Würde Chamenei getötet und was würde das wirklich verändernWürde Chamenei getötet und was würde das wirklich verändern
Spekulationen über einen möglichen gezielten Schlag gegen Irans obersten Führer reißen nicht ab. Experten warnen jedoch vor Illusionen: Ein solcher Einschnitt würde das Regime erschüttern, aber kaum sofort zu seinem Ende führen.
Die Frage steht unausgesprochen seit Monaten im Raum und wird nun offen diskutiert. Was geschieht, wenn Irans oberster Führer Ali Khamenei gezielt getötet würde. In Israel, im Westen und auch innerhalb Irans gibt es Stimmen, die hoffen, ein solcher Schlag könne das Ende des islamistischen Regimes einleiten. Fachleute, die sich seit Jahren mit der inneren Statik der Islamischen Republik befassen, zeichnen jedoch ein deutlich nüchterneres Bild.
Auslöser der aktuellen Debatte ist eine scharfe Warnung aus Teheran. Irans Präsident erklärte, ein Angriff auf den obersten Führer käme einer umfassenden Kriegserklärung gleich. Hintergrund sind Berichte, wonach US Präsident Donald Trump ein solches Szenario zumindest prüfen lasse. Ob diese Überlegungen real oder Teil politischer Abschreckung sind, bleibt offen. Die strategischen Folgen wären in jedem Fall erheblich.
Analysten wie Raz Zimmt vom Institute for National Security Studies betonen, dass der iranische Machtapparat nicht an einer einzelnen Person hängt. Chamenei ist das Zentrum des Systems, aber nicht dessen einzige Stütze. Die Islamische Republik verfügt über eine geschriebene Verfassung, klar definierte Institutionen und geregelte Mechanismen für den Machtübergang. Ein gewaltsames Ende der Führungsspitze würde das System stark destabilisieren, aber nicht automatisch zum Kollaps führen.
Auch andere Iran Experten verweisen darauf, dass das Regime auf mehreren Ebenen abgesichert ist. Revolutionsgarden, Klerus, Sicherheitsdienste und wirtschaftliche Netzwerke bilden ein dichtes Geflecht gegenseitiger Abhängigkeiten. Diese Strukturen sind darauf ausgelegt, Krisen zu absorbieren. Selbst ein extrem einschneidendes Ereignis wie die Ausschaltung des obersten Führers würde daher zunächst eine Phase kontrollierter Übergänge auslösen, nicht das plötzliche Auseinanderbrechen des Staates.
Das bedeutet jedoch nicht, dass Chamenei ersetzbar wäre wie ein Verwaltungsbeamter. Er ist die entscheidende Schiedsfigur zwischen konkurrierenden Machtzentren. Seine Autorität wirkt ordnend, nicht nur symbolisch, sondern operativ. Mit seinem Wegfall würde ein Machtvakuum entstehen, das kurzfristig durch kollektive Führung aufgefangen werden müsste. Beobachter halten es für wahrscheinlich, dass zunächst ein Gremium aus hochrangigen Geistlichen und Sicherheitsvertretern die zentralen Entscheidungen trifft.
Seit Jahren wird in Teheran hinter verschlossenen Türen über die Nachfolge diskutiert. Berichte aus der Zeit des zwölftägigen Krieges zwischen Israel und Iran deuteten darauf hin, dass Chamenei selbst Vorsorge getroffen haben soll. Namen möglicher Nachfolger kursieren, bestätigt ist keiner. Einige Experten halten es sogar für möglich, dass Iran dauerhaft von einer kollektiven Führung gelenkt werden könnte, um Machtkämpfe zu vermeiden.
Kurzfristig hätte ein gezielter Schlag gegen Chamenei mit hoher Wahrscheinlichkeit militärische Folgen. Fachleute rechnen mit Vergeltungsschlägen, direkt oder indirekt. Angriffe auf amerikanische Ziele in der Region gelten ebenso als wahrscheinlich wie Aktionen gegen Israel. Hinzu kämen Irans regionale Verbündete und Stellvertreter, für die Chamenei nicht nur ein politischer, sondern auch ein religiöser Bezugspunkt ist.
Langfristig sehen einige Analysten dennoch ein Veränderungspotenzial. Chamenei gilt als blockierender Faktor für innenpolitische Reformen und außenpolitische Kurswechsel. Sein Verbleib an der Spitze macht tiefgreifende Veränderungen nahezu unmöglich. Mit seinem Abgang könnten neue Dynamiken entstehen. Ob diese zu einer Öffnung führen oder zu einer weiteren Verhärtung, lässt sich nicht vorhersagen.
Die zentrale Warnung der Experten lautet daher, Erwartungen zu dämpfen. Ein gezielter Schlag gegen den obersten Führer wäre kein schneller Hebel zur Transformation Irans. Er wäre ein hochriskantes Ereignis mit unklaren Folgen, regionaler Eskalationsgefahr und ohne Garantie für einen Systemwechsel. Wer von einem einfachen Ende des Regimes spricht, unterschätzt dessen institutionelle Tiefe.
Für Israel bedeutet diese Einschätzung vor allem eines. Entscheidungen über Iran dürfen nicht auf der Hoffnung auf einen plötzlichen Zusammenbruch beruhen. Der Umgang mit der Islamischen Republik bleibt ein langfristiger strategischer Prozess, nicht ein einzelner, alles entscheidender Moment.
Autor: Redaktion
Bild Quelle: By Khamenei.ir, CC BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=141074394
Dienstag, 20 Januar 2026