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Belgische Ermittlungen gegen Beschneidung lösen Existenzangst bei Juden aus

Belgische Ermittlungen gegen Beschneidung lösen Existenzangst bei Juden aus


Polizeirazzien und politische Debatten erschüttern das Vertrauen einer ganzen Gemeinschaft. Jüdische Vertreter warnen, dass ein Verbot der Brit Mila das Ende ihres religiösen Lebens im Land bedeuten würde.

Belgische Ermittlungen gegen Beschneidung lösen Existenzangst bei Juden aus

Als im Morgengrauen Polizeibeamte vor jüdischen Wohnungen in Antwerpen erschienen, war die Botschaft unmissverständlich. Türen wurden geöffnet, Wohnungen durchsucht, religiöse Gegenstände beschlagnahmt. Familien wurden aus dem Schlaf gerissen. Der Anlass war kein Gewaltverbrechen, sondern eine religiöse Praxis, die Juden seit über dreitausend Jahren ausüben. Die brit mila, die Beschneidung am achten Tag nach der Geburt, ist kein kultureller Brauch, sondern ein zentraler Bestandteil jüdischer Existenz. In Belgien ist sie nun zum Gegenstand staatlicher Ermittlungen geworden.

Innerhalb der jüdischen Gemeinschaft hat dies eine tiefe Verunsicherung ausgelöst. Ralph Pais, einer der führenden Vertreter der jüdischen Organisationen des Landes, spricht offen aus, was viele denken, aber nur hinter vorgehaltener Hand sagen. Wenn diese Praxis verboten oder faktisch unmöglich gemacht wird, dann endet jüdisches Leben in Belgien. Seine Aussage ist kein politisches Schlagwort, sondern Ausdruck einer Realität. Ohne dieses Ritual kann das Judentum in seiner religiösen Form nicht weiterbestehen.

Auslöser der aktuellen Krise sind Ermittlungen gegen religiöse Beschneider, sogenannte Mohalim. Die Behörden begründen ihr Vorgehen mit gesundheitlichen Standards und gesetzlichen Vorschriften. Doch für viele Juden steht mehr auf dem Spiel als eine medizinische Frage. Es geht um das Recht, ihre Religion frei und ohne Angst auszuüben. Es geht um Vertrauen in einen Staat, der eigentlich Schutz garantieren sollte.

Besonders erschütternd war der Fall eines jüdischen Vaters in Antwerpen. Obwohl er selbst nicht beschuldigt wurde, drangen Polizeibeamte in seine Wohnung ein, beschlagnahmten Computer und durchsuchten persönliche Räume. Seine Kinder standen unter Aufsicht von Beamten, während die Familie stundenlang verhört wurde. Der Grund war ein möglicher Videobeweis einer Beschneidung, der sich am Ende als irrelevant herausstellte. Zurück blieb dennoch ein Gefühl der Erniedrigung und der Unsicherheit.

Die belgische Regierung weist den Vorwurf zurück, die Religionsfreiheit einzuschränken. Offiziell ist die Beschneidung weiterhin erlaubt, wenn sie unter strengen medizinischen Bedingungen erfolgt. Doch genau hier beginnt der Konflikt. In der jüdischen Tradition ist die Brit Mila eine religiöse Handlung, die von speziell ausgebildeten religiösen Autoritäten durchgeführt wird. Wird sie ausschließlich in den medizinischen Bereich verschoben, verändert dies ihren Charakter grundlegend.

Diese Entwicklung fällt in eine Zeit, in der viele Juden in Europa eine zunehmende Unsicherheit empfinden. Angriffe auf Synagogen, geschändete Friedhöfe und antisemitische Drohungen haben Spuren hinterlassen. In Belgien berichten Gemeindemitglieder, dass sie religiöse Symbole im Alltag vorsichtiger tragen oder ganz darauf verzichten. Die aktuelle Debatte verstärkt dieses Gefühl, dass ihre Zukunft in Europa nicht selbstverständlich ist.

Auch politisch hat der Konflikt internationale Aufmerksamkeit erregt. Vertreter Israels und der Vereinigten Staaten haben ihre Besorgnis geäußert und die Bedeutung der Religionsfreiheit betont. Gleichzeitig verteidigen belgische Politiker das Vorgehen der Behörden und weisen jede Form von Diskriminierung entschieden zurück.

Für die jüdische Gemeinschaft bleibt die Lage dennoch angespannt. Viele hoffen auf einen Dialog, der ihre religiösen Bedürfnisse respektiert und gleichzeitig gesetzliche Rahmenbedingungen berücksichtigt. Doch das Vertrauen ist erschüttert. Die Ereignisse der vergangenen Monate haben gezeigt, wie schnell eine jahrtausendealte Tradition unter Druck geraten kann.

Belgien steht nun vor einer Entscheidung, deren Bedeutung weit über seine Grenzen hinausreicht. Es geht um die Frage, ob jüdisches Leben in Europa auch in Zukunft selbstverständlich sein kann oder ob es schrittweise aus dem Alltag verschwindet. Für die betroffenen Familien ist diese Frage keine politische Debatte, sondern eine persönliche Realität.




Autor: Redaktion
Bild Quelle: By LBM1948 - Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=82827953
Donnerstag, 19 Februar 2026

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