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Wem gehört Israels Geschichte?

Wem gehört Israels Geschichte?


Ein ehemaliger Staats-Archivar über den Streit um den ersten Entwurf der Unabhängigkeitserklärung

Von Yaacov Lozowick, The Tablet

Wem gehört die Geschichte einer Nation? Der israelische Oberste Gerichtshof versuchte vor kurzem diese Frage zu beantworten, in einem Urteil zu einem Fall, der am ersten Tag von Pessah im April 1948 begann, als der 31 Jahre alte Mordechai Beham am Abendbrottisch der Familie in Tränen ausbrach. Zwei Tage zuvor hatte er den Auftrag bekommen eine Unabhängigkeitserklärung für den kommenden jüdischen Staat zu entwerfen, aber er hatte keine Idee, wie er anfangen sollte.

Als sich das Ende des britischen Mandats am 15. Mai abzeichnete, musste die jüdische Führung innerhalb des Mandats Palästina eine schicksalhafte Entscheidung treffen: Eine Unabhängigkeitserklärung würde eine vereinte arabische Invasion, Blutvergießen und mögliche Massenzerstörung auslösen. Für den Fall, dass dem massiven internationalen Druck zu warten Widerstand geleistet würde, wurde Felix Rosenblueth (später Pinchas Rosen) gesagt, er solle ein zukünftiges Justizministerium aufbauen. Er rekrutierte zwei Anwälte, Uri Yadin und Mordechai Beham. Er wies Beham an dessen zweitem Arbeitstag an, den Entwurf für Israels Unabhängigkeitserklärung vorzubereiten.

Was sagt man jemandem, der an dem Druck eines der wichtigsten Dokumente in der Geschichte des eigenen Volkes zu schreiben, zerbricht? „Geh und rede mit Rabbi Davidowitz.“ Harry Solomon, ein in Litauen geborener Jude, der als Shalom Tzvi Davidowitz bekannt war, hattte fast zwei Jahrezehnte als konservativer Rabbiner in den Vereinigten Staaten verbracht, bevor er 1934 nach Tel Aviv zog, wo er eine Dentalfabrik betrieb und Shakespeares Theaterstücke ins Hebräische übersetzte. Davidowitz lebte in der Nähe und hatte eine große Bibliothek. Also ging Beham hinüber zu Davidowitz‘ Haus und sie redeten miteinander.

An einem Punkt begann der junge Anwalt sich Notizen zu machen. Zuerst eine Seite an Zitaten aus berühmten Dokumenten wie „Wenn es im Verlauf der Menschheitsereignisse für ein Volk notwendig wird die politischen Bande aufzulösen, die sie miteinander verbunden haben…“ Und auch „Seht, ich habe euch das Land gegeben; zieht hinein, und nehmt das Land in Besitz. Der HERR hat euren Vorfahren Abraham, Isaak und Jakob geschworen, es ihnen und ihren Nachkommen zu geben.“ (5. Mose 1,8). Nachdem er vier oder fünf Zitate, alle auf Englisch, niedergeschrieben hatte, nahm er ein weiteres Blatt Papier und schrieb einen ersten Entwurf einer „Erklärung eines jüdischen Staates“ auf, weiter auf Englisch. Auf einem dritten Blatt übersetzte er dann, was er geschrieben hatte, ins Hebräische.

Am Sonntag, 25. April, zeigte Beham seinen Entwurf Yadin. Sie nahmen zahlreiche redaktionelle Korrekturen vor. Zwei Tage später gab es dank Frau Levy, der Sekretärin, eine getippte Version. Beham schrieb dann eine eine Seite lange Beschreibung dessen, was sie zu tun versuchten. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem der Entwurf an andere potenzielle Autoren weitergegeben wurde, hatte er insgesamt fünf Blatt Papier verfasst.

Die drei Wochen zwischen Pessah und der Unabhängigkeitserklärung waren hektisch und chaotisch – und nach jedem Maßstab historisch. Da das Schicksal von Staaten auf dem Spiel stand, hatte eine ganze Reihe von Offiziellen, Politikern und Sprachkünstlern unterschiedlichen Talents ihre Chance die entstehende Erklärung zu formulieren. Auf dem Weg entschied jemand, dass das neue Land „Israel“ heißen sollte, also wurde dieser Name eingefügt.

In den frühen Morgenstunden des 13. Mai beschloss ein Komitee mit knapper Mehrheit die Unabhängigkeit ungeachtet von allem auszurufen. Spät am nächsten Abend lieferte Mosche Scharett den endgültigen Entwurf der Unabhängigkeitserklärung Israels bei David Ben-Gurion ab, der ihn nicht mochte – und die Nacht damit verbrachte sie umzuschreiben. Zwei Stunden vor der Proklamierung der Erklärung las er seine Version den Männern vor, die davor standen Israels erstes provisorisches Parlament zu werden. Sie waren mit einigen Formulierungen nicht einverstanden, das wurde überarbeitet.

Das britische Mandat sollte Mitternacht vom 14. auf den 15. Mai enden, zwischen Freitag und Samstag. Israels erste souveräne Handlung bestand darin den Sabbat zu beachten und in einer geheimen Feier am Freitagnachmittag die Unabhängigkeit zu erklären. Das Geheimnis wurde so gut bewahrt, das große Menschenmengen sich vor dem Tel Aviv Museum versammelten, wo sie stattfinden sollte.

Ben-Gurions Auto kam um 16 Uhr an und der grüßte die Polizisten am Eingang. Weil die Formulierung der Erklärung erst eine Stunde vorher beendet wurde, las er sie von getippten Blättern ab. Die 25 Unterzeichner setzten ihre Namen auf ein leeres Pergament, das später vom Kalligraphen an die offizielle Ausgabe der Erklärung angefügt wurde. Zwölf weitere Mitglieder, von denen die meisten im belagerten Jerusalem festsaßen, fügten ihre Unterschriften später hinzu; ihre Kollegen hatten Platz für ihre Namen in alphabetischer Reihenfolge gelassen.

Es gibt keinen Grund für die Annahme, dass Ben-Gurion oder einer seiner Kollegen von der Existenz von Mordechai Beham wusste oder dass er den ersten Entwurf dessen geschrieben hatte, was sie unterschrieben. Jahrzehnte später, als Uri Yadins Tagebuch posthum veröffentlicht wurde, ließ jemand durchsickern, dass er – und wahrscheinlich Beham – fanden, dass die endgültige Formulierung nicht sehr gut war. Und das ist der Punkt, an dem die Dinge vermutlich belassen worden wären, wäre da nicht Yoram Schachar gewesen, ein Juraprofessor, der in den späten 1990-er Jahren glaubte, es sei interessant zu wissen, wie es dazu kam, dass die Erklärung, die inzwischen das Grunddokument der liberalen Demokratie Israels ist, das sagt, was sie sagt:

DER STAAT ISRAEL wird für jüdische Zuwanderung und die Sammlung der Exilanten offen sein; er wird die Entwicklung des Landes zugunsten all seiner Einwohner fördern; er wird auf Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden gründen, wie er von den Propheten Israels vorhergesehen war; er wird die völlige Gleichstellung der sozialen und politischen Rechte für all seine Einwohner sicherstellen, ungeachtet von Religion, Rasse oder Geschlecht; er wird die Freiheit von Religionsausübung, Gewissen, Sprache, Bildung und Kultur garantieren; er wird die Heiligen Stätten aller Religionen sichern; und er wird den Prinzipien der Charta der Vereinten Nationen gegenüber loyal sein.

Schachar deckte Behams Rolle auf und besuchte seine Witwe; es stellte sich heraus, dass sie die Papiere immer noch in einer Kiste hatte. Eine ihrer Enkelinnen hatte sie einmal in der Schule gezeigt; ich habe den Verdacht, dass der Lehrer ihr nicht geglaubt hatte.

2002 veröffentlichte Schachar seine Erkenntnisse in einem faszinierenden Artikel von 78 Seiten Länge, der auch eine modifizierte englische Version des Textes hatte – Jefferson Goes East: The American Origins oft he Israeli Declaration of Independence. Er hatte zwei interessante Kommentare Behams. Erstens schaffte es zwar keines von Behams Worten den Prozess bis zum endgültigen Text zu überstehen, aber seine Struktur schaffte es. Beham hatte beschlossen, dass die Erklärung zwei Teile haben sollte, einen, der die Geschichte der Juden vorlegte, der zweite baute darauf auf, um die zukünftigen Absichten zu proklamieren. Jeder, der nach ihm kam, arbeitete innerhalb dieser Struktur. Hätte Beham eine brauchbare Alternativstruktur gewählt, hätten wir diese für selbstverständlich genommen.

Behams zweiter Beitrag drehte sich um Gott, was ironisch ist, bedenkt man, dass ihm Tradition so fremdartig war, dass er Bibelzitate aus einer englischsprachigen Bibel verwendete. Der Schlusssatz der Erklärung beginnt mit „Mit Zuversicht auf den Fels Israels setzen wir unsere Namen unter diese Erklärung…“

Generationen israelischer Kinder, einschließlich meiner Person, lernen, dass Fels Israels – Tzur Yisrael – das Ergebnis eines politischen Kompromisses war. Die religiösen Zionisten bestanden darauf, dass Gott in der Erklärung vorkommen sollte, die Atheisten bestanden darauf, dass das nicht so ist und so wurde der vage und esoterische Tzur Yisrael gewählt. Nun – nein, sagt Sachar. Tzur Yisrael war von Anfang an da, schon im ersten Entwurf. Am wahrscheinlichsten wurde er von Rabbi Davidowitz vorgeschlagen, der die Art von Person war, die den hitzigen Streit über Gottes Rolle im Zionismus vorhergesehen haben könnte und umsichtig eine Formulierung vorschlug, die alle Überarbeitungen überlebte.

Schachars Artikel trieb schließlich Beham zu öffentlicher Bekanntheit. Die Familie weiß jetzt und konnte demonstrieren, dass ihre Dokumente wertvoll sind. 2015 versuchte sie sie über ein Auktionshaus zu verkaufen. Das machte die Behörden auf sie aufmerksam, wo niemand Schachars Artikel gelesen hatte. Die Obrigkeit – als Staatsarchivar gehörte ich dazu – frage sich, ob eine private Familie solch wichtige Dokumente verkaufen darf und ob sie nicht in Wirklichkeit dem Staat gehören würden.

***

Beham sag nichts Falsches darin die fünf Blätter Papier zu behalten, die er formuliert hatte. Das Staatsarchiv wurde erst ein Jahr später gegründet und das Gesetz, das dessen Rolle und Position in der Gesellschaft zum Recht machte, erst 1955. Dann und Jahrzehnte danach nahmen Persönlichkeiten weit größerer historischer Bedeutung Akten mit nach Hause, als sie ihren Job verließen. Der allerberühmteste Dokumentendieb in der Geschichte Israels war Ariel Sharon, der ganze Lastwagenladungen mitnahm. Aber jede Zahl berühmter israelischer Beamter oder Politiker, die man nennen kann, machte dasselbe (Mosche Dayan spezialisierte sich stolz und öffentlich auf Beute an archäologischen Gegenständen). Die Tradition starb auch nicht aus: Es gab wichtige Menschen, die vor kurzem immer noch Dokumente aus ihrer Amtszeit horteten; wenn die Gepflogenheit nachlässt, dann in erster Linie, weil niemand mehr auf Papier schreibt.

Darüber hinaus übernimmt das Archivierungsgesetz selbst bestenfalls eine zögerliche und schiefe Position zur Anforderung, dass Regierungspapiere im öffentlichen Besitz bleiben, indem sie in Archiven gelagert werden. Das könnte mit der Tatsache zu tun haben, dass das ursprüngliche professionelle Feld der Archive Israels von Immigranten aus deutschsprachigen Ländern besetzt war, von den dominanten Osteuropäern spöttisch Jekkes genannt. Selbst als die Jekkes-Archivare es schafften die Knesset zu überzeugen das Gesetz zu beschließen, waren andere Israelis zu misstrauisch um ihnen irgendwelche weitere Amtsgewalt zu geben.

Während also das Staatarchiv hunderte millionen Dokumente anhäuften, behielten viele Schlüsselspieler der Geschichte des Landes wichtige Staatspapiere für sich.

Schließlich wurde eine Sonderabteilung im Büro des Premierministers geschaffen, um Erbe-Erhaltungsprojekte zu finanzieren. Eine dramatische Überarbeitung der Nationalbibliothek wurde begonnen, gefolgt von wichtigen Reformen des Staatsarchivs. Archivare begannen darüber zu reden verlorene Archivsammlungen zurückzuholen; eine frühe Leistung war die Unterzeichnung einer Vereinbarung mit der Familie Sharon.

Dann kamen die Beham-Papiere auf den Markt. Der Fall war kaum eindeutig. Ein Anruf bei mir kam von Zvi Hauser, einem ehemaligen Kabinettsekretär (und heute neu gewähltem Knessetabgeordneter). „Yaakov, ich verstehe dein Zögern. Du hast recht, dass der Staat diesen Fall vermutlich verlieren wird. Aber das ist der Punkt: Du musst spektakulär verlieren, damit die Knesset davon Notiz nimmt und das Gesetz ändert.“

Bei einem brechend vollen Treffen am späten Abend im Justizministerium wurde entschieden, dass Entwürfe der Unabhängigkeitserklärung dem Staat gehören, nicht Einzelnen. Wir zogen vor Gericht, um zu fordern, dass sie im Archiv deponiert werden. Die Medien verfolgten die Geschichte von Anfang bis Ende.

Hatte ich erwartet, dass der Prozess sich um die Rolle des Archivs bei der Bewahrung der nationalen Erinnerung dreht, dann lag ich falsch. Das Bezirksgericht in Jerusalem war unzufrieden, dass wir fast 70 Jahre gewartet hatten und konzentrierte sich auf Eigentumsrecht. Es gab viel Diskussion zu Behams Vertragsstatus in den chaotischen wenigen Tagen, als die Existenz des Landes noch diskutiert wurde. Behams Familie erzählte von dem Drama während dieses Wochenendes – die wirksamen Worte ihrer Präsentation waren „Familie“ und „Wochenende“, die modernen Israelis beide heilig sind. Wir hatten gehofft, dass der Fall einfach sein würde – es war die Unabhängigkeitserklärung, Himmelherrgott! – aber das war er nicht.

2017 entschied das Gericht gegen uns. Als dasselbe Auktionshaus dann ankündigte, es habe das Telegramm vom Juni 1967, das die Eroberung des Sinai verkündete, sowie Akten militärischer Dokumente aus den 1950-er Jahren, warnten die Anwälte des Staates, wir bräuchten bombensichere Beweise, sonst würden sie uns nicht vertreten.

Dann hob der Oberste Gerichtshof im Mai 2019 das ursprüngliche Urteil im Fall Beham auf. Beham mag beim familiären Abendessen gesessen haben, aber der Grund, dass er so aufgewühlt war, war das Ergebnis seines Jobs – und unter einigen Umständen sind die Ansprüche der Nation an Teilen ihres Erbes stärker als die der Einzelpersonen, die sie besitzen. Die Dokumente sollten im Staatsarchiv gelagert werden.

Zur Zeit der endgültigen Entscheidung war ich nicht mehr Staatsarchivar. Im Rückblick bin ich nicht ganz sicher, dass die Entscheidung zu unseren Gunsten die richtige war. Die Familie Beham wollte sich nicht bereichern. Es gab unglückliche Umstände, durch die sie das Geld brauchten; auf unserer Seite hatten wir tiefe Taschen und den Staatsapparat. Er lag ein Hauch der Anwendung von Druck in unserer Haltung, besonders in unserer Entscheidung einen Präzedenzfall schaffenden Fall gegen eine unbekannte Familie zu beginnen – und nicht, sagen wir, gegen einen früher mächtigen und immer noch gut vernetzten Politiker.

Hätten wir vielleicht übereinkommen können, dass das Archiv qualitativ hochwertige Scans bekommt und die Familie sich verpflichtet, dass die Dokumente beim Verkauf in Israel bleiben? Wäre es möglich gewesen einen Spender zu finden, der die Dokumente ohne Auktion kauft und sie dem Archiv in Verwahrung gibt? Wir haben diese Wege nicht ausgelotet.

Meine Hauptbedenken liegen jedoch in einer unausgesprochenen Annahme, die die Entscheidung des Obersten Gerichtshofs untermauert: Dass das Staatsarchiv die Bürger repräsentiert und zum Besten der nationalen Gemeinschaft agiert. Damit dieses Argument überzeugt, müsste das Archiv wahrlich als Stellvertreter der Bürger agieren und es müsste so breit wie möglich jedermann zugänglich sein. Leider ist das nur zum Teil so. Vieles von dem, was sich im Archiv befindet, ist der Öffentlichkeit nicht zugänglich.

Aber das ist eine Geschichte für ein anderes Mal.

 

Übersetzt von HeplevOK -


Autor: Heplev
Bild Quelle: GPO


Donnerstag, 29 August 2019