`Nie wieder´ heißt: jüdische Souveränität - auch und vor allem militärische

`Nie wieder´ heißt: jüdische Souveränität - auch und vor allem militärische


Während man im wiedergutgewordenen Deutschland von der Rede des Bundespräsidenten in Yad Vashem gerührt ist und ansonsten weiter dem Volkssport `Israelkritik´ frönt, weiß man in Israel: „Nie wieder Auschwitz“ bedeutet, nie mehr Opfer zu sein. Dafür braucht es jüdische Souveränität, die auch militärisch abgesichert ist.

`Nie wieder´ heißt: jüdische Souveränität - auch und vor allem militärische

Von Alex Feuerherdt

Viel Lob hat der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier für seine Rede bekommen, die er auf der Gedenkveranstaltung in Yad Vashem anlässlich der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz durch die Rote Armee vor 75 Jahren gehalten hat. Einfühlsam, demütig und reflektiert sei sie gewesen, hieß es vielfach; Steinmeier habe den richtigen Ton getroffen und nicht bloß die üblichen Floskeln und Parolen von sich gegeben.

Erinnerung als höchste Form des Vergessens

Besonders begeistert von der Ansprache war die Korrespondentin des Hessischen Rundfunks, Sabine Müller. In ihren Augen legte Steinmeier einen überragenden Auftritt hin, Israel und Russland dagegen hätten den Gedenktag teilweise „gekapert“ und vor der Veranstaltung „ihre eigene politische und erinnerungspolitische Privatparty“ gefeiert. Damit hätten sie im Kampf gegen den Antisemitismus „eine Chance vertan“.

So hört sich das inzwischen an im Land der Wiedergutgewordenen: Sie glauben, diejenigen, deren Vorfahren sie mit Krieg und Vernichtung überzogen haben, in puncto Erinnerung belehren zu müssen. Nachfahren der Täter werfen Nachfahren der Opfer und Kämpfern gegen die deutsche Barbarei vor, falsch zu gedenken und das auch noch zu feiern.

Bei der angeblichen „politischen und erinnerungspolitischen Privatparty“ ging es übrigens um die Einweihung eines Denkmals für die Belagerung Leningrads während des Zweiten Weltkriegs. Die deutsche Wehrmacht hatte seinerzeit mehr als eine Million Menschen verhungern lassen und damit ein gigantisches Kriegsverbrechen begangen. Darüber hinaus ist es so absurd wie ungeheuerlich, ausgerechnet dem jüdischen Staat vorzuhalten, das Gedenken an die Befreiung von Auschwitz zu „kapern“. Eike Geisel hatte völlig Recht, als er schrieb, die Erinnerung sei in Deutschland „die höchste Form des Vergessens“.

„Ich wünschte, sagen zu können: Wir Deutsche haben für immer aus der Geschichte gelernt“, hieß es in der Rede von Frank-Walter Steinmeier. Aber das könne er nicht sagen, „wenn Hass und Hetze sich ausbreiten, wenn jüdische Kinder auf dem Schulhof bespuckt werden, wenn unter dem Deckmantel angeblicher Kritik an israelischer Politik kruder Antisemitismus hervorbricht [und] wenn nur eine schwere Holztür verhindert, dass ein Rechtsterrorist an Jom Kippur in einer Synagoge in Halle ein Blutbad anrichtet“.

Was er in seiner Aufzählung unerwähnt ließ, waren seine eigenen Verfehlungen. Etwa die, dem iranischen Regime, das Israel erklärtermaßen vernichten will, herzlich zum 40. Jahrestag seiner Machtübernahme gratuliert zu haben. Oder die, sich vor dem Grab des notorischen Judenhassers Yassir Arafat verneigt zu haben.

Bedingungslose Solidarität mit Israel? Weit gefehlt!

Wenn das normale politische Diplomatie sein soll, stimmt mit dieser Normalität etwas grundsätzlich nicht. Steinmeiers Beteuerungen in Yad Vashem – „Wir bekämpfen den Antisemitismus! Wir schützen jüdisches Leben! Wir stehen an der Seite Israels!“ – mögen subjektiv ernst gemeint gewesen sein, doch sie erweisen sich in der Realität immer wieder als reine Lippenbekenntnisse, aus denen nicht viel folgt.

Das Gleiche gilt für Steinmeiers sozialdemokratischen Parteikollegen Heiko Maas, der bekanntlich „wegen Auschwitz in die Politik gegangen“ ist. Man sollte annehmen, dass aus dieser markigen Ansage eine bedingungslose und verlässliche Solidarität mit dem jüdischen Staat folgt, der bekanntlich drei Jahre nach der Befreiung dieses Vernichtungslagers gegründet wurde. Doch weit gefehlt.

Als Außenminister ist Maas vielmehr dafür verantwortlich, dass Deutschland bei den Vereinten Nationen regelmäßig den zahlreichen antiisraelischen Resolutionen zustimmt, die von den Palästinensern und arabischen Staaten eingebracht werden, beispielsweise bei der Generalversammlung. Begründet wird dieses Abstimmungsverhalten mit dem Argument, die Bundesregierung sorge durch „intensive Verhandlungen mit der palästinensischen Seite“ dafür, dass die Resolutionen weniger drastischer ausfallen. Als Gegenleistung votiere man dann mit Ja.

Das heißt also: Man macht angeblich nur deshalb mit, um Schlimmeres zu verhindern, und verkauft das noch als Einsatz für Israel. Ein klares Nein zu den Beschlüssen der UNO gegen den jüdischen Staat, wie es zuletzt beispielsweise den USA, Kanada und Australien problemlos möglich war, kommt für den Gedenkweltmeister nicht in Frage. Dadurch trägt er dazu bei, dass Israel immer wieder als größter Menschenrechtsverletzer der Welt an den Pranger gestellt wird.

Die Logik der „Gerade wir als Deutsche“-Deutschen

Ohnehin ist die „Israelkritik“, also die wirkmächtigste zeitgenössische Variante des Antisemitismus, in Deutschland längst zum Volkssport geworden. Als moralisches „Argument“ für sie wird gerne angeführt, „gerade wir als Deutsche“ seien aufgrund „unserer Vergangenheit“ in besonderem Maße verpflichtet, die Stimme zu erheben, wenn irgendwo auf der Welt Unrecht geschieht oder zu geschehen scheint.

Der im Dezember 2018 verstorbene Publizist Wolfgang Pohrt hat zu dieser Logik bereits vor über 30 Jahren das Nötige geschrieben:

„Mit den Verbrechen, die Deutschland an den Juden und an der Menschheit beging, hat es sich eigenem Selbstverständnis gemäß das Vorrecht, die Auszeichnung und die Ehre erworben, fortan besondere Verantwortung zu tragen. Zwei angezettelte Weltkriege böten, so meint man weiter, die besten Startbedingungen, wenn es um den ersten Platz unter den Weltfriedensrichtern und Weltfriedensstiftern geht – frei nach der jesuitischen Devise, dass nur ein großer Sünder das Zeug zum großen Moralisten habe. Je schrecklicher die Sünde, desto tiefer die Buße und Reue, je tiefer die Buße und Reue, desto strahlender am Ende die moralische Überlegenheit.“

Eine moralische Überlegenheit, die in der Botschaft mündet: „Wir“ haben aus der Vergangenheit gelernt, während die Opfer respektive deren Kinder, die es doch aus eigener leidvoller Erfahrung besser wissen müssten, jetzt „unsere“ Methoden anwenden. Diese Logik macht aus einem Vernichtungslager wie Auschwitz de facto eine Besserungsanstalt, denn ihr zufolge hätten die Juden aus ihrer eigenen Ermordung die Lehre ziehen müssen, dass Gewalt immer schlimm und verwerflich ist.

Dass die Konsequenz der Holocaust-Überlebenden und ihrer Nachkommen jedoch eine ganz andere war – nämlich die, den drei Jahre nach Auschwitz proklamierten jüdischen Staat zur Not auch bewaffnet gegen den Vernichtungsdrang der Antisemiten zu verteidigen –, das wollen viele einfach nicht akzeptieren.

Sie verstehen nicht, dass es Israel – und damit jüdische Souveränität – gibt, um den auf dieser Welt lebenden Juden ein Refugium zu bieten, das über alle auch staatlichen und militärischen Mittel verfügt, um sich zu verteidigen, um also nie mehr Opfer zu sein. Wie unabdingbar das ist, zeigt sich nicht zuletzt darin, dass Israel seit seiner Proklamation unentwegt den Kriegen und Kriegsdrohungen seiner Nachbarn ausgesetzt war.

Der Iran, die Hisbollah, die Hamas, der Islamische Jihad und andere antisemitische Rackets arbeiten seit Jahren fleißig daran, den jüdischen Staat eines Tages von der Landkarte radieren zu können. Verhandlungen mit dem „zionistischen Feind“ lehnen sie strikt ab; allenfalls ein taktischer und zeitlich begrenzter Waffenstillstand kommt in Frage. Die Geschichte hat gezeigt, dass man die Ankündigungen von Antisemiten ernst nehmen muss. Und worüber sollte Israel auch mit ihnen verhandeln? Etwa über die Modalitäten des eigenen Untergangs?

Die Deutschen haben sich selbst ein Denkmal gesetzt

Aber ist die deutsche „Vergangenheitsbewältigung“ denn nicht vorbildlich? Nun, für nicht wenige hat sie eine Entlastungsfunktion und erfüllt auch noch einen weiteren Zweck. Womöglich ist diese „Bewältigung“ und die Trauer um die toten Juden wie am Jahrestag der Pogromnacht von 1938 oder am 27. Januar eine Art Vorschusszahlung dafür, um desto härter mit jenen lebenden Juden ins Gericht gehen zu können, die Israel mit Worten und Taten verteidigen. Nach dem Motto: Durch das Gedenken erwirbt man das Recht, über Israel herzuziehen, ohne dass jemand behaupten darf, das könnte antisemitisch motiviert sein.

Und wem gilt das Gedenken überhaupt? Nehmen wir etwa das Holocaust-Mahnmal in Berlin. Zum fünften Jahrestag der Einweihung dieses größten Gedenkmonuments der Welt – das es ohne den größten Massenmord der Geschichte gar nicht gäbe – wurde ein „Bürgerfest“ veranstaltet, auf dem unter anderem der bekannte Historiker Eberhard Jäckel eine Rede hielt. Er sagte mit hörbarem Stolz in der Stimme:

„In anderen Ländern beneiden manche die Deutschen um dieses Denkmal. Wir können wieder aufrecht gehen, weil wir aufrichtig bewahren. Das ist der Sinn des Denkmals, und das feiern wir.“

Folgt man dieser Logik, dann hat die Shoa also in der Konsequenz für Eifersucht im Rest der Welt gesorgt, wo man keine Massenvernichtung ins Werk gesetzt hat und heute deshalb nicht mit einem solch epochalen Bauwerk aufwarten kann.

Und noch etwas hat Jäckel deutlich gemacht: Der Sinn des Monuments ist es, dass die Deutschen „wieder aufrecht gehen“ können. Gebückt gegangen sind sie zwar nie – das ist vielmehr ein Mythos, den sie selbst erfunden haben. Mit dem Mahnmal im Rücken heißt es nun jedenfalls: Brust raus! Sie haben sich also selbst ein Denkmal gesetzt, gewissermaßen als Lohn für ihre „Vergangenheitsbewältigung“.

Um die Juden ging es dabei weniger. Nun mag man vielleicht einwenden, dass es da doch den Herrn Höcke von der AfD gibt, der in einer Brandrede von einem „Denkmal der Schande“ sprach. Höcke will seinen Nationalstolz also nicht mit der „Vergangenheitsbewältigung“ begründen, die er und seine Anhänger „Schuldkult“ nennen, sondern lieber mit der Erfindung des Buchdrucks. 

Er steht – wie auch sein Parteikollege Alexander Gauland, für den „Hitler und die Nazis nur ein Vogelschiss in über tausend Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte“ sind – für den klassischen, rechten deutschen Nationalismus, der nie tot war, sich aber bei der Rehabilitierung der Bezugsgröße „deutsche Nation“ zunehmend als hinderlich erwies, weil seine Nähe zum Nationalsozialismus allzu offensichtlich war.

Den Widerspruch gegen Höcke zeichnete deshalb auch nicht zuletzt die Empörung darüber aus, dass da einer das Erfolgsmodell „Vergangenheitsbewältigung“ infrage stellt, ja, in Gefahr zu bringen droht. Und deshalb protestierten auch „Israelkritiker“ vernehmlich gegen den AfD-Mann. Denn es ist diese „Vergangenheitsbewältigung“, die als moralische Ermächtigung dient, um Israel mit unheilbar gutem Gewissen für so ziemlich jedes Unheil im Nahen Osten verantwortlich zu machen.

Israel kann sich nur auf sich selbst verlassen

Als sich beispielsweise die israelische Armee und jüdisch-israelische Siedler noch im Gazastreifen aufhielten, galten sie als Besatzer. Als sie sich 2005 zurückzogen, intensivierten palästinensische Terrorgruppen zum Dank ihren Raketenbeschuss, woraufhin Israel die Grenzkontrollen verschärfte – und sich fortan dem Vorwurf ausgesetzt sah, „das größte Freiluftgefängnis der Welt“ errichtet zu haben.

Lässt der jüdische Staat die Angriffe der Hamas über sich ergehen, schlagzeilt der Focus: „Weiter Raketen auf Israel, aber Waffenruhe hält vorerst“ – so geschehen im November 2012. Kündigt er aber Gegenschläge an, dann titelt dasselbe Blatt: „Israel droht mit Selbstverteidigung.“ Und wehrt er sich gar, dann handelt er den „Israelkritikern“ zufolge stets „unverhältnismäßig“ oder „alttestamentarisch“, befördert die „Gewaltspirale“ oder begeht gar ein „Massaker“. Kurzum: Gleich, was Israel unternimmt, seine Gegner und Feinde sehen darin immer nur weitere Belege für seine abgrundtiefe Bösartigkeit.

Im jüdischen Staat weiß man, dass Israel sich nur auf sich selbst verlassen kann und dass schöne und nachdenkliche Worte nichts nutzen, wenn ihnen keine Taten folgen.

Dort wird die Erinnerung an Auschwitz deshalb auch „nicht nur in Blumenkränzen und der Aufführung klassischer Musik reflektiert“, sondern auch und vor allem „in den israelischen Streitkräften, in der Luftwaffe und in den Spezialkräften, die bereit sind, Bedrohungen für jüdisches Leben oder für israelische Staatsbürger jederzeit entschieden zu beenden, mit Waffen im Anschlag, mit Raketen unter der Tragfläche“. So formulierte es Johannes Boie in einem lesenswerten Beitrag für die Welt am Sonntag. Er erinnerte dabei auch daran, dass drei israelische Kampfflugzeuge im Jahr 2003 das ehemalige Vernichtungslager Auschwitz überflogen.

In der Ansprache der Piloten, die an die Menschen in der Gedenkstätte übertragen wurde, hieß es:

„Wir Piloten der Israelischen Luftwaffe fliegen im Himmel über dem Lager des Horrors, erhoben aus der Asche von Millionen Opfern, wir tragen ihre stillen Tränen, wir salutieren ihrer Tapferkeit und wir versprechen, das Schild der Juden und das ihres Landes Israel zu sein.“

Treffend kommentierte Boie dies mit den Worten: „Schwer bewaffnete F15-Jets sind eine ganz andere Kategorie von ‚Nie wieder‘ als eine weitere bedeutungsschwangere, aber folgenlose Rede.“ Gerade an einem 27. Januar ist diese Erkenntnis zentral.

 

MENA Watch


Autor: Lizas Welt
Bild Quelle: Major Ofer, Israeli Air Force רס


Mittwoch, 29 Januar 2020

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