Sprechblasen für Karabach

Sprechblasen für Karabach


Vielleicht ist es von einem Mittel- oder Westeuropäer etwas zu viel verlangt, noch zu wissen, was vor mehr als 30 Jahren in Berg-Karabach geschah. Wahrscheinlich hatten auch die meisten Deutschen diese Weltgegend bis vor wenigen Tagen nicht mehr – wie es gern umgangssprachlich heißt – „auf dem Schirm“.

Sprechblasen für Karabach

von Peter Grimm

Inzwischen hat es Berg-Karabach mit den Kontrahenten Aserbaidschan und Armenien durch einen für die meisten hiesigen Medienkonsumenten schwer verständlichen Krieg wieder auf prominente Plätze in allen Nachrichten geschafft. Wenn viele Medienkonsumenten etwas nicht verstehen, weil es dazu eventuell noch der einen oder anderen Information aus dem Archiv bedarf, wäre es Aufgabe der Medienschaffenden – zumindest der Journalisten unter ihnen – genau diese Erklärungen zu liefern. Wenn man jetzt sagt, dazu sei etwas Recherche nötig, genau das, was einst als eine der wichtigsten Tugenden des Journalismus galt, ist das beinahe übertrieben. Zumindest in den Medienhäusern, die schon länger hier existieren, dürfte ein Blick ins Archiv reichen.

Allerdings muss man länger als 20 Jahre zurückblicken. Es ist zum Verständnis dieses Krieges nicht zwingend nötig, Jahrhunderte zurück zu gehen, um beim Khanat von Karabach zu beginnen, aber über etwas mehr als dreißig Jahre zurück sollte man schon blicken.

Die meisten großen deutschen Nachrichtensendungen erklärten den Kriegshintergrund eher so: Berg-Karabach werde mehrheitlich von christlichen Armeniern bewohnt, gehöre völkerrechtlich aber zum muslimischen Aserbaidschan. In den neunziger Jahren gab es hier schon einige militärische Auseinandersetzungen, weil armenische Verbände diesen Landstrich besetzt hatten und dort eine eigene – von niemandem außer Armenien anerkannte – Republik gründeten. De facto ist Arzach, wie diese Republik von den Armeniern genannt wird, natürlich nicht ohne Armenien lebensfähig.

Manchmal wurde in solchen kleinen Rückblicken noch darauf verwiesen, dass es zur armenischen Besetzung Karabachs im Zuge des Zerfalls der Sowjetunion kam. Doch was die Armenier bewog, beim Zerfall der Sowjetunion armenisches Siedlungsgebiet, das aber einst einer anderen Sowjetrepublik zugeschlagen wurde und damit später zu dem daraus entstandenen Nachfolgestaat gehörte, mit militärischen Verbänden zu besetzen, ist damit nicht erklärt. Ereignisse wie das Massaker an Armeniern im aserbaidschanischen Sumgait im Jahr 1988 könnten bei der Erklärung helfen, aber sie scheinen in deutschen Redaktionen weitgehend vergessen.

Machtdemonstration der Nomenklatura?

Blicken wir deshalb ins Archiv. Nicht ins eigene, denn Blogs wie den unseren gab es in jenen Jahren bekanntlich noch nicht, sondern in das des SpiegelFünf Jahre nach dem Massaker von Sumgait, 1992, erklärte das Nachrichtenmagazin seinen deutschen Lesern, was 1988 im Kaukasus vorgefallen ist:

„Pogrom. Eine moslemische Meute stürmt durch die Straßen, plündert Läden und Wohnungen der Mitbürger christlichen Glaubens, erschlägt Männer, vergewaltigt Frauen, verstümmelt noch Leichen. Religiöser Fanatismus und nationale Überheblichkeit mischen sich mit der Frustration der sozialen Unterschicht, dem Neid der Ärmsten auf die erfolgreicheren, wohlhabenderen Armenier: Sie sind es, die büßen müssen, wann immer im Kaukasus, an der Grenze zwischen Asien und Europa, der Völkerhaß ausbricht – und, wenn die Opfer sich wehren, der Krieg.

So geschah es Ende Februar 1988, als der aufgehetzte Pöbel im aserbaidschanischen Sumgait die Armenier am Ort lynchte. Den Deklassierten ging es um Beute und Wohnraum, die von den Drahtziehern ausgegebene Parole aber lautete: „Karabach“. Das ist jene überwiegend armenisch besiedelte Enklave in Aserbaidschan, die nun wieder als Streitobjekt zwischen zwei inzwischen der Nato assoziierten Staaten einen Kriegsgrund liefert. Und wieder schont die Mordlust nicht die Kinder und die Greisinnen, unschuldige Zivilisten insgesamt.

Die durch neue Greuel geweckte Erinnerung an den ersten Völkermord des Jahrhunderts, die Ausrottung der türkischen Armenier 1915, treibt das erste christliche Volk der Geschichte in die Furcht vor einem neuen Genozid.“

Das gehört zu dem Hintergrund, vor dem in Berg-Karabach gekämpft wird, auch wenn die Stadt Sumgait, der Ort dieses Pogroms, gar nicht in Berg-Karabach liegt, sondern unumstritten in Aserbaidschan. In Sumgait stellten die Armenier nur eine Minderheit, deshalb eignete sie sich auch für eine derart brutale Machtdemonstration. Viele Anzeichen zeigten sehr schnell, dass es sich hier nicht einfach nur um spontanen Volkszorn handelte. Die aserbaidschanische Nomenklatura in der zerfallenden Sowjetunion reagierte damit auf einen Beschluss des Karabach-Gebietssowjets. Darin wurde gefordert, die Region wieder an die Sowjetrepublik Armenien anzuschließen, zu der sie bei Sowjetrepubliks-Gründung noch gehört hatte, aber schon 1920 vom damals für den Kaukasus zuständigen Genossen Stalin Aserbaidschan zugeschlagen wurde.

„Listen von Armeniern zusammengestellt“

Die herrschende Nomenklatura in Baku hätte 1988 die Armenier liebend gern ziehen lassen bzw. vertrieben, aber ohne ihr Land und ihren Besitz. Der beschriebene Blutrausch in Sumgait setzte da das passende Zeichen:

“Armenier, wenn ihr nicht binnen drei Tagen die Stadt verlaßt, werden wir euch wie Hunde abschlachten“, stand auf Flugblättern. Sogar in eine Entbindungsstation drangen die Aserbaidschaner ein und massakrierten armenische Wöchnerinnen und die Neugeborenen. Sie hätten geschrien: „Tod den Armeniern! Wir werden euch ausrotten.”

[…]

“Die Miliz und die Stadtbehörden“, schrieb der Russe Andrej Pralnikow, Berichterstatter eines der wenigen Gerichtsverfahren nach dem Pogrom, „sind den Schlägern und Mördern nicht in die Arme gefallen. Das Gefühl der Straflosigkeit peitschte die Menge noch mehr auf.“ Und: „Vieles läßt darauf schließen, daß die Pogrome organisiert waren. Eine Sekretärin sagte aus, sie sei vor Ausbruch der Gewalttätigkeiten beauftragt worden, Listen von Armeniern zusammenzustellen.”

Von der aserbaidschanischen Nomenklatura der Sowjetzeit zu den heutigen Herrschern in Baku gibt es eine sehr direkte Verbindung. Gajdar Alijew war über viele Jahre hinweg der mächtigste Aserbaidschaner im Sowjetreich – erst als Erster Sekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Aserbaidschanischen SSR, ab 1982 dann sogar als Mitglied des Politbüros der KPdSU und Erster Stellvertretender Ministerpräsident der Sowjetunion. In Moskau war Genosse Alijew ein erklärter Gegner des Reformkurses von Michail Gorbatschow, weshalb er 1987 von seinem Posten abgesetzt wurde. Allerdings waren die Reformgegner in der Parteinomenklatura zu stark, als dass ein Genosse wie Alijew durch die Absetzung wirklich alles an Macht und Einfluss hätte einbüßen müssen.

Die Dynastie des Genossen Alijew

Seit 1987 war es für ihn und seine Genossen in Baku wichtig, die regionale Hausmacht zu festigen, was so gut gelang, dass er nach dem Zerfall der Sowjetunion im nunmehr unabhängigen Aserbaidschan an die Spitze des neuen Staates gelangte. Alijew nannte sich nun nicht mehr Gajdar, sondern Heydar und folgte nun statt dem Weg zum Kommunismus den Wegweisungen des Propheten Mohammed. Alijew gelang es fortan nicht nur, seine Macht zu festigen, sondern vor seinem Tod im Jahr 2003 auch noch die Machtübergabe an seinen Sohn Ilham zu organisieren, der immer noch in Baku regiert.

Doch zurück zu den Ereignissen des Jahres 1988 und folgenden. Nachdem die Forderung, Karabach zurück an Armenien zu geben, in Moskau verhallt war, beschloss der Gebietssowjet von Berg-Karabach im Sommer 1988 einfach, dass man jetzt zu Armenien gehöre. Moskau beantwortete diesen ungeheuerlichen Vorstoß, indem es die umstrittene Region vorläufig direkt der Zentralregierung unterstellte und Militär entsandte. Als die sowjetische Regierung diesen Status wieder beenden und Karabach zurück in aserbaidschanische Verwaltung geben wollte, wehrten sich die dortigen Armenier, und die bewaffneten Konflikte flammten auf. Die Armenier in Berg-Karabach wollten ihr Land nicht mehr unter aserbaidschanischer Herrschaft sehen. Was daraufhin in Aserbaidschan geschah, konnte sie in ihrer Entschlossenheit zu kämpfen, nur bestärken.

„Nach dem Muster des Pogroms von Sumgait drangen im Januar 1990 aserbaidschanische Jugendliche in Armenier-Viertel Bakus ein und veranstalteten erneut ein Pogrom. Die sowjetische Nachrichtenagentur Tass sprach von 52 Toten. Danach begann der größte Flüchtlingsstrom der Neuzeit im Kaukasus. Etwa 300 000 Armenier flohen aus Aserbaidschan zunächst in andere Sowjetrepubliken, weil der direkte Weg nach Armenien versperrt war; etwa 200 000 Aseri flohen aus Armenien nach Aserbaidschan.“

1992, als der hier zitierte Artikel erschien, eskalierte die kriegerische Auseinandersetzung wieder einmal. Damals aber wurde den deutschen Lesern die Fallhöhe dieses Konflikts noch klar benannt:

„Seit Anfang dieses Jahres herrscht Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan, der mit einer Härte geführt wird wie kaum ein Krieg sonst. Der Haß, der hier aufbricht, hat seine Wurzeln in einem der grausamsten Verbrechen dieses Jahrhunderts: dem Völkermord der Osmanen an den Armeniern im Ersten Weltkrieg, den die Türken bis heute zu vertuschen suchen.“

Wie es da wirkt, wenn sich die Erdogan-Türkei nun aktiv im Kaukasus einmischt, lässt sich wohl erahnen. Dass die Bundesregierung, die sonst ja durchaus gern „Zeichen setzt“, hier nicht wenigstens ansatzweise eine klarere und eindeutigere Position bezieht, wirkt geschichtsvergessen und schäbig.

erschienen auf AchGUT


Autor: AchGut
Bild Quelle: By Adam Jones from Kelowna, BC, Canada - Mayraberd (Askeran) Fortress - Nagorno-Karabakh - 05, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=64167053


Dienstag, 06 Oktober 2020

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