Anerkennung Palästinas, wachsende Kritik an Israel – und die Angst vor dem eigenen AntisemitismusAnerkennung Palästinas, wachsende Kritik an Israel – und die Angst vor dem eigenen Antisemitismus
Frankreichs Botschafter in Israel versucht die dramatischen Schritte seines Landes zu rechtfertigen – von der Anerkennung Palästinas bis zur wachsenden Judenfeindlichkeit in Paris. Doch seine Worte offenbaren weniger eine klare Strategie als ein tiefes politisches Dilemma.

Frankreich präsentiert sich als „Freund Israels“ und doch tritt es wie kaum ein anderes europäisches Land mit politischen Schritten auf, die IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen delegitimieren. Die Anerkennung eines palästinensischen Staates, die geplante Botschaft in den Palästinensergebieten, Blockaden bei Waffenmessen und diplomatische Offensiven bei den Vereinten Nationen – all das hat JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen in den vergangenen Monaten ins Mark getroffen. Nun versucht Botschafter Frédéric Journès in einem Interview, die französische Politik zu erklären. Doch seine Worte zeigen weniger eine klare Linie als vielmehr ein Dilemma zwischen Druck der Straße, europäischer Symbolpolitik und dem Anspruch, weiter als Partner Israels wahrgenommen zu werden.
Frankreich steht heute an einem Punkt, an dem es sich stärker als je zuvor zwischen zwei Fronten positioniert: auf der einen Seite die jüdische Gemeinschaft, die unter massiven Anfeindungen leidet, auf der anderen Seite ein wachsender politischer und gesellschaftlicher Druck, „Palästina“ um jeden Preis anzuerkennen.
Zwischen Freundschaft und Verrat
Journès betont, Frankreich habe „niemals die Absicht gehabt, gegen Israel zu handeln“. Man betrachte Israel als „Freundin und Partnerin für Stabilität im Nahen Osten“. Doch zugleich rechtfertigt er die Anerkennung eines palästinensischen Staates – ausgerechnet inmitten des GazaPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen-Krieges, während Geiseln weiter in den Tunneln der HamasHamas: Terrororganisation aus GazaHamas ist eine islamistische palästinensische Terrororganisation. Sie entstand 1987 aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft, lehnt Israels Existenz ab und wird von Israel, den USA, der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen festgehalten werden. Die Logik dahinter: ein diplomatischer Schritt im Rahmen einer „größeren Vision“, die Normalisierung mit Israel und eine „kleine palästinensische Staatlichkeit“ verbinden soll.
Für Israel klingt dies wie ein politisches Märchen: Hamas feiert die Entscheidung, während Paris beteuert, sich nicht von der Terrororganisation instrumentalisieren zu lassen. Netanyahu hingegen wirft Macron vor, mit seinen Schritten die Hamas zu bestärken und AntisemitismusAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen in Europa zusätzlich anzuheizen.
Das Versprechen eines „kleinen Staates“
Bemerkenswert offen sagt der Botschafter, ein künftiger palästinensischer Staat werde „sehr klein“ sein. Mit dieser Formulierung versucht Paris, Ängste in Israel zu beruhigen. Doch was wie ein Zugeständnis klingt, ist in Wahrheit eine gefährliche Relativierung: Anerkennung ohne reale Sicherheitsgarantien bedeutet, dass die Palästinenserführung – egal in welcher Form – einen diplomatischen Sieg verbuchen kann, ohne Konzessionen zu machen.
Dass Frankreich seine Entscheidung nicht an die Freilassung der Geiseln knüpfte, sorgt in Israel für Empörung. Für viele klingt es tatsächlich wie eine Belohnung für Terror. Journès verteidigt den Schritt mit dem Argument, man könne „politische Entscheidungen nicht an Bedingungen von Terrororganisationen koppeln“. Ein Satz, der in Israel wie eine Kapitulation vor dem Zynismus der Hamas wirkt.
Antisemitismus in Frankreich – das ungelöste Trauma
Besonders eindringlich wurden Journès’ Worte, als er über die Situation der Juden in Frankreich sprach. Mit Tränen in den Augen räumt er ein, dass die Zahl antisemitischer Vorfälle seit dem 7. Oktober 20237. Oktober 2023: Das Hamas-Massaker, das Israel veränderteDer 7. Oktober 2023 war der Tag des Hamas-Massakers in Israel. Terroristen aus Gaza ermordeten etwa 1.200 Menschen, vor allem Zivilisten, und verschleppten mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen.Mehr lesen auf das Dreifache gestiegen sei. Juden leben in ständiger Angst, Synagogen und Schulen werden von 15.000 Polizisten geschützt – fast so vielen wie während der Olympischen Spiele in Paris.
Frankreich hat zwar Gesetze gegen Antisemitismus an Universitäten verschärft, doch das Grundproblem bleibt: Antizionismus und IsraelhassAnti-Zionismus: Wenn Israelhass als Politik getarnt wirdAnti-Zionismus bezeichnet die Ablehnung des Zionismus und damit häufig die Ablehnung jüdischer Selbstbestimmung im Staat Israel. Nicht jede Kritik an israelischer Politik ist antisemitisch. Anti-Zionismus wird jedoch dort antisemitisch, wo Israel delegitimiert, dämonisiert oder mit doppelten Maßstäben behandelt wird.Mehr lesen sind längst Einfallstore für alte antisemitische Reflexe geworden. Wer in Frankreich heute „Palästina“ ruft, richtet seine Wut oft nicht nur gegen Israel, sondern gegen jüdisches Leben im eigenen Land.
Dass Macron dennoch die Anerkennung Palästinas vorantreibt, zeigt die Widersprüchlichkeit dieser Politik. Statt das Feuer einzudämmen, gießt er Öl hinein. Der Botschafter selbst spricht von einer „wiedergekehrten Bestie“, wenn er den Antisemitismus in Frankreich beschreibt. Doch er bleibt die Antwort schuldig, warum seine Regierung mit politischen Gesten genau jene Kräfte stärkt, die diese „Bestie“ füttern.
Zwischen Symbolik und Realität
Am Ende zeigt das Interview ein Frankreich, das zerrissen ist zwischen historischem Anspruch und politischer Schwäche. Es will Freund Israels bleiben, hofiert aber zugleich jene Kräfte, die Israel zerstören wollen. Es schützt jüdische Einrichtungen mit massivem Polizeieinsatz, treibt aber eine Politik voran, die Antisemiten bestärkt. Es verspricht Normalisierung im Nahen Osten, schafft aber neue Brüche.
Für Israel ist die Botschaft klar: Vertrauen in Frankreich ist kaum mehr möglich. Wer mitten im Krieg, während Geiseln leiden, die Terrororganisation Hamas politisch indirekt aufwertet, kann sich nicht als ehrlicher Vermittler darstellen. Die Worte des Botschafters wirken ehrlich, ja fast verzweifelt. Doch sie offenbaren vor allem, dass Frankreich seine moralische und strategische Orientierung verloren hat.
Autor: Redaktion
Samstag, 30 August 2025