Der Mythos Arafat lebt

Der Mythos Arafat lebt


Mit seiner Uniform und seinem Kopftuch ist er auch lange nach seinem Tod die Ikone der Palästinenser: Jasser Arafat ist einer der bekanntesten Politiker, nicht zuletzt wegen des Friedensnobelpreises vor 25 Jahren. Dass er auch terroristisch aktiv war und sich bereicherte, wird gerne unter den Tisch gekehrt.

Der Mythos Arafat lebt

Von Ulrich W. Sahm

Am 14. Oktober vor 25 Jahren gab das Komitee in Oslo bekannt, dass der Führer der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO), Jasser Arafat, zusammen mit dem israelischen Premierminister Jitzchak Rabin und dessen engstem Vertrauten, Schimon Peres, den Friedensnobelpreis erhält. Gewürdigt wurde damit das „Osloer Abkommen“.

Ein Jahr zuvor, am 13. September 1993, ging ein Bild durch die Presse, das weltweit gefeiert wurde: Der israelische Premier im zivilen Anzug, der Palästinenserführer in Uniform, dahinter US-Präsident Bill Clinton mit ausgebreiteten Armen. Die Welt befand sich in einem Rausch. Viele wollten glauben, dass nun einer der „ältesten“ und unlösbarsten Konflikte der Welt mit einem „Friedensabkommen“ beendet sei. Dass Arafat die Uniform nie auszog, sollte sich allerdings als symptomatisch erweisen. In den Folgejahren bin ich ihm immer wieder begegnet und konnte erleben, wie das System Arafat funktionierte.

Bei genauem Hinschauen handelte es sich bei den Osloer Verträgen nicht um einen „Friedensvertrag“ – denn Frieden wird zwischen kriegführenden Staaten geschlossen. In diesem Fall handelte es sich um eine gegenseitige Anerkennung zwischen der PLO und dem Staat Israel. Dabei stand ein Gewaltverzicht im Vordergrund.

Gleichzeitig wurde Arafat die Rückkehr nach Gaza mitsamt seinen bewaffneten Kämpfern aus dem tunesischen Exil zugesichert, ebenso wie die Errichtung einer palästinensischen „Selbstverwaltung“ – später „Autonomie“ genannt. Das Vertragswerk stellt einen Zwischenschritt dar und gilt daher als „Interimsvertrag“. Um eine Unterschrift der Vertragspartner zu erreichen, wurden die schwierigsten Fragen ausgespart, darunter der Status Jerusalems, die palästinensischen Flüchtlinge und die künftigen Grenzen.

Die Palästinenser träumen noch immer von einem eigenen Staat. Doch ein Staat wird in den bisherigen Abkommen nicht einmal erwähnt. Und die Israelis müssen bis heute den Terror bekämpfen, als gäbe es keine Verträge.

Welt in Euphorie

Der mutmaßlich 1929 in Kairo geborene Arafat hieß mit vollem Namen Mohammed Jasser Abdel Rahman Abdel Ra‘uf Arafat al-Qudwa al-Husseini. Der Mann war zur Freude der Fotografen ein wandelndes Propaganda-Symbol: Auch bei der Preisverleihung am 10. Dezember in Oslo trug er wie üblich seine armeegrüne Uniformjacke und das zu einer symbolischen Palästinakarte gefaltete „Palästinensertuch“. Doch anstelle seiner sonst oft, unter anderem mit Pfadfinderabzeichen „ordensgeschmückten“ Brust hatte sich Arafat zur Feier des Tages nur drei Symbole an seine Uniform gepinnt, darunter eine Plakette mit der Abbildung des Felsendoms in Jerusalem. Die Knöpfe seiner Uniform waren mit einem Wappenadler geschmückt.

Nach der feierlichen Unterzeichnung des Vertrags in Washington im Beisein von US-Präsident Clinton herrschte Euphorie. Ich befand mich damals beim American Colony Hotel in Ostjerusalem, einem Treffpunkt von Israelis und Palästinensern, Spionen, Diplomaten und anderen. Junge Palästinenser kamen und steckten Blumen in die Gewehrrohre der dort wachhabenden israelischen Grenzschutzsoldaten. Eine neue Welt war entstanden. Die Palästinenser freuten sich auf die baldige Rückkehr ihrer Ikone Arafat, und die Israelis waren sich gewiss, von nun an Ruhe zu haben. Sie sollten sich gründlich irren.

Die Show hatte eine Vorgeschichte: Arafat hatte sich gründlich verzockt. Er hatte sich 1990 mit Saddam Hussein solidarisiert und den irakischen Einmarsch in Kuwait bejubelt. Das hatte schwerwiegende Folgen: Zum einen stoppten die reichen arabischen Ölstaaten ihre finanzielle Unterstützung der PLO. Zum anderen zwang Kuwait etwa 450.000 Palästinenser dazu, das Land binnen weniger Tage zu verlassen. Arafat brauchte also dringend neue Erfolge und neue Geldgeber.

Eingeschleuste Terroristen

Das Autonomieabkommen ermöglichte ihm nach 27 Jahren Exil die Heimreise. Am 1. Juli 1994, einem Freitag, kehrte Arafat nach „Palästina“ zurück. Er reiste in einer ihm von Mercedes geschenkten gepanzerten Limousine aus Ägypten an. In Gaza fiel den dort präsenten israelischen Sicherheitsleuten auf, dass der nur 1,60 Meter große Arafat in dem Auto wie ein „Hüne“ wirkte. Sie entdeckten, dass auf dem Rücksitz zwei oder drei „Terroristen“ lagen, denen Israel die Einreise verweigert hatte. Arafat hatte sie ins Land geschmuggelt, indem er sich einfach auf sie setzte.

Das war schon bei seiner Ankunft der erste „Vertragsbruch“, dem noch viele weitere folgen sollten. Die Israelis wollten jedoch keine Spielverderber sein, und ließen diesen Zwischenfall durchgehen. Was mit jenen Männern passiert ist, wurde nicht berichtet.

Treffen mit Arafat

Arafat etablierte sein Hauptquartier am Strand von Gaza in einem üppigen neuen Gebäude. Dort habe ich ihn zum ersten Mal getroffen, als eine deutsche Delegation die Stadt besuchte. Im Speisesaal war ein Tisch quer für die Honoratioren aufgestellt. Von ihm gingen drei lange Tischreihen für Journalisten, Delegationsmitglieder und andere Gäste ab. Strategisch suchte ich mir einen Platz nur einen Meter von Arafat entfernt.

Kellner des American Colony Hotels in Jerusalem tischten auf. Sie brachten ein leckeres Hühnerschnitzel als Hauptspeise. Ich versuchte, den Gesprächen am Tisch der Honoratioren zu lauschen, konnte aber akustisch nichts verstehen. Hungrig machte ich mich an das Schnitzel. Kaum hatte ich ein Stück aufgegabelt, verspürte ich einen Schmerz in der Schulter. Arafat hatte eine Banane gegriffen und hielt sie wie eine Pistole. Damit prügelte er auf meine Schulter ein. Erschrocken schaute ich auf: „Mr. President?“ Der eingefleischte Vegetarier sah mich an und sagte, ich sollte kein Fleisch essen.

Mehrfach besuchte ich Arafat zudem in der Mukata in Ramallah, seinem späteren Hauptquartier. Auf dem riesigen Kabinettstisch hatte er vor seinem schwarzen ledernen Lesepult Geschenke seiner Besucher aufgestellt. Es war eine unbeschreibliche Ansammlung von Kitsch aus aller Welt. Neben Weihnachtsmännern in Folie lag da als Briefbeschwerer das Modell einer Lufthansa-Boeing auf einem Stapel Din-A-4 Seiten. Arafat las keine Zeitungen, sondern nur einzelne ausgewählte fotokopierte Artikel.

Einmal fuhr ich mit anderen Journalisten zu seinem Büro, nachdem die Israelis 2002 infolge eines palästinensischen Selbstmordanschlags auf das Parkhotel in Netanja einmarschiert waren und die Mukata umstellt hatten. Der Anschlag hatte zahlreiche Tote gefordert, darunter Holocaust-Überlebende, die das Passahfest gefeiert hatten. Später entdeckten die Israelis im beschlagnahmten Archiv der PLO einen von Arafat unterzeichneten Bestellzettel mit Quittung für jene Sprengstoffjacke, mit der der Anschlag ausgeführt worden war.

Wir fuhren damals in gepanzerten deutschen Diplomatenwagen vor. Israelische Panzer richteten ihre Kanonenrohre auf unsere Limousinen. Ein deutscher Diplomat verhandelte mit den Israelis und schließlich wurden wir durchgelassen.

Im Innenhof der Mukata prüften israelische Soldaten unsere Taschen. Alles wurde beobachtet von Andreas Michaelis, damals deutscher „Botschafter“ bei den Palästinensern und heute Staatssekretär im Auswärtigen Amt. Endlich durften wir den mit Sandsäcken bewehrten Eingang zum Treppenhaus passieren, das zum Kabinettssaal Arafats hinaufführte. Seit Monaten waren die Stufen nicht mehr geputzt worden. Alles war unbeschreiblich dreckig.

Ich sah einen Wächter, der im Schein einer Nachttischlampe seine Zeitung las. Im Kabinettssaal brannte nur eine Notleuchte. Als wir den ziemlich finsteren Saal betraten, meinte ein Journalistenkollege ironisch: „Drück' nur nicht den Lichtschalter … “ Am anderen Ende des Tisches lief versehentlich noch ein Fernseher, verbrauchte also Strom. Als wir ankamen, riefen Palästinenser erschreckt: „Television“. Augenblicklich wurde der Apparat ausgeschaltet.

Viel Show für die Presse

Arafat begrüßte jeden von uns einzeln mit einem warmen, weichen Handschlag und einem breiten Lächeln. Als wir alle am Tisch saßen, entschuldigte er sich für die Notbeleuchtung. Die Israelis hätten ihm den Strom abgeschaltet. Das war eine glatte Lüge, aber für Arafat war alles eine großartige Show. Dann erzählte er uns von „Dscheningrad“. Die Israelis hätten ein fürchterliches Massaker mit Tausenden Toten in Dschenin angerichtet. Auch das erwies sich als Propaganda, als später die offiziellen Zahlen veröffentlicht wurden. Nach einigen Minuten wurden die Journalisten rausgeschickt, damit sich die deutsche Delegation vertraulich mit Arafat unterhalten konnte. Wir Journalisten wurden über eine Brücke ins Nebenhaus geführt. Dort brannten alle Neonleuchten und man brachte uns kühle Getränke aus funktionierenden Kühlschränken.

Ein letztes Mal besuchte ich zusammen mit anderen Journalisten eine Kabinettssitzung Arafats in dem anderen Gebäude. Alles war frisch gestrichen und sehr sauber. Arafat tagte mit seinen palästinensischen Untertanen. Nur das schmutzige Treppenhaus zu seinem Kabinettssaal sollte ausländische Besucher von seinem Opferstatus überzeugen.

Uniformierte fragten streng, ob wir ein Handy dabeihatten. Das mussten wir abgeben. Die „Sicherheitsleute“ warfen keinen Blick in unsere große Tasche, in der wir ein Maschinengewehr oder Handgranaten hätten mitbringen können. Kurz zuvor hatte Israel den Bombenbauer Jichieh Ajasch im Gazastreifen mit Hilfe eines Handy umgebracht. Deswegen betrachteten Arafats Sicherheitsleute allein Handys als Waffe. Ohne Taschenkontrolle betraten wir den Saal, in dem Arafat unter einem Bild des Jerusalemer Felsendoms mit seinem Kabinett tagte.

Am 11. November 2004 starb Jasser Arafat in Paris. Nach seinem Tod besuchten wir Journalisten noch einmal mit dem österreichischen Nationalratspräsidenten Andreas Khol die Mukata. Die Palästinenser führten uns durch den bis dahin versperrten Korridor zu Arafats Privatgemächern. Neben einem großen Doppelbett und Mahagonischränken stand da noch ein Übungsfahrrad, mit dem sich Arafat fit hielt. Das Badezimmer war konzipiert wie in einem Luxus-Hotel.

Heute ist alles ein Museum zu Arafats Gedenken. Aber als sein Schlafzimmer zeigen Medien gerne eine enge kleine Kammer mit einem Eisenbett. Das war einst vielleicht die Kammer eines seiner Leibwächter. So wird der Mythos eines genügsamen Arafats auch posthum mit „Fake News“ gefüttert.

Verschwundene Gelder

Übrigens war die Rechnung aufgegangen: Der hochdotierte Friedensnobelpreis war der Auftakt zu sprudelnden neuen Einnahmen. Der Internationale Währungsfonds (IWF) legte 2003 in Dubai einen Bericht über „Ökonomische Leistungen und Reformen unter Konfliktbedingungen“ vor. Daraus ging hervor, dass zwischen 1995 und 2000 mehr als 900 Millionen Dollar für die Autonomiebehörde „verschwanden“ – vom palästinensischen Finanzministerium an unbekannte Ziele transferiert. Allein weisungsbefugt war Arafat. Ihm bescheinigte das amerikanische Magazin „Forbes“, er sei mit 900 Millionen Dollar Privatvermögen einer der reichsten Staatsmänner dieser Welt.

Ein Bericht des Bundesnachrichtendienstes hat aufgezeigt, wie Arafat seine schwarzen Kassen füllte: Für Gehälter palästinensische,r Lehrer, Ärzte und Polizisten zahlte die EU in Dollar, Arafat leitete das Geld in Schekel weiter – unter Abzug einer Provision von 25 Prozent. „Arafat bombt, Europa zahlt“, titelte die Wochenzeitung „Die Zeit“ 2002. Besser ließ sich das Phänomen nicht zusammenfassen.

Der Mythos Arafat lebt weiter. Selbst Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat es sich im Mai 2017 nicht nehmen lassen, sich vor dem Grab des berühmtesten Kopftuchträgers der Welt zu verneigen. Eine Prüfung der Geldströme nach „Palästina“ wird bis heute vermieden.

Eine kürzere Fassung dieses Artikels finden Sie auch in der Ausgabe 6/2019 des Israelnetz Magazins. Sie können die Zeitschrift kostenlos und unverbindlich bestellen unter der Telefonnummer 06441/5 66 77 00, via E-Mail an info@israelnetz.com oder online. Gerne können Sie auch mehrere Exemplare zum Weitergeben oder Auslegen anfordern.

 

Erstveröffentlicht bei israelnetz - Zweitveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors / Foto: Die Friedensnobelpreisträger von 1994: Arafat, Peres und Rabin (v.l.) wurden „für ihre Anstrengungen zur Lösung des Nahostkonflikts“ ausgezeichnet


Autor: Ulrich W. Sahm
Bild Quelle: GPO, Saar Yaacov


Freitag, 27 Dezember 2019

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