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„Man wusste nie, wann es ein Pogrom geben würde“

„Man wusste nie, wann es ein Pogrom geben würde“


Warum mein Großvater Europa verließ

„Man wusste nie, wann es ein Pogrom geben würde“

Von Sharon Taylor, the Librarians, July 15, 2020

Als ich sechs Jahre alt war, hörte ich fasziniert, wie mein ältester Bruder meinen Großvater mütterlicherseits, Isidore Weisner, ausfragte. Als Jüngste in der Familie saß ich mit überschlagenen Beinen nahe des Küchentischs, dem einzigen Platz in unserer engen Küche, der frei war.

„Opa, warum hast du Europa verlassen?“, fragte mein Bruder.

„Die Pogrome; die Pogrome waren furchtbar und man wusste nie, wann es ein Pogrom geben würde. So wollte ich nicht leben, also ging ich fort.“

Opa starb, als ich elf war und in dem halben Jahrhundert seitdem haben die Fragen, die ich ihm gerne gestellt hätte, exponentiell zugenommen. Mit dem Studium des Lebens in Galizien, insbesondere junger Männer an der Wende zum 20. Jahrhundert, habe ich angefangen die Gründe besser zu verstehen, warum mein Großvater, wie so viele andere, seine Familie und das Land seiner Geburt verließ.

Mein Großvater wurde 1889 als Sohn von Abraham Wiesner und Rose Fleisig geboren. Er lebte in Kulikow (heute Kuljkiw in der Ukraine), nördlich von Lemberg, der Provinzhauptstadt von Galizien. Abraham arbeitete als Getreidehändler, ein Beruf, den viele galizische Juden ausübten. Damals waren rund 35% der Einwohner Kulikows Juden. Mein Großvater war der Jüngste in einer großen Familie. Bis auf einen Neffen kamen alle seine Geschwister mit ihren Ehepartnern und Kindern im Holocaust um.

Aber im Dezember 1908, lange vor der Katastrophe, verließ mein Großvater seine Heimat und ging auf die lange Reise nach Rotterdam, wo er ein Schiff nach Ellis Island bestieg. Auf dem Schiff, als sein Geld dahinschwand, freundete er sich mit einer gut situierten Familie an, die ihn dafür bezahlte nach ihren kleinen Kindern zu sehen. Er verbrachte die zwölftägige Überfahrt damit den Kinder Schach spielen beizubringen, eine Fähigkeit, die in meiner Familie seit Generationen weitergegeben worden ist. Er kann am 5.Januar 1909 in New York an, wo Einwanderungsbeamte seinen Namen als Asryel Wiesner eintrugen. Irgendwann nach seiner Ankunft wollte er amerikanischer klingen und änderte seinen Vornamen in Isidore und ließ seinen Nachnamen Weisner buchstabieren.

Während die meisten Juden Galizien Ende des 19. Und Anfang des 20. Jahrhunderts verließen, um bessere wirtschaftliche Chancen zu suchen, war die Auswanderung meines Großvaters durch judenfeindliche Gewalt motiviert. In seiner Kindheit war der Antisemitismus im gesamten Kronland im Steigen begriffen. Im Frühling 1898, als mein Großvater neun war, berichtete der Standard of London von „Brotaufständen“ in Lemberg, die rasch niedergeschlagen wurden. Obwohl dort Hunger das Motiv war, verbreiteten die Unruhen sich westwärts und richteten sich gegen Juden. Nur 130km weiter in Przemysl drangen Aufrührer in den jüdischen Teil der Stadt ein, plünderten jüdische Häuser und Geschäfte. Trotz Eingreifens des österreichischen Militärs wurden die Angriffe in Przemysl so gewalttätig, dass der Londoner Observer berichtete, „die gesamte jüdische Bevölkerung ist geflohen“.

Den ganzen Frühling und Sommer des Jahres hindurch gingen die judenfeindlichen Krawalle weiter, zumeist in Westgalizien. Jüdische Häuser wurden geplündert und dann in Brand gesetzt. Christen stellten Kruzifixe, Kerzen und Heiligenstatuetten in ihre Fenster, um so ihre Häuser zu retten. Das Militär wurde gerufen, um die Gewalt zu kontrollieren, aber die Ausschreitungen ließen erst Ende Juni nach, als in mehreren betroffenen Bezirken das Pendant zum Kriegsrecht ausgerufen wurde.

Anders als die Pogrome von 1898 waren die meisten galizischen Pogrome lokale Ereignisse, über die die in englischsprachigen Zeitungen nie berichtet wurde. In seinem Buch Shtetl Memoirs gibt der Autor Joachim Schönfeld mehrere Berichte wieder, dass lokalisierte Gewalt eine tägliche Bedrohung jüdischen Lebens in Galizien um die Jahrhundertwende war. In seiner Heimatstadt Sniaty (heute Snyatyn in der Ukraine) trauten sich jüdische Jungen selten aus den jüdischen Teilen der Stadt hinaus und jüdische Frachtkutscher bildeten für den Warentransport Gruppen, um nicht zum Ziel von Gewalt zu werden.

Ein ungünstiger Handel auf dem Marktplatz oder bei einer Hochzeit zu viel getrunken zu haben konnte sich in ein Pogrom wenden, bei dem Bauern durch die jüdischen Straßen der Stadt marschierten und „Tötet die Juden!“ brüllten. Juden wurden verprügelt, Fenster wurden eingeschlagen und Geschäfte geplündert. Oft war alles vorbei, bevor die Behörden eintreffen konnten. Nach Angaben von Schönfeld verbrachten die Juden von Sniatyn die folgenden Tage damit die Fenster zu ersetzen und die Schrammen und gebrochenen Knochen zu versorgen, aber es dauerte nicht lange, bis dieselben Bauern wieder auf dem Markt waren und mit jüdischen Händlern Geschäfte machten, als sei nichts geschehen.

 

Übersetzt von Heplev


Autor: Heplev
Bild Quelle: Nationalbibliothek Israels


Montag, 11 Januar 2021

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