Marmara-Gefängnis: Symbol der Unterdrückung in der Türkei

Marmara-Gefängnis: Symbol der Unterdrückung in der Türkei


Das Marmara-Gefängnis, Europas größte Hochsicherheitsanstalt, steht im Zentrum der Kritik: Journalisten, Politiker und Regimegegner von Präsident Erdogan verschwinden hinter seinen Mauern. Die Inhaftierung des ehemaligen Istanbuler Bürgermeisters Ekrem İmamoğlu löste landesweite Proteste aus – doch was verbirgt sich wirklich in diesem Komplex, der für Isolation und Folter berüchtigt ist?

Marmara-Gefängnis: Symbol der Unterdrückung in der Türkei

Das Marmara-Gefängnis, früher als Silivri-Gefängnis bekannt und seit 2022 offiziell als „Marmara-Strafvollzugscampus“ bezeichnet, liegt etwa 70 Kilometer westlich von Istanbul in der gleichnamigen Gemeinde Silivri. Es wurde 2008 eröffnet und gilt als die sicherste und größte Haftanstalt Europas. Auf einer Fläche von über einem Quadratkilometer bietet der Komplex Platz für bis zu 11.000 Insassen – doch schon 2019 war er mit 23.000 Gefangenen hoffnungslos überfüllt. Diese Überbelegung ist nur ein Aspekt, der das Gefängnis zu einem Symbol der Repression in der Türkei gemacht hat. Hier landen nicht nur gewöhnliche Kriminelle, sondern vor allem Journalisten, Politiker und Aktivisten, die sich gegen die Politik von Präsident Recep Tayyip Erdoğan stellen.

Einer der prominentesten Gefangenen ist Ekrem İmamoğlu, der ehemalige Bürgermeister von Istanbul. Seine Verhaftung im März 2025 aufgrund von Korruptionsvorwürfen und angeblicher Unterstützung terroristischer Gruppen löste eine Welle der Empörung aus. Hunderttausende gingen in Städten wie Istanbul, Ankara und Izmir auf die Straßen, um gegen diese Maßnahme zu protestieren, die von vielen als politisch motiviert angesehen wird. İmamoğlu, ein Hoffnungsträger der Opposition und potenzieller Herausforderer Erdoğans bei künftigen Wahlen, wurde in den Marmara-Komplex gebracht – ein Ort, der für viele Türkinnen und Türken inzwischen gleichbedeutend mit der Unterdrückung von Meinungsfreiheit und Demokratie ist.

Doch İmamoğlu ist kein Einzelfall. Auch der Menschenrechtsaktivist Osman Kavala sitzt seit 2017 hier ein, angeklagt wegen angeblicher Verschwörung gegen die Regierung im Zusammenhang mit den Gezi-Park-Protesten von 2013. Ebenso war der deutsch-türkische Sozialarbeiter Adil Demirci fast ein Jahr lang inhaftiert. In einem Interview mit der Deutschen Welle schilderte er die bedrückenden Zustände: „Anfangs war ich in einer Einzelzelle in Block 9 untergebracht und konnte nur durch die Tür mit den Nachbarinsassen sprechen. Das war der einzige Weg.“ Block 9 ist berüchtigt dafür, ausschließlich politische Gefangene zu beherbergen – ein klarer Hinweis darauf, dass das Gefängnis gezielt genutzt wird, um Kritiker des Regimes mundtot zu machen.

Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International und die türkische „Zivilgesellschaft im Strafvollzugssystem“ (CISST) werfen den Behörden vor, im Marmara-Gefängnis systematisch Foltermethoden anzuwenden. Dazu gehört die Isolation der Gefangenen, die oft monatelang keinen Kontakt zur Außenwelt haben. Besuche von Anwälten oder Familienmitgliedern werden regelmäßig verweigert oder stark eingeschränkt. Berichte sprechen von psychologischem Druck, physischer Misshandlung und einer perfiden Strategie, politische Gegner unterschiedlicher Couleur absichtlich zusammenzusperren. So sollen etwa linke Aktivisten mit extremistischen Islamisten in einer Zelle landen – eine Praxis, die Spannungen schürt und die Gefangenen zusätzlich destabilisiert.

Die Zustände im Gefängnis wurden auch international kritisiert. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) und das UN-Komitee gegen Folter haben wiederholt auf die Missstände hingewiesen. Laut einem Bericht der Menschenrechtsvereinigung İHD aus dem Jahr 2024 wurden allein in der Marmara-Region über 1.000 Fälle von Misshandlung dokumentiert, darunter Schläge, psychologische Tortur und unzureichende medizinische Versorgung. Die türkische Regierung weist solche Vorwürfe zurück und betont, dass das Gefängnis den internationalen Standards entspreche. Doch die Stimmen der Betroffenen und die Berichte unabhängiger Organisationen zeichnen ein anderes Bild.

Für die Anwohner von Silivri hat das Gefängnis das Image ihrer Region nachhaltig verändert. Einst bekannt für seine Sonnenblumenfelder und die malerische Küste, steht der Ort heute für staatliche Repression. Die Inhaftierung prominenter Persönlichkeiten wie İmamoğlu hat den Fokus der Weltöffentlichkeit erneut auf diesen Ort gelenkt. „Die politische Zukunft der Türkei keimt in den Zellen dieses Gefängnisses“, sagte Cemil Tugay, Bürgermeister von Izmir, nach einem Besuch bei İmamoğlu. Diese Worte fassen zusammen, was viele fühlen: Das Marmara-Gefängnis ist nicht nur eine Haftanstalt, sondern ein Schlachtfeld im Kampf um die Seele der türkischen Demokratie.

Die Proteste nach İmamoğlus Verhaftung zeigen, dass die Menschen nicht bereit sind, diese Zustände schweigend hinzunehmen. Doch solange Erdoğan an der Macht bleibt, wird das Marmara-Gefängnis wohl weiterhin ein düsteres Mahnmal bleiben – ein Ort, an dem Hoffnung und Widerstand hinter hohen Mauern eingesperrt werden.


Autor: Redaktion
Bild Quelle: Von CeeGee - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=35853114


Donnerstag, 03 April 2025

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