Irans rote Linie: Warum Teheran niemals auf seine Raketen verzichten wirdIrans rote Linie: Warum Teheran niemals auf seine Raketen verzichten wird
Der Westen träumt von Abrüstung und Diplomatie. Doch für das iranische Regime sind ballistische Raketen nicht verhandelbar. Ein führender Experte erklärt, warum jeder Versuch, Teheran zur Aufgabe seines wichtigsten Machtinstruments zu zwingen, zum Scheitern verurteilt ist.
Während in Maskat, Doha und anderen Hauptstädten wieder über neue Verhandlungsrunden zwischen den USA und dem Iran gesprochen wird, bleibt ein Punkt im Zentrum aller strategischen Überlegungen: Teherans riesiges Arsenal an ballistischen Raketen. Für den Westen ist es eine Bedrohung, für Israel ein unmittelbares Sicherheitsrisiko, für das iranische Regime jedoch eine Lebensversicherung. Und genau deshalb, so betont der Iran-Experte Dr. Raz Zimmt vom Institut für Nationale Sicherheitsstudien in Tel Aviv, wird der Iran dieses Instrument niemals freiwillig aus der Hand geben.
Zimmt machte in einem ausführlichen Interview deutlich, dass die iranische Führung zwar nicht aktiv auf einen militärischen Zusammenstoß mit den Vereinigten Staaten hinarbeitet, gleichzeitig aber keinerlei Bereitschaft zeigt, ihre grundlegenden Machtmittel aufzugeben. Aus Sicht des Obersten Führers Ali Chamenei bilden die Raketen das letzte glaubwürdige Abschreckungselement gegen äußere Feinde. Sie sind das Symbol der militärischen Eigenständigkeit Irans und der Beweis, dass das Land trotz internationaler Isolation handlungsfähig bleibt.
Die Logik dahinter ist für westliche Politiker oft schwer zu verstehen, folgt jedoch einer kalten, nüchternen Rechnung. Chamenei traut amerikanischen Zusicherungen nicht. In Teheran herrscht die Überzeugung vor, dass Washington ein geschwächtes Iran innerhalb kürzester Zeit politisch und militärisch ausnutzen würde. Wer heute auf Raketen verzichte, so die Denkweise der Führung, sei morgen völlig schutzlos. Aus diesem Grund sind Konzessionen in diesem Bereich für das Regime undenkbar.
Zimmt beschreibt die Situation als strategisches Dilemma. Selbst wenn Iran zu Zugeständnissen im Nuklearbereich bereit wäre, würde die Aufgabe der Raketenfähigkeiten als existenzielle Gefahr betrachtet. Die Führung in Teheran glaubt offenbar, dass selbst ein schwerer militärischer Schlag der USA das Regime nicht zwangsläufig zu Fall bringen würde. Der Verzicht auf Raketen dagegen könnte langfristig den Boden unter den Füßen der Islamischen Republik wegziehen.
Diese Einschätzung prägt die gesamte iranische Außen- und Sicherheitspolitik. Für Israel ist das ein besonders ernstes Problem. Über viele Jahre konzentrierte sich der internationale Blick fast ausschließlich auf das iranische Atomprogramm. Raketen galten vor allem als mögliche Trägersysteme für nukleare Sprengköpfe. Doch die jüngsten Konflikte haben gezeigt, dass ballistische Raketen auch ohne atomare Bewaffnung eine gewaltige Bedrohung darstellen. Sie können Städte erreichen, Infrastrukturen zerstören und eine ganze Region destabilisieren.
Nach Einschätzung des Experten sind die Raketen heute die unmittelbarere Gefahr als das Nuklearprogramm. Während der Iran derzeit keine sichtbaren Schritte zur Herstellung von Atomwaffen unternimmt, baut er sein Raketenarsenal stetig aus. Quantität und Qualität nehmen zu, Reichweiten werden erweitert, Präzision verbessert. Jede militärische Auseinandersetzung der vergangenen Jahre hat Teheran wertvolle Erfahrungen geliefert, die nun in neue Entwicklungen einfließen.
Die iranische Führung hat aus früheren Konfrontationen gelernt. Sie experimentiert mit neuen Taktiken, versucht gezielt, zivile Ziele zu bedrohen, und arbeitet daran, westliche Luftabwehrsysteme zu überwinden. All dies geschieht systematisch und langfristig. Während der Westen über Sanktionen und Verhandlungen diskutiert, verfolgt Teheran unbeirrt seine militärische Modernisierung.
Gleichzeitig bleibt die innenpolitische Lage im Iran angespannt. Die brutale Niederschlagung von Protesten hat tiefe Spuren in der Gesellschaft hinterlassen. Millionen Menschen leiden unter wirtschaftlicher Not, politischer Unterdrückung und eingeschränkten Freiheiten. Doch gerade diese Unsicherheit macht das Regime noch abhängiger von seinen militärischen Machtinstrumenten. Raketen dienen nicht nur der Abschreckung nach außen, sondern auch der Stabilisierung nach innen.
Das Regime setzt dabei weiterhin auf Kontrolle und Repression. Internetbeschränkungen, Verhaftungen von Reformpolitikern und die systematische Unterdrückung jeder Form von Opposition zeigen, dass Teheran vor allem eines fürchtet: einen Machtverlust. In dieser Atmosphäre werden ballistische Raketen zu einem Symbol der Unantastbarkeit.
Für westliche Strategen bedeutet dies, dass jede Verhandlungsinitiative realistisch bleiben muss. Forderungen nach vollständiger Abrüstung klingen in europäischen Hauptstädten vielleicht vernünftig, in Teheran gelten sie als existenzielle Bedrohung. Die Vorstellung, der Iran könne sein Raketenprogramm aufgeben, ist aus Sicht der iranischen Machthaber schlicht naiv.
Genau hier liegt das Kernproblem der aktuellen Diplomatie. Der Westen will Sicherheit durch Einschränkung iranischer Fähigkeiten. Das Regime in Teheran sieht Sicherheit jedoch nur in der Aufrechterhaltung genau dieser Fähigkeiten. Zwischen diesen beiden Welten klafft ein Abgrund, den kein Verhandlungsformat der letzten Jahre überbrücken konnte.
Dr. Zimmt macht deutlich, dass kurzfristig vor allem das Raketenarsenal im Fokus stehen muss. Langfristig bleibt zwar auch das Nuklearthema relevant, doch im Hier und Jetzt sind es die Raketen, die Israel und die gesamte Region bedrohen. Solange in Teheran dieselbe Führung das Sagen hat, wird sich daran nichts ändern.
Wer also glaubt, der Iran könne durch wirtschaftlichen Druck oder diplomatische Anreize zur Aufgabe seiner ballistischen Fähigkeiten bewegt werden, verkennt die Grundlogik des Regimes. Für Chamenei und seine Machtelite sind Raketen keine Verhandlungsmasse, sondern das Fundament ihrer Herrschaft. Und dieses Fundament wird nicht preisgegeben.
Autor: Redaktion
Bild Quelle: By Mahdikarimi70 - Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=62027899
Dienstag, 10 Februar 2026