Irlands Holocaust Unwissen wird zur politischen Gefahr

Irlands Holocaust Unwissen wird zur politischen Gefahr


Eine neue Umfrage zeigt dramatische Lücken im Wissen über den Holocaust in Irland. Gleichzeitig wächst der Druck auf Juden und auf jede Form von Israel Bezug im öffentlichen Raum. Beides hängt zusammen, weil Unwissen die Eintrittskarte für Verharmlosung, Leugnung und Hass ist.

Irlands Holocaust Unwissen wird zur politischen Gefahr

In Irland weiß rund 50 % der erwachsenen Bevölkerung nicht, dass 6 Millionen Juden im Holocaust ermordet wurden. Unter 18 bis 29 Jährigen glaubt nahezu 1 von 12, der Holocaust sei ein Mythos, weitere 19 % halten das Verbrechen für stark übertrieben und gehen von deutlich weniger Opfern aus.

Diese Zahlen stammen aus einer Umfrage, die im Auftrag der Claims Conference durchgeführt und von Global Strategy online erhoben wurde. Befragt wurden 1.000 Erwachsene, die Stichprobe wurde an die Altersstruktur der jüngsten Volkszählung angepasst, die Fehlermarge liegt bei plus minus 3,1 Prozentpunkten. Veröffentlicht wurden die Ergebnisse kurz vor dem internationalen Holocaust Gedenktag am 27. Januar.

Wer das als Bildungsdetail abtut, verkennt die politische Sprengkraft. Der Holocaust ist nicht irgendein Kapitel europäischer Geschichte. Er ist der Bezugspunkt, an dem sich entscheidet, ob eine Gesellschaft Antisemitismus als das erkennt, was er ist: eine ideologische Weltdeutung, die Juden zu Sündenböcken macht und am Ende jede Demokratie von innen aushöhlt. Wenn dieses Fundament bröckelt, wird alles andere instabil: der Umgang mit jüdischem Leben, die Fähigkeit, moderne antisemitische Codes zu entlarven, und auch die Urteilskraft, wenn Israel im Zentrum politischer Emotionen steht.

Die Umfrage zeigt mehr als Unkenntnis. 12 % der Befragten gaben an, sie hätten noch nie vom Holocaust gehört oder seien sich nicht sicher, ob sie davon gehört hätten. In der Altersgruppe 18 bis 29 Jahre liegt dieser Wert bei 15 %. Das ist nicht nur beschämend. Es ist gefährlich.

Denn parallel zu dieser Unwissenheit wächst der Raum, in dem Verzerrung normal wird. Nahezu 50 % der 18 bis 29 Jährigen berichten, sie seien in sozialen Medien bereits Holocaust Leugnung oder Holocaust Verzerrung begegnet. Wer in einem Informationsraum sozialisiert wird, in dem Leugnung als Clip, Meme oder scheinbar nüchterne Statistik daherkommt, braucht solide historische Bildung, um sich nicht manipulieren zu lassen. Fehlt sie, gewinnt nicht die offene Debatte, sondern die lauteste Lüge.

Wenn Wissen fehlt, gewinnt die Lüge

Der wichtigste Befund der Umfrage ist nicht nur die Zahl der Unwissenden. Es ist die Kombination aus Unwissen und gleichzeitiger digitaler Dauerbeschallung. Diese Mischung ist das ideale Biotop für extremistische Erzählungen. Denn Holocaust Leugnung ist selten nur Leugnung. Sie ist fast immer ein Türöffner für ein Gesamtpaket: Juden als Täuscher, Juden als Strippenzieher, Juden als moralischer Betrug. Wer das akzeptiert, akzeptiert später auch andere Formen von Antisemitismus, oft ohne es noch so zu nennen.

Gleichzeitig zeigt die Umfrage eine zweite Wahrheit: 92 % der Befragten halten es für wichtig, den Holocaust zu unterrichten, 88 % finden, das Thema sollte in Schulen gelehrt werden. Das ist der Hebel. Irland ist nicht verloren. Aber Irland steht an einem Punkt, an dem gute Absichten nicht mehr reichen.

Die Claims Conference warnt seit Jahren, dass in westlichen Demokratien nicht nur das Detailwissen sinkt, sondern auch die Fähigkeit, historische Fakten gegen moderne Desinformation zu verteidigen. Sie verweist dabei auf ähnliche Tendenzen, die in Studien in den USA und in Europa sichtbar wurden. Der Präsident der Claims Conference, Gideon Taylor, spricht von einem Wendepunkt, weil die Zeit der Überlebenden zu Ende geht und damit die unmittelbarste Form der Zeugenschaft verschwindet. Das ist keine Pathosformel. Es ist eine nüchterne Feststellung: Wenn die Stimme der Überlebenden verstummt, muss Bildung lauter werden, nicht leiser.

Was hier oft unterschätzt wird: Unwissen ist nicht neutral. Unwissen ist ein Machtfaktor. Es macht Menschen abhängig von dem, was ihnen als Erklärung angeboten wird. Und diese Angebote kommen nicht nur von Lehrern und Historikern. Sie kommen von Aktivisten, Influencern, Parteien, Telegram Kanälen, auch von Akteuren, die gezielt an der Delegitimierung jüdischer Existenz arbeiten.

Irland liefert dafür bereits Warnzeichen. Der Chief Rabbi Yoni Wieder kündigte an, dass ein Bericht der Jewish Representative Council of Ireland über antisemitische Vorfälle im Land mehr als 100 Fälle innerhalb von 4 Monaten im Jahr 2025 dokumentieren werde. Zugleich sprach er von einer Zunahme antisemitischer Schmierereien, darunter explizite Aufrufe wie „Kill Jews“. Das ist nicht die Sprache von politischer Israel Kritik. Das ist Judenhass in Reinform.

Wer hier nicht klar trennt, wird angreifbar und macht sich zugleich blind. Es gibt legitime Kritik an jeder Regierung, auch an einer israelischen. Aber wenn in Irland jüdische Menschen bedroht werden, wenn Graffiti zum Mord an Juden aufrufen, wenn jüdische Symbole beschmiert werden, dann ist das nicht Israel Politik. Dann ist es Antisemitismus. Und dann muss der Staat handeln, ohne Ausflüchte.

Die europäischen Daten verstärken das Bild. Die EU Grundrechteagentur FRA hält fest, dass Antisemitismus in Europa für viele Juden alltägliche Realität ist und dass viele sich nicht sicher fühlen, offen jüdisch zu leben. Diese Erkenntnis ist nicht abstrakt. Sie beschreibt den Zustand einer Gesellschaft, in der jüdisches Leben wieder unter Rechtfertigungsdruck gerät.

Israel als Projektionsfläche, Politik als Brandbeschleuniger

Irland ist in Europa seit Jahren besonders laut in seiner Kritik an Israel. Kritik ist erlaubt, selbstverständlich. Aber in der Praxis entstehen in Irland zunehmend Situationen, in denen Israel zum moralischen Ersatzobjekt wird und Juden im Land den Preis zahlen. Das ist der Punkt, an dem es gefährlich wird: Wenn Israel nicht mehr als Staat betrachtet wird, dessen Handeln man kritisieren kann, sondern als Symbol, an dem man das eigene Weltbild abarbeitet. Dann kippt Kritik schnell in Dämonisierung. Und Dämonisierung ist der klassische Vorraum antisemitischer Erzählungen.

Die diplomatische Krise zwischen Israel und Irland hat diese Spannung verschärft. Israel kündigte im Dezember 2024 an, seine Botschaft in Dublin zu schließen, und begründete dies mit einer aus israelischer Sicht extrem anti israelischen Politik Irlands. Irische Regierungsvertreter wiesen Antisemitismus Vorwürfe zurück und betonten ihren menschenrechtlichen Ansatz. Man muss nicht jede israelische Entscheidung teilen, um den Mechanismus zu erkennen: In aufgeheizten Zeiten erzeugen politische Spitzen, Medienbilder und Straßenproteste ein Klima, in dem die Grenze zwischen Israel Kritik und Judenfeindschaft verwischt. Nicht automatisch, aber viel zu oft.

Ein konkreter Marker ist die Debatte um die IHRA Arbeitsdefinition von Antisemitismus. Irland hat diese nicht rechtsverbindliche Definition als Orientierung endorsed, was im Land selbst umstritten ist. Hier gilt: Wer die IHRA Definition nutzt, muss sie verantwortungsvoll nutzen. Sie darf nicht als Knüppel gegen legitime Israel Kritik missbraucht werden. Aber sie ist auch kein Vorwand, Antisemitismus kleinzureden. Ihre Beispiele machen sichtbar, wie Antisemitismus heute häufig auftritt: nicht nur als Hass auf Juden als Juden, sondern auch als doppelte Standards und Delegitimierung, wenn Israel als jüdischer Staat als einzigartig böse markiert wird. Die Debatte darüber ist politisch heikel, aber gerade deshalb notwendig.

Irlands Regierung hat in offiziellen Erklärungen deutlich gemacht, dass es keinen Raum für Antisemitismus in der irischen Gesellschaft geben dürfe, unter anderem nach Treffen mit Vertretern der jüdischen Gemeinschaft. Diese Sätze sind richtig. Aber Sätze reichen nicht. Entscheidend ist, ob Politik und Institutionen bereit sind, Antisemitismus auch dann zu benennen, wenn er sich in pro palästinensischer Symbolik versteckt, wenn er als Menschenrechtsrhetorik daherkommt oder wenn er sich in der kulturellen und akademischen Sphäre normalisiert.

Ein Beispiel für diese Normalisierung war die Debatte in Dublin um einen Vorschlag, Herzog Park umzubenennen, benannt nach Chaim Herzog, der in Irland aufwuchs und später Präsident Israels wurde. Der Vorschlag löste heftige Kritik aus, unter anderem weil er als Auslöschung irisch jüdischer Geschichte wahrgenommen wurde, und wurde letztlich zurückgezogen. Auch hier muss man sauber bleiben: Nicht jede Umbenennung ist Antisemitismus. Aber wenn ausgerechnet jüdische Erinnerungssymbole zum Spielball politischer Israel Signale werden, dann entsteht ein Muster. Und Muster sind politisch relevant.

Was hat das alles mit der Holocaust Umfrage zu tun. Sehr viel.

Denn eine Gesellschaft, die nicht mehr weiß, was 6 Millionen ermordete Juden bedeuten, erkennt die Warnzeichen nicht. Sie erkennt nicht, wie schnell Sprache kippt. Sie erkennt nicht, wie alte Mythen in neue Verpackungen wandern. Und sie erkennt nicht, dass Antisemitismus nicht erst bei einem Angriff beginnt, sondern bei der Verharmlosung, beim Witz, beim Meme, beim Schweigen, beim Wegsehen.

Vor allem aber wird Israel in solchen Gesellschaften leichter zur Chiffre. Wenn der Holocaust aus dem Bewusstsein rutscht, verliert auch die jüdische Geschichte in Europa ihren emotionalen Schutzraum. Israel wird dann nicht mehr als Zufluchtsort für ein überlebendes Volk verstanden, sondern als beliebiger Staat, auf den man alle moralischen Erwartungen projizieren kann, oft mit Maßstäben, die man an kein anderes Land anlegt. Und genau diese doppelten Standards sind ein klassisches Einfallstor für modernen Antisemitismus.

Das wirkt sich konkret aus, auch auf Juden in Irland. Wenn das gesellschaftliche Klima kippt, wird jüdische Identität politisiert. Menschen werden nicht mehr als Bürger wahrgenommen, sondern als Stellvertreter. Sie sollen sich rechtfertigen, distanzieren, Bekenntnisse ablegen. Das ist eine Form von Entmenschlichung, die historisch immer wieder der Anfang war.

Die FRA Daten beschreiben, dass viele Juden in Europa Antisemitismus als wachsend wahrnehmen und dass er besonders online problematisch ist. Irlands Umfrage zeigt, wie wenig Widerstandskraft die Gesellschaft dem entgegensetzt, wenn das historische Basiswissen fehlt.

Hier liegt auch eine unbequeme Wahrheit für Politik und Medien: Wer den Holocaust nur als jährliches Ritual behandelt, produziert genau das, was die Umfrage sichtbar macht. Gedenktage ohne Bildungsalltag sind symbolisch, aber wirkungsschwach. Die Zustimmung zu Holocaust Unterricht von 92 % ist eine Chance, aber nur, wenn sie nicht in Sonntagsreden versickert.

Was wäre nötig.

Erstens: verbindliche, frühe, wiederholte Holocaust Bildung, nicht als moralischer Appell, sondern als Faktenkompetenz. Wer 6 Millionen nicht kennt, hat kein Fundament.

Zweitens: eine klare politische Linie gegen Antisemitismus, die nicht danach fragt, aus welchem Lager er kommt. Wenn ein Bericht über 100 Vorfälle in 4 Monaten angekündigt wird, muss das Konsequenzen haben: Strafverfolgung, Schutz jüdischer Einrichtungen, klare Kommunikation.

Drittens: Medienkompetenz als Antisemitismus Prävention. Wenn nahezu 50 % der jungen Menschen Holocaust Leugnung online sehen, reicht es nicht, das zu beklagen. Dann braucht es sichtbare Gegenstrategien, Kooperationen mit Plattformen, und eine Schule, die Quellenkritik nicht als Kür, sondern als Pflicht vermittelt.

Viertens: ein ehrlicher Umgang mit Israel Debatten. Wer Israel kritisiert, soll das tun dürfen. Aber wer Israel dämonisiert, wer jüdische Symbole angreift, wer Juden kollektiv haftbar macht, verlässt den Raum der legitimen Politik. Diese Grenze muss man in Irland deutlicher ziehen, gerade weil das Land politisch so stark positioniert ist.

Und fünftens: Schutz des jüdischen Lebens als Maßstab. Nicht als PR, nicht als diplomatisches Werkzeug, sondern als Staatsaufgabe. Die irische Regierung betont offiziell, Antisemitismus habe keinen Platz. Diese Aussage muss im Alltag spürbar werden.

Die Umfrage ist deshalb kein isolierter Bildungsbefund. Sie ist ein Seismograf. Irland zeigt, wohin Europa insgesamt driftet, wenn Erinnerung zur Kulisse wird: in eine Gegenwart, in der die größte Lüge wieder anschlussfähig wird, weil zu viele das größte Verbrechen nicht mehr kennen.

Wer 6 Millionen nicht mehr einordnen kann, wird leichter manipulierbar. Wer manipulierbar ist, wird leichter radikalisiert. Und wer radikalisiert wird, sucht sich Sündenböcke. Juden waren in Europa zu oft die ersten. Es wäre eine historische Bankrotterklärung, wenn Europa das erneut zulässt, weil Unterrichtsstunden fehlten und politische Klarheit aus Angst vor Streit ausblieb.


Autor: Samuel Benning
Bild Quelle: By Bernhard Walter - Yad Vashem: "Jews undergoing selection on the ramp. Visible in the background is the famous entrance to the camp. Some veteran inmates are helping the new comers.", Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=39226962


Freitag, 23 Januar 2026

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