Jüdische und palästinensische Teens greifen einmal mehr nach Verständigung

Jüdische und palästinensische Teens greifen einmal mehr nach Verständigung

Jüdische und palästinensische Teens greifen einmal mehr nach Verständigung


Eine Jugendgruppe bringt Nachbarn zusammen, die nichts über die Kultur des anderen wissen; sie hoffen auf Veränderung der zukünftigen Politik.

Jüdische und palästinensische Teens greifen einmal mehr nach Verständigung

Von Daniel Gordis, Bloomberg

„Wenn eure Soldaten an Checkpoints auf uns schießen“, fragte ein palästinensischer Teenager eine Gruppe gleichaltriger Israelis, „machen sie das, weil sie echt Angst haben oder ist uns zu töten für sie mehr sowas wie ein Sport?“

„Schämt ihr euch nicht“, fragte später ein israelischer Teenager die Palästinenser, „Teil einer Kultur zu sein, die Terror und Mord glorifiziert?“

Israelische und palästinensische Teenager treffen sich so gut wie nie, viel weniger finden sie sich in einem Umfeld wieder, so solche Fragen nicht nur akzeptabel sind, sondern auch zu ihnen ermutigt wird. Das Programm Roots (Wurzeln), das diese Teenager zusammen brachte, ist allerdings der Einfall des palästinensischen Friedensaktivisten Ali Abu Awwad und wird heute von Alis Bruder Haled mit geleitet.

Der 47-jährige Abu Awwad ist auf vielerlei Weise ein unwahrscheinlicher Verfechter für Gewaltlosigkeit. Seine Mutter, aktiv in der PLO, wurde von Israel inhaftiert, als er 10 Jahre alt war. Später wurde ein Bruder von israelischen Soldaten getötet, unter Umständen, die immer noch umstrittener sind. Abu Awwad selbst verbrachte Zeit im Gefängnis, weil er während der ersten Intifada israelische Soldaten attackierte.

Was ihn umdrehte, sagte er mir, als wir uns in seinem Haus trafen, war jüdische Tränen zu sehen. R nahm an einem Treffen von Juden und Palästinensern teil, die im Konflikt Familienmitglieder verloren hatten; und im Verlauf des Gesprächs weinte eine jüdische Frau. Der Anblick, sgate er, schockte ihn. Vielleicht übertrieben, sagte er, dass ihm nie in den Sinn gekommen war, dass auch Juden weinen. Da, sagte er, beschloss er sein Leben einer anderen Lösung des endlosen Konflikts zu widmen.

Der Standort des Roots-Programms in der Region Etzion, direkt südlich von Jerusalem, ist gewollt und voller Spannungen. Der Gush Etzion (Hebräisch für Region Etzion) oder der „Gusch“, wie er allgemein genannt wird, war vor Israels Gründung 1948 von Juden bewohnt. Er fiel nur Tage vor Israels Unabhängigkeit an Jordanien und blieb 19 Jahre lang unter jordanischer Herrschaft. Fast genauso schnell, wie Israel ihn 1967 im Sechstage-Krieg wieder an sich riss, kehrten die Kinder und Enkel der Männer und Frauen, die beim Versuch ihn zu verteidigen starben, in den Gusch zurück und begannen zu bauen.

Heute ist der Gusch Heimat für eine Reihe jüdischer Gemeinden. Umgeben sind diese Städte herum (im internationalen Jargon „Siedlungen“) von zahlreichen arabischen Dörfern. Obwohl ihre Häuser so nahe beieinander liegen – Israelis und Palästinenser im Gusch besuchen sogar dieselben Einkaufszentren – reden die beiden Bevölkerungen fast nie miteinander und wissen praktisch nichts vom anderen. Abu Awwads Programm will das ändern.

Ein paar Dutzend Juden und Palästinenser, alles Teenager, treffen sich regelmäßig, ihre Diskussionen werden von Übersetzern möglich gemacht. Sie alle begegnen Widerstand, gar Feindseligkeit, seitens Mitgliedern ihrer eigenen Gemeinschaft, weil sie der Teilnahme zugestimmt haben. Gemeinsame brechen sie langsam Stereotype auf.

Ein jüdischer Teilnehmer, Elnatan Bazak, schrieb im August einen Facebook-Post über seine zwei Jahre Teilnahme an der Gruppe; darin erklärte er, was er zu tun gelernt hatte, war eine andere Seite zu hören ohne seine eigenen Verpflichtungen zu schwächen. „Ich entdeckte“, schrieb er, „dass es möglich ist am Jerusalem(-vereinigungs)-Tag, eingehüllt in eine israelische Flagge … zu singen und zu tanzen und dann in einem interreligiösen Gottesdienst für den Frieden der Stadt zu beten.“ Gleichermaßen, sagte er, hatte er gelernt, dass es möglich war eine gemeinsame Fahrt nach Yad Vashem, Israels nationalem Holocaust-Denkmal und –Museum, zu organisieren und dann, mit gleichem Interesse den Ort eines arabischen Dorfes zu besuchen, das 1948 zerstört wurde. Dies sind keine Gefühle, die bei vielen seiner Mitsiedler üblich – oder beliebt – sind.

Die Leiter des Programms heben rasch hervor, dass sein Einfluss über die wenigen Dutzend daran jeweils beteiligten Teenager hinaus geht: Es öffnet die Augen ihrer Familien und dann Kreisen darüber hinaus. David Palant, der Vater eines jüdischen Teilnehmers aus der Siedlung Alon Schwut, vermerkte in einem offen Brief, den er über das Programm schrieb, als sein Sohn „von einem gemeinsamen Schabbat bei Hadera zurückkam und uns erzählte, dass es Palästinenser in der Gruppe gab, die bisher nie den Ozean gesehen hatten, brach mir das das Herz“.

Palant beschrieb, was gesdchah, als er am 9. Av an einem Roots-Programm teilnahm; der 9. Av ist ein zutiefst nationaler Tag, an dem Juden der Zerstörung der zwei Tempel gedenken: Er hörte einen Vortrag eines Scheiks aus Jaffa und „war nachhaltig beeindruckt von dem, was er sagte, von Dingen, von denen er erzählte, von denen ich keine Vorstellung hatte und ich war beschämt. Wie war es möglich, dass ich in all den Jahren, in den tausenden von Stunden, die ich jüdischer und allgemeiner Bildung gewidmet hatte … nie die Zeit gefunden hatte irgendetwas über die Kultur der Menschen gelernt hatte, die direkt nebenan wohnten?“

In der hoch ideologischen und oft monolithischen Siedlergemeinschaft erfordert mit einem solchen Brief in die Öffentlichkeit zu gehen, mehr als Mut – es bedeutet die soziale Vorsicht in den Wind zu schießen. Auch wenn sie gering an Zahl sind, entscheiden sich die beteiligten palästinensischen und jüdischen Familien genau das zu tun.

Der aktuelle Wahlzyklus ist eine Erinnerung daran, warum solche Begegnungen wichtig sind. Als Yesch Atid, Israels Zentrumspartei, vor kurzem ihr Wahlprogramm online stellte, erklärte sie: „Wir suchen keine Ehe mit den Palästinensern, sondern eine Scheidung von ihnen. … Unser Ziel besteht darin einen entmilitarisierten Palästinenserstaat an der Seite eines starken und sicheren jüdischen Staats Israel zu schaffen, unter strikter Einhaltung von Sicherheitsarrangements und Operationsfreiheit der IDF. Der Siedlungsblock wird Teil Israels bleiben. Wir werden kein Rückkehrrecht für Palästinenser anerkennen und Jerusalem wird auf immer die vereinte Hauptstadt Israels bleiben.“

Für die Mehrheit der Israelis macht diese Haltung perfekt Sinn. Für die meisten Palästinenser ist sie ein Versagter. Angesichts des politischen Patts könnten es, sollten die Beziehungen der beiden Völker vorankriechen, genau durch ein solches Treffen zwischen Erwachsenen und auch Teenagern sein, weit entfernt von den grellen Schlagzeilen.

„Ich habe einen weitere Frage“, wollte eine israelische Teenagerin ihr palästinensisches Ggenüber bei einem der letzten Treffen wissen. „Gibt es irgendetwas in unserer Kultur, das ihr wirklich mögt?“

Die palästinensischen Kids waren einen Moment still und dann lachten sie. „Wir lieben eure Musik“, sagten sie. Insbesondere Eyal Goaln, einen israelischen Rockstar, der auf Hebräisch singt, aber in einem nahöstlichen, fast arabisch klingenden Stil. „Wir verstehen das Hebräische nicht, aber wir hören ihm immer zu; wir kennen die Worte auswendig.“

 

Übersetzt von Heplev


Autor: Heplev
Bild Quelle:


Sonntag, 10 Februar 2019







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