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Brandanschlag auf ein jüdisches Heiligtum in der Ukraine

Brandanschlag auf ein jüdisches Heiligtum in der Ukraine


Ein Mann zündete die legendäre Sadigura-Synagoge in Czernowitz an – ein Ort von einzigartiger Bedeutung für das chassidische Judentum. Die Schäden sind schwer, die Fragen bedrückend.

Brandanschlag auf ein jüdisches Heiligtum in der Ukraine

Die Brandspuren ziehen sich über die jahrhundertealten Mauern, als hätten sie sich selbst an die Geschichte gekrallt. Die Kloiz-Kadisha-Synagoge in Czernowitz – ein Herzstück der Sadigura-Dynastie und eines der bedeutendsten Gebäude in der Welt des osteuropäischen Chassidismus – steht nach einem Brandanschlag in rauchgeschwärzten, verstörenden Bildern da. In der Ukraine, in der ein jüdisches Leben voller Brüche, Verfolgungen und Wiederaufbau seit Jahrhunderten existiert, wiegt ein Angriff auf ein solches Bauwerk mehr als nur Sachschaden. Er ist ein Angriff auf Erinnerung, Identität und die fragilen Hoffnungen einer geschrumpften, aber lebendigen jüdischen Gemeinschaft.

Nach Angaben der Gemeinde gelang es einem geistig verwirrten Mann, das Gelände genau in dem Moment zu betreten, als der Wachposten kurz abwesend war. Er setzte Feuer im Inneren der Synagoge und wurde wenige Minuten später von der Polizei festgenommen. Ermittler stellten fest, dass er bereits einen Monat zuvor versucht hatte, eine Kirche anzuzünden. Dieser Umstand deutet auf ein persönliches Störungsbild hin – doch die Verheerung bleibt real, und die Fragen bleiben.

Die Gemeinde reagierte mit einer Mischung aus Schmerz und fassungsloser Trauer. „Dies ist ein sehr trauriger, sehr schmerzhafter Vorfall“, sagte Rabbiner Menachem Mendel Glitzenstein, der sowohl die Gemeinde leitet als auch als Chabad-Gesandter vor Ort dient. Er erinnerte daran, dass diese Synagoge nicht irgendein Gebäude sei, sondern ein spiritueller Mittelpunkt, der über Generationen hinweg das Leben chassidischer Gemeinschaften geprägt habe. Hier führte Rabbi Israel von Ruzhin, eine der prägendsten Figuren der osteuropäischen Frömmigkeit, seine Anhänger. Hier trafen sich vier Generationen der Sadigura-Rebbes. Und hier stand einst ein Kloiz, den chassidische Historiker als „das prachtvollste Haus des Gebets in der gesamten Bewegung“ bezeichneten.

Die Synagoge wurde erst vor knapp zehn Jahren aufwendig restauriert – ein Projekt, das sich über Jahrzehnte hinzog und die Narben des 20. Jahrhunderts heilen sollte. Dass sie nun erneut verwundet wurde, trifft die Gemeinde ins Herz. Dennoch betonte Glitzenstein, dass er in Czernowitz keine Atmosphäre des Judenhasses erlebe. Die jüdischen Einrichtungen seien gut geschützt, die Zusammenarbeit mit der Stadt funktioniere, und in der Bevölkerung herrsche weitgehende Solidarität. Diese Stimme der Vernunft ist wichtig – aber sie ändert nichts daran, dass jüdische Orte in Europa wieder und wieder zu Zielscheiben werden.

Es ist eine bittere Ironie, dass ein Mann, der nur wenige Wochen zuvor ein christliches Gotteshaus attackiert hatte, nun ein jüdisches Heiligtum in Brand setzte. Die Verbindung liegt nicht in einer politischen Ideologie, sondern in einer zerrissenen Biografie. Doch auch ein geistig gestörter Täter trifft auf Strukturen, in denen religiöse Stätten aller Art zu verletzlichen Symbolen geworden sind. Der Angriff rückt erneut ins Bewusstsein, wie prekär das Sicherheitsgefühl kleiner jüdischer Gemeinden in Osteuropa bleibt – gerade dort, wo sie seit Jahrhunderten verwurzelt sind.

Die Geschichte des Kloiz Kadisha ist eine Geschichte von Glanz, Verwüstung und Wiedergeburt. 180 Jahre nach seiner Errichtung wurde das Gebäude nach Jahrzehnten des Verfalls und der Vergessenheit neu eingeweiht – ein Akt der Hoffnung, dass jüdisches Leben selbst nach den dunkelsten Epochen wieder aufstehen kann. Diese Hoffnung bekommt nun einen Riss. Doch sie zerbricht nicht. In Czernowitz gibt es eine lebendige Gemeinschaft, die genau weiß, wie man mit solchen Erschütterungen umgeht: indem man weiterlebt, weiterbetet, weiterbaut.

 


Autor: Redaktion
Bild Quelle: Screenshot t.me/UJCUkraine


Sonntag, 30 November 2025

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