Die Angst an Oxfords Elite-Uni legt ein moralisches Versagen offenDie Angst an Oxfords Elite-Uni legt ein moralisches Versagen offen
Auf dem traditionsreichsten Campus Europas herrscht eine Atmosphäre, die an längst vergangene Zeiten erinnert. Jüdische und israelische Studierende verbergen ihre Identität – und niemand schützt sie.
Die Vorstellung, dass die Universität Oxford einmal ein Schutzraum für freien Austausch gewesen sei, wirkt heute wie ein fernes Märchen. Wer den Campus dieser ehrwürdigen Institution betritt, begegnet nicht dem offenen Diskurs, den die Universität als Teil ihrer Identität pflegt, sondern einem Klima, das eher an kollektive Verfolgungsneurosen erinnert als an intellektuelle Neugier. Das wurde in diesen Wochen auf schmerzliche Weise sichtbar, als eine akademische Einladung – eine einzige, unscheinbare Vortragsankündigung – ausreichte, um eine Welle an Feindseligkeit auszulösen, die mit wissenschaftlicher Kultur nichts mehr zu tun hat.
Die berühmte Debattiergesellschaft, einst hochgelobt für ihre Bereitschaft, unliebsame Standpunkte auszuhalten, beschloss jüngst, Israel zur „gefährlicheren“ Nation gegenüber Iran zu erklären. Ein grotesker Beschluss, der sich nahtlos in die historischen Fehlurteile dieser Vereinigung einreiht: Ihre Mitglieder erklärten schon 1933, sie würden „niemals für König und Heimat kämpfen“, und adelten 1955 die Sowjetunion als „friedliebende Macht“. Die Fähigkeit, sich zuverlässig auf die falsche Seite der Geschichte zu stellen, scheint ein fester Bestandteil ihrer Tradition zu sein.
Doch heute ist die Lage ernster als jede peinliche Abstimmung. Denn der akademische Raum in Oxford ist längst nicht mehr frei. Er ist eingeschüchtert.
Schon die Veröffentlichung eines Vortrags für Master- und Promotionsstudierende löste digitale Jagdaufrufe aus: „Zerstört das Event“, „Stoppt den Zionisten“, „Er hat in der IDF gedient“. Binnen Stunden entstand eine Drohkulisse, die von sozialen Netzwerken bis in einzelne Fakultätsmitglieder reichte. Einige Dozenten im Fachbereich politische Wissenschaften forderten offen, die Veranstaltung zu verbieten. Andere schwiegen – aus Angst, aus Bequemlichkeit oder aus der beunruhigenden Überzeugung, dass es besser sei, Menschen mit unerwünschten Meinungen gar nicht erst sprechen zu lassen.
Nur ein kleiner Kreis mutiger Akademiker setzte sich dafür ein, dass Studierende auch in stürmischen Zeiten das Recht behalten, andere Sichtweisen zu hören. Es war ein dünner, wackeliger Schutzwall – aber der einzige, der blieb.
Der Vortrag selbst glich einem Untergrundtreffen: Der Ort wurde geheim gehalten, die Einladung nur ausgewählten Personen zugänglich gemacht, die Organisatoren flüsterten Anweisungen. Studierende wiesen darauf hin, dass man niemanden einlassen dürfe, den man nicht persönlich kenne. In einer Universität, die ihre Größe der Freiheit verdankt, wirkte dieser Abend wie eine finstere Parabel auf den Zustand des akademischen Westens.
In Gesprächen mit israelischen und jüdischen Studierenden zeigte sich ein bedrückendes Muster: Viele wagen es nicht mehr, Hebräisch zu sprechen, einen Davidstern zu tragen oder überhaupt zu erwähnen, dass sie aus Israel stammen. Der Reflex, sich zu verstecken, ist für sie längst Alltag. Und er wird von niemandem aufgefangen. Keine Fakultät schützt sie, keine universitäre Verwaltung ergreift Partei, keine Regierung setzt Grenzen. Unter der Labour-Regierung existiert keinerlei Strategie gegen die offene Judenfeindlichkeit, die an britischen Hochschulen wuchert.
Anders als in den USA – wo öffentliche Empörung, juristische Schritte und der Austausch mehrerer Universitätsleitungen eine Debatte erzwangen – herrscht in Großbritannien lähmendes Schweigen. Während amerikanische Institutionen verstehen mussten, dass Antisemitismus keine Folklore der „woken“ Linken ist, sondern eine reale Bedrohung für jüdisches Leben, scheint London nicht einmal am Anfang eines Lernprozesses zu stehen.
So entsteht die paradoxe Situation, dass gerade die schwächste Minderheit am Campus völlig schutzlos bleibt. Wer israelisch oder jüdisch ist, muss heute in Oxford im Verborgenen leben. Ein Zustand, der an dunkle Kapitel europäischer Geschichte erinnert – an genau jene Entwicklungen, von denen man glaubte, sie wären überwunden, gerade in einem Land, das sich gern als moralisches Bollwerk inszeniert.
Eine Universität, die ihren Zweck ernst nimmt, ist ein Ort, an dem Menschen ihre Stimme erheben dürfen, ohne Angst zu haben. Wenn dieser Raum zusammenbricht, bricht mehr als nur akademische Freiheit. Dann verliert die Gesellschaft ein Fundament: die Fähigkeit, Vielfalt auszuhalten, Minderheiten zu schützen und Wahrheit durch offenen Dialog zu suchen.
Oxford zeigt gerade, wie schnell dieses Fundament erodieren kann. Und wie bitter der Preis ist, wenn sich niemand zuständig fühlt, die Mauern zu stützen.
Denn wo jüdische Studierende wieder flüstern müssen, stimmt nicht weniger als der Zustand der Demokratie.
Autor: Redaktion
Bild Quelle: By Kiri of Karitane - Own work, CC0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=153496007
Sonntag, 30 November 2025