Antisemitischer Mord in Lyon vor Gericht: Frankreich steht vor einer BewährungsprobeAntisemitischer Mord in Lyon vor Gericht: Frankreich steht vor einer Bewährungsprobe
Ein 89 Jahre alter Jude wurde aus dem 17. Stock seines Wohnhauses gestoßen. Jetzt beginnt in Lyon der Prozess gegen den Täter. Die zentrale Frage lautet nicht, was geschah, sondern warum.
Vor einem Gericht in Lyon hat der Prozess gegen den 55 Jahre alten Rachid Kheniche begonnen, der im Mai 2022 seinen jüdischen Nachbarn René Hadjadj aus dem 17. Stock eines Wohnhauses in den Tod gestoßen hatte. Der Angeklagte bestreitet bis heute ein antisemitisches Motiv, obwohl die französische Justiz ihn wegen schweren Mordes mit religiösem Hintergrund angeklagt hat. Damit steht nicht nur ein einzelnes Verbrechen vor Gericht, sondern auch der Umgang Frankreichs mit antisemitischer Gewalt, die seit Jahren zunimmt und immer häufiger relativiert wird.
Das Opfer, der 89 Jahre alte René Hadjadj, lebte seit Jahrzehnten in dem Wohnhaus in einem Vorort von Lyon. Er kannte seinen späteren Mörder persönlich. Der Täter gab die Tat früh zu, erklärte jedoch, er habe unter einem paranoiden Schub gelitten. Zwei unabhängige psychiatrische Gutachten kamen jedoch zu dem klaren Ergebnis, dass Kheniche zum Tatzeitpunkt schuldfähig war und die Tragweite seines Handelns verstand. Die Verteidigung versucht dennoch, den antisemitischen Hintergrund zu entkräften und die Tat ausschließlich als Folge einer psychischen Krise darzustellen.
Genau dieser Punkt steht nun im Zentrum des Verfahrens. Der Verteidiger räumt den Mord ein, bestreitet jedoch dessen ideologischen Charakter. Vertreter jüdischer Organisationen widersprechen entschieden. Anwälte mehrerer Verbände erklärten vor Gericht, der antisemitische Beweggrund sei sowohl faktisch als auch in der Motivation eindeutig belegt. Der Täter habe gewusst, dass sein Nachbar Jude war, und ihn gezielt deshalb angegriffen. Unterstützt wird diese Einschätzung unter anderem durch das Nationale Büro zur Wachsamkeit gegen Antisemitismus sowie das Repräsentative Organ der jüdischen Institutionen Frankreichs, CRIF, die als Nebenkläger auftreten.
Der Prozess weckt in Frankreich schmerzhafte Erinnerungen an den Fall Sarah Halimi. Die jüdische Ärztin war 2017 in Paris von ihrem Nachbarn ermordet worden. Damals entschied das höchste Gericht des Landes, der Täter sei wegen Drogenkonsums schuldunfähig. Diese Entscheidung löste weltweit Entsetzen aus und gilt bis heute als tiefer Einschnitt in das Vertrauen vieler französischer Juden in den Rechtsstaat. Auch deshalb wird der aktuelle Prozess weit über Lyon hinaus aufmerksam verfolgt. Viele sehen darin eine Nagelprobe, ob Frankreich aus früherem Versagen gelernt hat oder erneut bereit ist, antisemitische Gewalt juristisch zu entschärfen.
Der Mord an René Hadjadj ereignete sich nicht im luftleeren Raum. Frankreich verzeichnet seit Jahren einen drastischen Anstieg antisemitischer Übergriffe, besonders seit dem 7. Oktober. Jüdische Bürger berichten zunehmend von Angst, Rückzug aus dem öffentlichen Leben und einem wachsenden Gefühl staatlicher Ohnmacht. Der nun begonnene Prozess ist deshalb mehr als ein Strafverfahren. Er ist ein Signal an eine verunsicherte Gemeinschaft, ob ihr Leid klar benannt wird oder erneut hinter juristischen Ausflüchten verschwindet.
Das Gericht in Lyon steht vor einer Entscheidung, die weit über das Strafmaß hinausreicht. Es geht um die klare Benennung von antisemitischem Hass als Tatmotiv und um die Glaubwürdigkeit eines Staates, der vorgibt, jüdisches Leben zu schützen. Für viele französische Juden ist dieser Prozess eine Frage der Gerechtigkeit. Für Frankreich ist er eine Frage der moralischen Standfestigkeit.
Autor: Redaktion
Bild Quelle:
Montag, 02 Februar 2026