Antisemitismus auf Rekordniveau: Großbritanniens Juden organisieren sich neuAntisemitismus auf Rekordniveau: Großbritanniens Juden organisieren sich neu
Seit dem 7. Oktober erlebt das Vereinigte Königreich einen dramatischen Anstieg antisemitischer Vorfälle. Doch die jüdische Gemeinschaft bleibt nicht still sie mobilisiert, fordert politische Konsequenzen und erhält so viel staatliche Unterstützung wie nie zuvor.
Was sich in Großbritannien seit dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 vollzogen hat, sprengt historische Maßstäbe. Innerhalb weniger Monate schnellten antisemitische Vorfälle auf ein Niveau, das selbst langjährige Beobachter erschütterte. Jüdische Gemeinden berichten von Beschimpfungen auf offener Straße, Bedrohungen vor Schulen, massiver Hetze im Netz und körperlichen Angriffen. Viele sprechen vom schwersten Klima der Feindseligkeit seit Generationen.
Nach Angaben des Community Security Trust, der zentralen Organisation zur Erfassung antisemitischer Vorfälle im Vereinigten Königreich, stieg die Zahl der gemeldeten Zwischenfälle in den drei Monaten nach dem 7. Oktober um fast 600 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Anders als bei früheren Eskalationen blieb der Anstieg nicht kurzfristig. Die Zahlen verharrten auch 2024 auf hohem Niveau. Der Krieg zwischen Israel und der Hamas wurde zum dauerhaften Projektionsschirm für Judenhass auf britischen Straßen.
Besonders sichtbar wurde die Entwicklung bei regelmäßigen pro-palästinensischen Demonstrationen in London und anderen Städten. Zwischen legitimer Kritik an israelischer Politik und offener Dämonisierung Israels verschwimmen dabei häufig die Grenzen. Für viele britische Juden ist das Ergebnis konkret spürbar: Sie vermeiden an Protesttagen bestimmte Viertel, tragen religiöse Symbole nur noch zurückhaltend und erhöhen die Sicherheitsvorkehrungen an Synagogen und Schulen.
Der Community Security Trust existiert seit 1994. Er wurde gegründet, als antisemitische Aktivitäten in den 1980er und 1990er Jahren langsam, aber stetig zunahmen. Heute arbeitet er eng mit Polizei und Regierung zusammen, stellt Sicherheitskräfte, analysiert extremistische Netzwerke und veröffentlicht regelmäßig detaillierte Berichte. Noch nie war seine Arbeit so zentral wie jetzt.
Die Debatte über die Sicherheit britischer Juden erreichte sogar internationale Dimensionen. Einzelne Stimmen forderten öffentlich, jüdische Briten sollten in die USA ausweichen. Doch auch dort erleben jüdische Gemeinden seit dem 7. Oktober einen historischen Höchststand antisemitischer Vorfälle. Universitätsgelände wurden zu Brennpunkten aggressiver Anti-Israel-Proteste, und in New York entzündeten sich politische Kontroversen an der Frage, wie Antisemitismus definiert wird. Ein einfacher Zufluchtsort existiert nicht.
Eine Umfrage der Campaign Against Antisemitism aus dem Jahr 2025 ergab, dass 61 Prozent der britischen Juden in den vergangenen zwei Jahren darüber nachgedacht haben, das Land zu verlassen. Auch wenn kein Ziel konkret abgefragt wurde, dürfte für viele eher Israel als die Vereinigten Staaten im Blick stehen. Dennoch bleibt die große Mehrheit. Und sie organisiert sich.
Ein bemerkenswerter Wandel vollzog sich beim Board of Deputies of British Jews, dem traditionellen Dachverband der jüdischen Gemeinden. Lange wurde ihm vorgeworfen, zu sehr auf stille Diplomatie zu setzen. Nach dem 7. Oktober änderte sich der Ton. Bereits wenige Tage nach den Hamas-Massakern organisierten der Verband und der Jewish Leadership Council eine Mahnwache vor Downing Street, an der Tausende teilnahmen. Eine weitere große Kundgebung folgte in Manchester. Die Botschaft war klar: Die jüdische Gemeinschaft ist sichtbar, sie schweigt nicht.
Die politische Reaktion folgte rasch. Im Februar 2024 kündigte der damalige Premierminister Rishi Sunak beim Jahresdinner des Community Security Trust eine Finanzierung von mehr als 70 Millionen Pfund über vier Jahre für das Sicherheitsprogramm der jüdischen Gemeinschaft an. Es war die größte finanzielle Zusage einer britischen Regierung zum Schutz jüdischer Einrichtungen. Später wurde die Förderung bis 2028 abgesichert.
Auch unter der seit Juli 2024 amtierenden Labour-Regierung unter Premierminister Keir Starmer blieb der staatliche Schutz ein Schwerpunkt. Nach einem tödlichen Angriff auf eine Synagoge in Manchester im Herbst 2025 stellte die Regierung zusätzliche Mittel in Höhe von bis zu 10 Millionen Pfund bereit, um Sicherheitsmaßnahmen an Synagogen und Schulen auszubauen. Offiziell wurde betont, dass Juden gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil die am stärksten von Hasskriminalität betroffene Gruppe im Vereinigten Königreich seien.
Neben nationalen Initiativen entstanden lokale Bewegungen. In Leeds gründete sich eine Bürgerinitiative gegen Antisemitismus, die den Stadtrat zur erneuten Bestätigung der internationalen Antisemitismusdefinition drängte. In Glasgow forderte der jüdische Gemeinderat Universitäten auf, gegen antisemitische Vorfälle auf dem Campus vorzugehen. In Bristol erklärte der Stadtrat öffentlich seine Solidarität mit der jüdischen Gemeinschaft.
Eine zentrale Rolle spielt Großbritanniens Oberrabbiner Ephraim Mirvis. Bereits am Tag nach dem Hamas-Angriff bezeichnete er die Tat als eines der schlimmsten Terrorverbrechen der jüngeren Geschichte. Er verband Israels Trauma ausdrücklich mit der Verwundbarkeit britischer Juden und forderte klare staatliche Schutzmaßnahmen. Seine Stimme blieb in den folgenden Monaten prägend.
Großbritanniens jüdische Gemeinschaft umfasst laut Volkszählung von 2021 rund 290.000 Menschen, etwa ein halbes Prozent der Bevölkerung. Trotz ihrer geringen Zahl ist ihr gesellschaftlicher Beitrag historisch bedeutend. Der aktuelle Druck hat viele verunsichert, aber zugleich eine neue Entschlossenheit hervorgebracht.
Der Antisemitismus ist nicht verschwunden, und die Bedrohung bleibt real. Doch anders als in früheren Epochen begegnet die Gemeinschaft ihm nicht mit Rückzug allein. Sie dokumentiert, protestiert, fordert politische Konsequenzen und knüpft Bündnisse. Die vergangenen zwei Jahre haben gezeigt, wie fragil gesellschaftliche Selbstverständlichkeiten sein können. Sie haben aber auch gezeigt, dass britische Juden nicht bereit sind, ihre Sicherheit und Würde kampflos preiszugeben.
Autor: Redaktion
Bild Quelle: By Salandarianflag - Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=141445220
Montag, 16 Februar 2026