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Rede von Bundeskanzlerin Merkel zum 30. Jahrestag des Paneuropäischen Picknicks am 19. August 2019 in Sopron/Ungarn

Rede von Bundeskanzlerin Merkel zum 30. Jahrestag des Paneuropäischen Picknicks am 19. August 2019 in Sopron/Ungarn


Im Wortlaut zum nachlesen

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident, lieber Viktor Orbán,
sehr geehrter Herr Bürgermeister,
Herr Kardinal, Erzbischof Erdő,
Herr Bischof Kondor,
Herr Pastor Balog,
sehr geehrte Damen und Herren aus Ungarn, Deutschland, Österreich und vielleicht auch noch anderen Ländern!

„Baue ab und nimm mit!“ – das stand vor 30 Jahren auf den Handzetteln, die zum Paneuropäischen Picknick am Eisernen Vorhang einluden. Es sollte ein europäisches Friedensfest sein. Die Grenze sollte für ein paar Stunden symbolisch geöffnet werden. So hatten es sich die Organisatoren des Ungarischen Demokratischen Forums und der Paneuropa-Union überlegt.

Die ungarischen Campingplätze waren in jenem Sommer überfüllt mit DDR-Bürgern. Auch unter ihnen verbreiteten sich die Handzettel. Hunderte machten sich schließlich auf den Weg nach Sopron. Sie ließen alles zurück, um über die Grenze in die Freiheit zu gelangen. Aus dem Picknick wurde die größte Massenflucht aus der DDR seit dem Bau der Mauer 1961. Aus dem Picknick wurde ein Weltereignis.

Doch Ungewissheit und Anspannung waren groß – wusste doch jeder, wie eine Flucht enden konnte; wusste doch jeder, wie der Volksaufstand in der DDR 1953, der Aufstand in Ungarn 1956 und der Prager Frühling 1968 geendet hatten; erinnerte sich doch jeder, dass infolge der Freiheitsbewegung in Polen 1981 das Kriegsrecht verhängt wurde. Aber die ungarischen Grenzschützer schossen nicht. Sie ließen die DDR-Bürger ziehen. Sie bewiesen Mut, indem sie Menschlichkeit über Dienstvorschriften stellten.

Wenige Wochen später, am 11. September 1989, öffnete Ungarn endgültig seine Grenze. Am 9. November fiel in Berlin die Mauer. Die Teilung Europas fand endlich ein Ende. So wurde also das Paneuropäische Picknick zum Symbol für die großen Freiheitsbewegungen des Jahres 1989. Es zeigt, dass sich der Freiheitswille der Menschen nicht unterdrücken lässt. Es zeigt, dass uns Europäer gemeinsame Werte einen. Es zeigt, was wir in Gemeinsamkeit erreichen können.

Wir Deutsche erinnern uns mit großer Dankbarkeit an Ungarns Beitrag zur Überwindung der Teilung Europas und auch an Ungarns Beitrag zur Findung der Deutschen Einheit. Ich danke den Ungarn, die das Picknick mitorganisierten. Ich danke den Ungarn, die Frauen, Männer und Kinder aus der DDR bei der Flucht unterstützten. Und ich danke den Ungarn, die für demokratische Reformen eintraten.

Dank und Anerkennung gelten ebenso allen anderen, die mutig für die Freiheit aufgestanden sind: den Solidarność-Aktivisten in Polen, den Singenden Revolutionären in den baltischen Ländern, den Unterzeichnern der Charta 77 in der Tschechoslowakei und den Teilnehmern an den Montagsdemonstrationen in der DDR. All diese Menschen haben an der Freiheitsgeschichte Europas mitgeschrieben. Sie haben ein Stück des Eisernen Vorhangs abgebaut und ein Stück zu Europas Einheit aufgebaut.

Sopron ist ein Beispiel dafür, wie viel wir Europäer erreichen können, wenn wir für unsere unteilbaren Werte mutig einstehen. Sopron zeigt, was uns Europäer ausmacht. Sopron steht für Solidarität, Freiheit und Frieden – für ein menschliches Europa. Angesichts der großen Aufgaben, vor denen wir Europäer heute stehen, sollten wir uns eben auf genau diese Werte besinnen, die uns in Europa einen. Wir sollten uns stets bewusst sein, dass nationales Wohl immer auch vom europäischen Gemeinwohl abhängt. Europa kann nur so stark sein, wie es geeint ist – wie wir uns also auch in strittigen Fragen bereit und fähig zum Kompromiss zeigen.

Wir sehen: Das Friedensprojekt Europa ist kein Selbstläufer. Es verlangt auch, manchmal über den eigenen Schatten zu springen, um unserer gemeinsamen Verantwortung für Europa und auch für die Welt gerecht zu werden. Daran erinnern uns nicht zuletzt schutzbedürftige Menschen aus Kriegs- und Krisenregionen, die bei uns Zuflucht suchen. Und sie erinnern uns daran, wie wichtig es ist, die Ursachen von Flucht und Vertreibung zu bekämpfen.

Meine Damen und Herren, die Ereignisse von 1989 haben Europas Völker einander nähergebracht. Heute gestalten wir – Deutschland und Ungarn zusammen mit den anderen Mitgliedstaaten der Europäischen Union – als Nachbarn, Partner und Freunde unsere Zukunft, die Zukunft Europas. Lassen Sie uns weiter gehen auf dem Weg der Freiheit, der Demokratie und Einheit! Wie für viele andere Menschen wird dabei die Erinnerung an das Paneuropäische Picknick auch für mich immer eine Kraftquelle sein. Genau deshalb bedeutet es mir sehr viel, lieber Viktor Orbán, heute hier an diesem Ort zu sein, an dem vor 30 Jahren Weltgeschichte geschrieben wurde. Vielen Dank! Köszönöm szépen!


Autor: Bundesregierung
Bild Quelle: AM_Juli_2010_-_3zu4.jpg: Armin Linnartzderivative work: Off2riorob [CC BY-SA 3.0 de (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)]


Montag, 19 August 2019