Antisemitischer Vorfall am Flughafen Krakau: Israelis bei Gebet angegangenAntisemitischer Vorfall am Flughafen Krakau: Israelis bei Gebet angegangen
Am Flughafen Krakau wurden orthodoxe Israelis vor laufender Kamera beschimpft und bedrängt. Der Vorfall wirft erneut Fragen nach der Sicherheit jüdischen Lebens in Europa auf und zeigt, wie schnell religiöse Sichtbarkeit zur Zielscheibe wird.
Am internationalen Flughafen von Krakau kam es am Montagabend zu einem antisemitischen Zwischenfall, der inzwischen weit über Polen hinaus Aufmerksamkeit erregt. Mehrere orthodoxe Israelis, die sich vor ihrem Rückflug nach Israel zu einem kurzen Gebet versammelt hatten, wurden von einem Mitarbeiter des Flughafens verbal angegangen und körperlich bedrängt. Teile des Geschehens wurden gefilmt und verbreiteten sich innerhalb weniger Stunden in sozialen Netzwerken.
Nach übereinstimmenden Aussagen der Betroffenen standen etwa zehn Männer abseits des regulären Passagierbereichs, ohne Durchgänge zu blockieren oder andere Reisende zu behindern. Das Gebet dauerte nur wenige Minuten. Dennoch näherte sich ihnen ein Mann, der laut Augenzeugen eine offizielle Mitarbeiterkennzeichnung des Flughafens trug und mutmaßlich bei einem Dienstleister für Gepäckverpackung beschäftigt ist.
Was folgte, beschreiben die Betroffenen als plötzliche Eskalation ohne erkennbare Provokation.
Ein Augenzeuge berichtete, der Mann habe begonnen zu schreien, die Gruppe aufgefordert, das Land zu verlassen, und wiederholt gerufen, dies sei Polen und nicht Israel. In mehreren Videoaufnahmen ist zu sehen, wie der Mitarbeiter aggressiv gestikuliert, einen der Männer wegstößt und lautstark protestiert. Nach Angaben der Betroffenen blieb es nicht bei Beschimpfungen. Der Mann soll zudem gespuckt und versucht haben, einzelne Personen körperlich einzuschüchtern.
Ein anwesender Rabbiner, selbst polnischer Herkunft, sprach später von einem Moment großer Fassungslosigkeit. Viele der Männer seien ältere, respektvolle Reisende gewesen, die bewusst ruhig geblieben seien, um die Situation nicht weiter anzuheizen. Trotz der Anfeindungen habe niemand körperlich reagiert.
Besonders deutlich wird der Charakter des Vorfalls in den aufgezeichneten Wortmeldungen. Der Angreifer stellte das religiöse Gebet als Provokation dar, sprach den Betroffenen faktisch das Recht auf freie Religionsausübung ab und verband seine Ausfälle mit politischen Vorwürfen gegen Israel. Aussagen dieser Art zeigen eine Vermischung von politischem Ressentiment und klassischem Antisemitismus, bei dem Juden kollektiv für staatliche Entscheidungen verantwortlich gemacht werden.
Einzelfall mit größerer Bedeutung
Auch wenn bislang keine Hinweise auf eine organisierte Tat vorliegen, ist der Vorfall keineswegs isoliert zu betrachten. Jüdische Gemeinden in vielen europäischen Ländern berichten seit Monaten von einer wachsenden Zahl ähnlicher Ereignisse. Besonders sichtbar betroffen sind religiöse Juden, deren Kleidung sie eindeutig identifizierbar macht.
Der Flughafen Krakau ist kein Randort, sondern ein international frequentierter Verkehrsknotenpunkt. Dass ein solcher Vorfall ausgerechnet dort durch einen Mitarbeiter geschieht, verstärkt die Verunsicherung vieler jüdischer Reisender. Für die Betroffenen geht es dabei nicht nur um eine einzelne aggressive Begegnung, sondern um das Gefühl, im öffentlichen Raum nicht mehr selbstverständlich geschützt zu sein.
Bislang ist nicht bekannt, ob der Mitarbeiter unmittelbar nach dem Vorfall vom Dienst suspendiert wurde. Offizielle Stellungnahmen der Flughafenleitung lagen zum Zeitpunkt der Veröffentlichung noch nicht vor. Die polnischen Behörden wurden informiert.
Zwischen Erinnerungskultur und Gegenwart
Der Vorfall ereignete sich ausgerechnet in einem Land, das eine zentrale Rolle in der europäischen Erinnerung an die Schoah trägt. Polen ist Standort ehemaliger deutscher Vernichtungslager, zugleich aber auch Heimat einer wieder wachsenden jüdischen Gemeinschaft. Gerade vor diesem Hintergrund wirkt ein solcher Angriff besonders schwerwiegend.
Viele der Betroffenen betonten, dass sie Polen nicht pauschal verurteilen wollten. Gleichzeitig machten sie deutlich, dass Worte allein nicht ausreichen. Wer jüdisches Leben in Europa schützen wolle, müsse klar handeln, vor allem dann, wenn antisemitisches Verhalten aus staatlichen oder halböffentlichen Strukturen heraus geschieht.
Der Vorfall in Krakau zeigt, wie brüchig das Sicherheitsgefühl jüdischer Menschen weiterhin ist. Nicht in dunklen Gassen, sondern mitten im Alltag, vor Kameras, unter Reisenden aus aller Welt. Antisemitismus tritt heute oft offen auf, laut, selbstbewusst und ohne Angst vor Konsequenzen.
Dass die Betroffenen ruhig geblieben sind, verdient Respekt. Dass sie sich dennoch gezwungen sehen, solche Erlebnisse öffentlich zu machen, ist ein Zeichen dafür, dass Wegsehen keine Option mehr ist. Jüdisches Leben darf in Europa nicht geduldet wirken, sondern muss selbstverständlich geschützt sein.
Autor: Redaktion
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Dienstag, 27 Januar 2026