Italien stoppt Städtepartnerschaft mit Gaza – Riace gerät mit Rom aneinanderItalien stoppt Städtepartnerschaft mit Gaza – Riace gerät mit Rom aneinander
Eine kleine Gemeinde in Kalabrien will Solidarität zeigen, die italienische Regierung zieht eine klare Grenze. Der Streit um eine geplante Städtepartnerschaft mit Gaza offenbart, wie dünn die Trennlinie zwischen humanitärer Symbolik und politischer Realität geworden ist.
Die italienische Regierung hat die Reißleine gezogen. Die geplante Städtepartnerschaft zwischen der kalabrischen Gemeinde Riace und der Stadt Gaza wird nicht zustande kommen. Rom begründet die Entscheidung mit schwerwiegenden außenpolitischen Risiken und mit der Tatsache, dass die Verwaltung in Gaza untrennbar mit der Terrororganisation Hamas verbunden ist. Für die Regierung ist der Fall eindeutig. Für den Bürgermeister von Riace hingegen ist er ein moralischer Skandal.
Riace ist ein Ort mit knapp 1.800 Einwohnern, bekannt für archäologische Funde, für sein Experiment der Flüchtlingsaufnahme und für einen Bürgermeister, der Konfrontation nicht scheut. Mimmo Lucano, zugleich Mitglied des Europäischen Parlaments, wollte die Partnerschaft als Zeichen der Menschlichkeit verstanden wissen. Sein Slogan: Die Herzen von Riace und Gaza schlagen gemeinsam. Genau dieser Satz wurde zum politischen Sprengstoff.
Die Intervention kam auf höchster Ebene. In offiziellen Schreiben erklärten Außenminister und Vizepremier Antonio Tajani sowie der Minister für Regionen und Autonomien, dass ein solches Abkommen die außenpolitische Linie Italiens massiv beschädigen könne. Gaza steht unter der Kontrolle der Hamas, einer Organisation, die von der Europäischen Union als Terrororganisation eingestuft ist. Kommunale Symbolpolitik endet dort, wo internationale Verpflichtungen beginnen.
Rom ließ keinen Interpretationsspielraum. Selbst wenn die Initiative als humanitär gemeint sei, könne sie faktisch nicht von den politischen Strukturen in Gaza getrennt werden. Eine Städtepartnerschaft bedeute Anerkennung, Austausch und institutionelle Zusammenarbeit. Genau das sei mit einem Gebiet, dessen Behörden von einer Terrororganisation geprägt seien, nicht vereinbar.
Lucano reagierte empört. Er sprach von einer moralischen Bankrotterklärung, von einem Angriff auf die kommunale Autonomie und von einer bewussten Gleichsetzung von Zivilbevölkerung und Terror. In einem offenen Brief wandte er sich sogar an Staatspräsident Sergio Mattarella. Die Städtepartnerschaft, so Lucano, sei ein symbolischer Akt gegen Krieg und Leid, kein außenpolitisches Instrument.
Doch diese Argumentation blendet einen zentralen Punkt aus. In Gaza existiert keine kommunale Neutralität. Öffentliche Institutionen, Bürgermeisterämter und Verwaltungsstrukturen stehen unter dem Einfluss der Hamas. Wer offiziell mit Gaza kooperiert, schafft zwangsläufig politische Legitimität. Genau darin liegt das Problem, das Rom benennt und das viele europäische Regierungen zunehmend offen ansprechen.
Unterstützung erhielt Lucano aus dem linken politischen Spektrum. Bei einer Pressekonferenz traten ehemalige Bürgermeister und Aktivisten auf, die den Konflikt moralisch zuspitzten und von historischer Verantwortung sprachen. Der amtierende Bürgermeister von Gaza, Yahya al Sarraj, schaltete sich per Video zu und beschrieb die humanitäre Lage in drastischen Worten. Seine politische Einordnung blieb umstritten. In Israel und weiten Teilen Europas gilt die Trennung zwischen ziviler Verwaltung und Hamas in Gaza als realitätsfern.
Für Israel ist die italienische Entscheidung ein wichtiges Signal. Die klare Haltung Roms zeigt, dass humanitäre Rhetorik nicht dazu führen darf, terroristische Strukturen indirekt zu normalisieren. Gerade nach dem Massaker vom 7. Oktober und dem darauffolgenden Krieg hat sich der Blick auf Gaza grundlegend verändert. Symbolische Gesten werden nicht mehr isoliert betrachtet, sondern im Kontext ihrer politischen Wirkung.
Riace selbst bleibt gespalten. Der Ort trägt eine lange Geschichte von Idealismus und Widerstand gegen staatliche Vorgaben. Die berühmten Bronzestatuen von Riace stehen für kulturelle Größe, das Flüchtlingsmodell für sozialen Mut. Doch nicht jede Geste, die sich moralisch nennt, ist politisch harmlos. Diese Grenze wurde nun sichtbar gezogen.
Die italienische Regierung verteidigt ihre Entscheidung mit Nachdruck. Außenpolitik sei keine kommunale Spielwiese, heißt es hinter den Kulissen. Italien stehe zur Unterstützung humanitärer Hilfe für Zivilisten in Gaza, aber nicht zur institutionellen Aufwertung von Strukturen, die mit Hamas verknüpft sind. Diese Differenzierung ist entscheidend und in Zeiten wachsender Israel Feindlichkeit in Europa alles andere als selbstverständlich.
Der Streit um Riace ist damit mehr als eine lokale Episode. Er zeigt, wie stark der Nahostkonflikt inzwischen bis in die Rathäuser kleiner europäischer Gemeinden wirkt. Und er zeigt, dass Regierungen beginnen, klare Linien zu ziehen, wo moralische Symbolik politische Folgen hat.
Am Ende bleibt eine nüchterne Erkenntnis. Solidarität darf nicht blind machen. Wer Frieden will, muss Terror benennen. Und wer humanitäre Hilfe leisten möchte, darf nicht ignorieren, wem er damit politische Bühne verschafft.
Autor: Redaktion
Bild Quelle: Von Marcuscalabresus - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=173981019
Donnerstag, 01 Januar 2026