sich beim Serienstart zunächst nicht. Das ist bei dem 8-Teiler der Staffel 1 so und auch danach kaum anders zu erwarten, falls nicht etwas ganz Erstaunliches passiert und die erste polnische NF-Eigenproduktion zur ausgereiften Science – Fiction Opera mutiert.

Mit den Worten des großen Philosophen Franz Beckenbauer muss man sagen: ‚schaun mer mal‘.

Bis dahin ist das dann aber auch wirklich Arbeit.

 

Ein sehr herzliches Chanukka oder einen gesegneten Advent

Herzlich, Euer Torsten, kommt gut durch die Woche
Masel Tow.

 

 


Autor: Torsten Kurschus
Bild Quelle: Archiv


Montag, 03 Dezember 2018









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