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Antisemitismus ist kein Randproblem mehr, Europa schaut weg, während Judenhass wächst

Antisemitismus ist kein Randproblem mehr, Europa schaut weg, während Judenhass wächst


Mehr als die Hälfte der Europäer erkennt Antisemitismus als Problem im eigenen Land. Doch zwischen Erkenntnis und Konsequenz klafft eine gefährliche Lücke. Die Zahlen entlarven ein Europa, das warnt, aber nicht handelt.

Antisemitismus ist kein Randproblem mehr, Europa schaut weg, während Judenhass wächst

Eine aktuelle Umfrage der Europäischen Kommission zeigt ein alarmierendes Bild. 55 Prozent der Bürgerinnen und Bürger in der Europäischen Union sind der Ansicht, dass Antisemitismus in ihrem Land ein Problem darstellt. Damit ist der Anteil deutlich gestiegen. Noch 2018 lag er bei 50 Prozent. Fast jede zweite befragte Person geht davon aus, dass antisemitische Tendenzen in den vergangenen fünf Jahren weiter zugenommen haben.

Die Befragung, an der mehr als 26.000 Menschen in allen EU-Staaten teilnahmen, wurde am internationalen Holocaust Gedenktag veröffentlicht. Allein dieser Zeitpunkt verleiht den Ergebnissen eine bedrückende Symbolik. Acht Jahrzehnte nach der Shoa erkennt eine Mehrheit der Europäer erneut, dass Judenhass zurück ist. Offen, aggressiv und zunehmend gesellschaftsfähig.

Besonders deutlich ist die Wahrnehmung in westeuropäischen Staaten. In Frankreich halten 74 Prozent Antisemitismus für ein ernstes Problem, in Italien 73 Prozent, in Schweden ebenfalls 73 Prozent. Noch drastischer fällt die Einschätzung zur physischen Sicherheit jüdischer Menschen aus. In Frankreich glauben 90 Prozent der Befragten, Juden seien dort real von Gewalt bedroht. In Italien sind es 81 Prozent, in Deutschland 74 Prozent.

Diese Werte beschreiben kein Gefühl, sondern ein Klima.

Viele Befragte nannten konkrete Erscheinungsformen. Feindseligkeit in der Öffentlichkeit, Drohungen auf der Straße, Beschimpfungen im Alltag. Antisemitische Schmierereien an Synagogen und jüdischen Einrichtungen. Hass im Internet, der sich nahezu ungebremst verbreitet. Mehr als 60 Prozent sehen genau hier die größten Gefahren.

Besonders bezeichnend ist ein weiterer Befund: Rund 70 Prozent der Europäer glauben, dass Konflikte im Nahen Osten direkten Einfluss darauf haben, wie Juden in ihren Ländern wahrgenommen werden. Mit anderen Worten: Jüdinnen und Juden werden kollektiv verantwortlich gemacht für Ereignisse, auf die sie keinen Einfluss haben.

Das ist der Kern des Problems.

Israelkritik wird längst nicht mehr von Juden getrennt. Sie wird auf Menschen projiziert, die weder politische Macht noch militärische Verantwortung tragen. Antisemitismus tarnt sich als politische Haltung, doch im Alltag trifft er jüdische Familien, Kinder, Gemeinden.

Gleichzeitig offenbart die Umfrage ein weiteres Versagen. Nur knapp die Hälfte der Befragten ist der Meinung, dass der Holocaust ausreichend in Schulen behandelt wird. Ebenso viele wissen nicht einmal, dass Holocaustleugnung in vielen Ländern strafbar ist.

Das bedeutet: Erinnerung existiert, aber sie wirkt nicht mehr.

Europa gedenkt, legt Kränze nieder, hält Reden. Doch währenddessen wachsen auf Schulhöfen, in sozialen Netzwerken und auf Demonstrationen Narrative, die Juden erneut als Problem darstellen. Nicht als Mitbürger, sondern als Projektionsfläche.

Das politische Europa reagiert darauf zögerlich. Antisemitismus wird benannt, aber selten konsequent bekämpft. Programme werden angekündigt, doch Sicherheitsmaßnahmen für jüdische Einrichtungen bleiben oft nationalen Budgets überlassen. Strafverfolgung im digitalen Raum scheitert regelmäßig an Zuständigkeiten oder mangelndem politischen Willen.

Dabei ist die Lage eindeutig.

Wenn eine Mehrheit der europäischen Bevölkerung erkennt, dass Juden in ihren Ländern bedroht sind, dann ist das kein Minderheitenproblem mehr. Es ist ein strukturelles Versagen staatlicher Verantwortung.

Antisemitismus beginnt nicht mit Gewalt. Er beginnt mit Relativierung, mit Schweigen, mit dem Satz: Man müsse ja auch die andere Seite verstehen. Genau diese Haltung hat Europa schon einmal in die Katastrophe geführt.

Die Zahlen dieser Umfrage zeigen nicht nur Angst. Sie zeigen Gewöhnung. Und genau das macht sie so gefährlich.

Denn wo Judenhass als Dauerzustand akzeptiert wird, verliert Europa seinen moralischen Kern.




Autor: Bernd Geiger
Bild Quelle:
Sonntag, 01 Februar 2026

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