Erdogan und Putin rücken mit der Pipeline TurkStream näher zusammen

Erdogan und Putin rücken mit der Pipeline TurkStream näher zusammen


Russland versucht so die Sanktionen zu umgehen, während die Türkei zu einem Energietransitkontenpunkt werden möchte

Erdogan und Putin rücken mit der Pipeline TurkStream näher zusammen

Von Murat Yörü

Am 8. Januar trafen sich der russische und türkische Präsident zum 25. Mal in den vergangenen drei Jahren. Die Freundschaft zwischen Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdoğan blüht und scheint unerschütterlich zu sein. Man mag sich, teilt die gemeinsamen Feinde und steht auf anti-westliche Politik. Beide Führer gefallen sich zunehmend in der Rolle als Hauptakteure im Nahen Osten.

Dabei sah es vor einigen Jahren noch anders aus. Nach dem Abschuss eines russischen Kampfjets am 24.11.2015 an der syrisch-türkischen Grenze kündigte sich eine schwere Krise zwischen Russland und der Türkei an. Russische Sanktionen folgten. Erst Ende Juni 2016 entschuldigte sich Erdoğan höchstpersönlich mit einem Brief bei Putin für diesen Vorfall, woraufhin die russischen Sanktionen zurückgenommen wurden. Spätestens nach dem 15. Juli 2016 – nach dem gescheiterten Putschversuch in der Türkei – haben sich Russland und die Türkei in einem historisch bislang unvergleichlichen Maß angenähert.

Dabei sind beide Nationen seit Jahrhunderten eher durch Kriege verbunden. So führten beide Nationen in den vergangenen vier Jahrhunderten 16 Kriege gegeneinander, zuletzt in der Kaukasusfront im Ersten Weltkrieg. Seitdem regeln der Vertrag von Moskau (1921) und der Vertrag von Kars (1921) das beidseitige Friedens- und Freundschaftsverhältnis. Das Verhältnis blieb dennoch angespannt und spätestens mit dem Beitritt der Türkei zur NATO 1952 begann auch im russisch-türkischen Verhältnis der kalte Krieg.

Doch mit dem einstigen Feind verbindet heute trotz einer vorbelasteten Vergangenheit eine inszenierte Freundschaft, die lediglich durch gemeinsame Interessen zusammengehalten wird. Für Putin ist die jüngste Entwicklung im Nahen Osten höchst erfreulich: sowohl in Syrien als auch neuerdings in Libyen hat er durch die russisch-türkische Freundschaft seine Hand gegenüber dem Westen gestärkt.

Türkische Abhängigkeit

Heute verbinden Russland und die Türkei nicht die Kriege unter einander, sondern die Frechheiten gegenüber dem Westen – und zunehmend die Geschäftsbeziehungen, weswegen auch ein erneuter Pflichtbesuch Putins bei Erdoğan anstand. Anlass war die Einweihung der Gaspipeline TurkStream.

Diese Pipeline führt von der südrussischen Küstenstadt Anapa in einer Länge von über 900 km unter dem Schwarzen Meer hindurch zum türkischen Ort Kiyiköy, nahe Istanbul. Sie ergänzt die bislang bestehende Pipeline Bluestream und sorgt dafür, dass jährlich eine größere Menge – nämlich 31,5 Milliarden Kubikmeter – Erdgas in die Türkei und von dort nach Südosteuropa gefördert werden kann. „TurkStream ist ein historisches Projekt, und wir haben große Anstrengungen unternommen, um es zu realisieren“, sagte Präsident Erdoğan bei der Eröffnungsfeier in Istanbul.

Obwohl die Türkei nach Deutschland der zweitgrößte russische Gaskunde ist, konnte sie von russischer Seite bislang keine Sonderkonditionen erlangen. Trotz russisch-türkischer Freundschaft, sind die Gaspreise für die Türkei im Vergleich zu europäischen Abnehmern bislang teuer. Auf den EU-Märkten liegt der durchschnittliche Preis für russisches Gas bei 220 US-Dollar pro 1.000 Kubikmeter, während der türkische Markt für dieselbe Menge 305 US-Dollar bezahlen muss.

2022 endet ein Großteil der Verträge zwischen dem staatlichen türkischen Energieversorger BOTAŞ und dem russischen Gazprom, und sie müssen neu verhandelt werden. Bis 2026 laufen ca. 80 Prozent der Gasverträge aus, die die Türkei mit seinen Exporteuren, u.a. mit Aserbaidschan und dem Iran abgeschlossen hat. Russland deckt mit etwa 16 Milliarden Kubikmetern im Jahr einen Teil des türkischen Gasbedarfs von etwa 58 Milliarden Kubikmetern. Die Gasimporte aus Russland sind allerdings in den letzten Jahren rückläufig und fielen zuletzt von 49 Prozent auf 36 Prozent des Gesamtbedarfs.

Das liegt zum einen daran, dass die Nachfrage, bedingt durch die aktuelle Wirtschaftskrise in der Türkei zurückgeht. Zum anderen führt die Türkei verstärkt billigeres Flüssigerdgas (LNG) von Lieferanten aus Algerien, Katar und den USA ein.

Russisches Gas für Südosteuropa

Russland bezweckt mit der Pipeline TurkStream nicht nur die Belieferung der Türkei, sondern auch der südosteuropäischen Länder. Im vergangenen Jahr haben Russland und die Ukraine ein Fünfjahresabkommen über den Gastransit nach Europa unterzeichnet. Danach soll das Transitvolumen von 2021 bis 2024 von 65 Milliarden Kubikmeter im Jahr 2020 auf 40 Milliarden Kubikmeter im Jahr 2024 sinken.

TurkStream soll für den Ausgleich sorgen und Länder wie Bulgarien, Griechenland, Nordmazedonien, Ungarn und Serbien mit russischem Gas versorgen. Damit umgeht – wie NorthStream – die TurkStream-Pipeline die Ukraine und sorgt mit türkischer Hilfe trotz Sanktionen für mehr russische Beinfreiheit.

Im russischen Griff

In den nächsten Jahren will Russland die Türkei enger an sich binden und die Abhängigkeiten ausbauen. So soll die Türkei in Zukunft mehr als bislang aus Russland Gas importieren und das Exportvolumen deutlich steigern. Begünstigt durch die auslaufenden türkischen Verträge, sieht Russland die Gunst der Stunde, um die Fördermengen zu erhöhen. Noch bis 2016 bemühte sich die Türkei noch, die Abhängigkeit von russischem Erdgasimport zu reduzieren. Inzwischen sind diese Bemühungen ins Gegenteil umgeschlagen. Die Türkei wird noch abhängiger von russischem Gas.

Die türkischen Mühen, sich aus dem russischen Griff zu befreien, sind jedoch unübersehbar. Der Nachbar Aserbaidschan soll helfen. Im September 2019 verabschiedete das türkische Parlament ein Gesetz, das den Import von sogenannten Spotgasmengen über Pipeline erlaubt. So wird über die Transanatolische Pipeline (TANAP) zwar in erster Linie Gas nach Europa befördert, um zur Verringerung der Abhängigkeit Europas von russischem Erdgas beizutragen. Die Türkei erhofft durch die Transitroute allerdings für sich günstigere Konditionen vom Nachbarland und strebt an, zu einem Energietransitknotenpunkt zu werden. So dürften ihr Transitgebühren in Milliardenhöhe sicher sein

 

MENA Watch -


Autor: MENA Watch
Bild Quelle: Kremlin.ru [CC BY (https://creativecommons.org/licenses/by/3.0)]


Freitag, 17 Januar 2020

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