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Irland schaut weg während jüdisches Leben unter Druck gerät

Irland schaut weg während jüdisches Leben unter Druck gerät


Antisemitische Übergriffe nehmen zu, jüdische Familien ziehen sich zurück, öffentliche Stellen relativieren. Irland pflegt weiter sein moralisches Selbstbild, doch für viele Juden im Land fühlt sich der Alltag längst nicht mehr sicher an.

Irland schaut weg während jüdisches Leben unter Druck gerät

Irland sieht sich gern als moralisches Gewissen Europas. Als Stimme der Unterdrückten, als Land, das aus eigener historischer Erfahrung weiß, was Ausgrenzung bedeutet. Doch genau dieses Selbstbild beginnt zu bröckeln. Nicht wegen einer politischen Debatte über Israel, sondern wegen etwas Grundsätzlicherem: der wachsenden Feindseligkeit gegenüber Juden im eigenen Land und der auffälligen Weigerung vieler Verantwortlicher, dieses Problem klar zu benennen.

In den vergangenen Monaten ist die Zahl antisemitischer Vorfälle in Irland deutlich gestiegen. Fast 150 dokumentierte Fälle innerhalb von fünf Monaten werden derzeit von der jüdischen Vertretung des Landes ausgewertet. Es geht dabei nicht um politische Demonstrationen oder hitzige Diskussionen über den Nahostkonflikt. Es geht um beschmierte Häuser, offene Mordaufrufe in Graffiti, Beleidigungen im öffentlichen Raum, verweigerte Dienstleistungen in Geschäften und sogar Berichte über medizinische Behandlungen, die jüdischen Patienten versagt wurden.

Das ist keine Randerscheinung mehr. Und dennoch wird sie im politischen Diskurs häufig kleingeredet.

Wenn Angst leise wird

Irland ist kein Land, in dem täglich Synagogen brennen oder Menschen offen gejagt werden. Genau darin liegt das Problem. Antisemitismus tritt hier nicht als offener Pogrom auf, sondern als schleichende Normalisierung. Als Atmosphäre.

Viele jüdische Familien vermeiden es inzwischen, sichtbar jüdisch zu sein. Kippa, Davidstern, Hebräisch im öffentlichen Raum all das wird zunehmend als Belastung empfunden. Nicht zwingend aus Angst vor körperlicher Gewalt, sondern aus Sorge vor Anfeindung, Bewertung, sozialer Ausgrenzung.

Besonders belastend ist für viele Juden, dass ihre Verbindung zu Israel zunehmend als Makel behandelt wird. Wer Angehörige beim Hamas-Massaker am 7. Oktober verloren hat oder im anschließenden Krieg, berichtet davon, dass selbst Trauer kaum öffentlich gezeigt werden konnte. Gedenkveranstaltungen wurden gestört, stille Mahnwachen von aggressiven Protesten begleitet.

Das Signal ist eindeutig: Jüdisches Leid ist in Irland nur dann akzeptiert, wenn es sich von Israel vollständig löst.

Politische Rhetorik mit Folgen

Viele irische Politiker betonen, ihre Kritik richte sich ausschließlich gegen die israelische Regierung. Doch zwischen Absicht und Wirkung klafft eine gefährliche Lücke. Eine dauerhaft einseitige, emotional aufgeladene Rhetorik wirkt wie ein Brandbeschleuniger.

Wer Israel systematisch delegitimiert, liefert jenen eine moralische Rechtfertigung, die Juden im eigenen Land unter Druck setzen wollen. Diese Dynamik wird von jüdischen Vertretern seit Jahren benannt doch sie stößt immer wieder auf Abwehr.

Besonders schmerzhaft war für viele, als der irische Präsident antisemitische Sorgen öffentlich als reine PR-Strategie Israels abtat. Für eine jüdische Minderheit war das ein fatales Signal: Wenn selbst das Staatsoberhaupt Diskriminierung nicht ernst nimmt, an wen soll man sich dann wenden?

In kaum einem anderen europäischen Land wäre es denkbar, Vorwürfe von Rassismus oder Islamfeindlichkeit so pauschal abzutun. Bei Juden scheint diese Sensibilität zu fehlen.

Universitäten als ideologische Beschleuniger

Ein besonderer Brennpunkt sind irische Hochschulen. Dort hat sich über Jahre ein aktivistisches Klima entwickelt, das unter dem Deckmantel der Menschenrechte zunehmend ideologisch agiert. Israel wird dabei nicht als Staat kritisiert, sondern als moralisch illegitim dargestellt.

In dieser Atmosphäre gedeihen Narrative, die jüdische Geschichte relativieren, jüdische Selbstbestimmung infrage stellen und israelische Existenz als koloniales Projekt diffamieren. Für jüdische Studierende bedeutet das: Isolation, soziale Ächtung, permanenter Rechtfertigungsdruck.

Was als politisches Engagement beginnt, endet nicht selten in offener Ausgrenzung.

Geschichte als Filter, nicht als Erklärung

Irlands starke Identifikation mit der palästinensischen Sache speist sich aus der eigenen Vergangenheit. Der Kampf gegen die britische Herrschaft prägt bis heute das nationale Selbstverständnis. Viele projizieren dieses Narrativ auf den Nahostkonflikt und ordnen Rollen vorschnell zu: hier der vermeintliche Unterdrücker, dort der ewige Unterlegene.

Doch Geschichte als emotionaler Filter ersetzt keine sachliche Analyse. Wer den Konflikt ausschließlich durch das Prisma eigener Traumata betrachtet, blendet seine Komplexität aus und verliert den Blick für die Menschen im eigenen Land, die darunter leiden.

Hinzu kommen historische Brüche, die selten offen diskutiert werden: Irlands Zurückhaltung während der Shoah, die Weigerung, jüdische Flüchtlinge aufzunehmen, und symbolträchtige Entscheidungen wie das offizielle Beileid zum Tod Adolf Hitlers im Jahr 1945. Diese Kapitel passen nicht zum heutigen moralischen Selbstbild und werden deshalb oft verdrängt.

Wenn Erinnerung selektiv wird

Besonders sichtbar wurde diese Entwicklung in der Debatte um öffentliche Symbole. Der Versuch, einen nach dem israelischen Präsidenten Chaim Herzog benannten Park umzubenennen, traf die jüdische Gemeinschaft tief. Nicht wegen politischer Meinungsverschiedenheiten, sondern wegen der dahinterstehenden Botschaft: Jüdische Anerkennung ist nur dann akzeptabel, wenn sie keinen Bezug zu Israel hat.

Damit wird eine Grenze gezogen, die nicht andere Minderheiten trifft. Juden sollen dazugehören, aber nur unter Bedingungen. Nur, wenn sie einen zentralen Teil ihrer Identität unsichtbar machen.

Das ist keine politische Kritik mehr. Das ist Ausgrenzung.

Ein Staat ohne Strategie

Während antisemitische Vorfälle zunehmen, fehlt in Irland bis heute ein nationaler Aktionsplan gegen Judenhass. Zwar wurde die internationale Antisemitismus-Definition formal übernommen, doch sie wird kaum angewendet. Anzeigen verlaufen im Sand, Online-Hass bleibt oft folgenlos.

Sicherheit für jüdische Einrichtungen existiert, doch sie wirkt halbherzig. Viele Gemeinden fragen sich, warum sie erst geschützt werden müssen, statt dass das gesellschaftliche Klima selbst verändert wird.

Antisemitismus lässt sich nicht allein mit Polizeipräsenz bekämpfen. Er entsteht dort, wo Worte entgrenzt werden, wo Verantwortung relativiert wird und wo Moral selektiv angewandt wird.

Eine Gemeinschaft, die dennoch bleibt

Trotz allem gibt es auch eine andere Realität. Eine jüdische Gemeinschaft, die sich nicht zurückzieht, sondern enger zusammenrückt. Synagogen verzeichnen steigende Besucherzahlen, kulturelle Veranstaltungen erleben neuen Zuspruch. Viele Menschen entscheiden sich bewusst dafür, ihre jüdische Identität gerade jetzt sichtbar zu leben.

Nicht aus Trotz, sondern aus Würde.

Irland steht an einem Punkt, an dem es sich entscheiden muss. Will es weiter moralisch über andere urteilen oder endlich hinschauen, was im eigenen Land geschieht?

Denn Antisemitismus beginnt nicht mit Gewalt. Er beginnt mit Gleichgültigkeit.


Autor: Redaktion
Bild Quelle: By Albert White from Ireland - Gaza Demonstartion in Dublin, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=152274499


Donnerstag, 29 Januar 2026

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