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Regime gibt Zahl preis: Tausende Tote bei Irans Protesten

Regime gibt Zahl preis: Tausende Tote bei Irans Protesten


Zum ersten Mal bestätigt ein offizieller Vertreter des iranischen Staates eine Zahl, die das Ausmaß der Gewalt offenlegt. Rund 5.000 Menschen sollen während der landesweiten Proteste getötet worden sein. Hinter der nüchternen Angabe verbergen sich Berichte über gezielte Tötungen, niedergebrannte Stadtviertel und eine Eskalation, die vor allem Minderheiten traf.

Regime gibt Zahl preis: Tausende Tote bei Irans Protesten

Es ist ein Satz, der in seiner Kälte kaum zu überbieten ist. Ein offizieller Vertreter der Islamischen Republik hat gegenüber Reuters bestätigt, dass die iranischen Behörden den Tod von rund 5.000 Menschen im Zuge der jüngsten Protestwelle „verifiziert“ hätten. Unter den Toten befänden sich nach Darstellung des Regimes auch etwa 500 Angehörige der Sicherheitskräfte. Die Verantwortung für die hohe Zahl ziviler Opfer weist die Führung in Teheran jedoch von sich. Getötet worden seien Menschen durch „Terroristen und bewaffnete Randalierer“. Es ist die bekannte Erzählung eines Systems, das Gewalt stets externalisiert und Schuld konsequent umlenkt.

Die Proteste, die sich seit Wochen durch nahezu alle Landesteile zogen, trafen das Regime in einer Phase innerer Schwäche. Wirtschaftlicher Niedergang, Wasserknappheit und eine junge Generation ohne Perspektive hatten den Druck lange aufgebaut. Als er sich entlud, reagierte der Staat nicht mit Zugeständnissen, sondern mit maximaler Härte.

Besonders brutal verlief das Vorgehen der Sicherheitskräfte in den kurdischen Regionen im Nordwesten des Landes. Nach Angaben des anonymen Regierungsvertreters wurden dort die heftigsten Auseinandersetzungen und die meisten Todesopfer registriert. Seit Jahrzehnten gelten diese Gebiete als besonders misstrauisch beäugt. Kurdische Aktivisten werden pauschal als Separatisten gebrandmarkt, jeder Protest als sicherheitspolitische Bedrohung interpretiert. Bereits bei früheren Unruhen eskalierte die Gewalt hier schneller als anderswo.

Berichte aus Städten wie Kermanschah zeichnen ein Bild systematischer Repression. Augenzeugen sprechen von stundenlangem Dauerfeuer, von Scharfschützen auf Dächern und von Vierteln, die faktisch unter Belagerung standen. Videos, die trotz massiver Internetabschaltungen nach außen gelangten, dokumentieren Salven automatischer Waffen in Wohngebieten.

Besonders erschütternd sind die Schilderungen aus der Stadt Rascht am Kaspischen Meer. Nach Angaben von Oppositionskreisen drängten Sicherheitskräfte dort zahlreiche Demonstranten in das Marktviertel der Stadt. Als Fluchtwege blockiert waren, soll das Areal in Brand gesetzt worden sein. Bewaffnete Einheiten hätten an den Ausgängen Stellung bezogen und auf Menschen geschossen, die zu entkommen versuchten. Spätere Aufnahmen zeigen einen vollständig ausgebrannten Markt. Die offizielle Version spricht von „Vandalismus durch Randalierer“. Für viele Iraner ist das eine Verhöhnung der Opfer.

Unabhängige Organisationen kommen zu niedrigeren, aber ebenfalls erschreckenden Zahlen. Das in den USA ansässige Menschenrechtsnetzwerk HRANA bezifferte die Zahl der bestätigten Todesopfer zuletzt auf mehr als 3.300. Weitere Tausende Fälle würden noch geprüft. Nach Angaben der Organisation wurden über 24.000 Menschen festgenommen. Auch die kurdische Menschenrechtsorganisation Hengaw, die ihren Sitz in Norwegen hat, berichtet von einer Konzentration der Gewalt in den kurdischen Landesteilen.

Auffällig ist die Diskrepanz zwischen den Zahlen des Regimes und Berichten aus dem Ausland. Während ein Bericht der britischen Sunday Times von bis zu 16.500 Toten spricht, erklärt der iranische Regierungsvertreter, ein weiterer signifikanter Anstieg sei nicht zu erwarten. Gleichzeitig erhebt Teheran schwere Vorwürfe gegen äußere Feinde. Israel und bewaffnete Gruppen außerhalb Irans hätten die Proteste unterstützt und bewaffnet. Auch diese Behauptung folgt einem bekannten Muster. Innenpolitische Revolte wird als ausländische Verschwörung umgedeutet.

Die Ereignisse wecken Erinnerungen an das Jahr 2022, als der Tod von Mahsa Amini landesweite Proteste gegen den Zwang zur Verschleierung auslöste. Schon damals gehörten die kurdischen Regionen zu den Epizentren der Gewalt. Die Lehre, die die Führung in Teheran daraus zog, war nicht Zurückhaltung, sondern eine weitere Militarisierung der inneren Sicherheit.

Was bleibt, ist ein Land im Ausnahmezustand. Die offizielle Bestätigung von Tausenden Toten markiert keinen Akt der Transparenz, sondern einen Moment unfreiwilliger Offenlegung. Sie zeigt, wie weit das Regime bereit ist zu gehen, um an der Macht zu bleiben. Hinter jeder Zahl steht ein Mensch, eine Familie, ein zerstörtes Leben. Für viele Iraner ist längst klar, dass diese Gewalt nicht stabilisiert, sondern vertieft, was bereits zerbrochen ist.


Autor: Redaktion
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Sonntag, 18 Januar 2026

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