Vom „Sturmgeschütz“ zum „Stürmer“

Vom „Sturmgeschütz“ zum „Stürmer“


Das Wort vom „Sturmgeschütz der Demokratie“ hat mir nie gefallen, und der Umstand, dass es wahrscheinlich von Rudolf Augstein zur Glorifizierung seines eigenen Blattes in die Welt gesetzt wurde, macht es in meinen Augen noch peinlicher und verfehlter.

Vom „Sturmgeschütz“ zum „Stürmer“

Von Chaim Noll

Stimmt die Metapher? Seit wann werden Demokratien mit schwerem Kriegsgerät erfochten? Standen die Haubitzen und Panzer nicht meist auf der anderen Seite, auf Seiten der Despoten, waren nicht eher kühne Gedanken und offene Worte, Zivilcourage und Freiheitswille die Waffen der Demokratie?

Wie auch immer. Auch Sturmgeschütze können unter Umständen nützlich sein. Und viele Demokratien sind hochgerüstet und müssen es sein, sonst könnten sie nicht bestehen. Si vis pacem, para bellum. Dennoch war mir nie ganz wohl bei diesem Bonmot. Vielleicht, weil ich eine Abneigung gegen das deutsche Wort „Sturmgeschütz“ habe. Weil es einem anderen deutschen Wort, „Stürmer“, so verdammt ähnlich ist.

„Der Stürmer“ hieß eine bereits in der Weimarer Republik, also mitten in der Demokratie, viel gelesene deutsche Wochenzeitschrift, herausgegeben von dem später in Nürnberg zum Tode verurteilten und hingerichteten Gauleiter Julius Streicher. Dieser Mann, der auf seinen amerikanischen Verhör-Offizier Georg Kreisler „nicht ganz bei Sinnen“ wirkte, war leidenschaftlicher Antisemit. Hitler förderte ihn und seine Wochenzeitung, das Blatt erreichte in seinen Glanzzeiten eine Auflage von fast einer halben Million. „Die Juden sind unser Unglück“ stand als Motto über dem allwöchentlich erscheinenden Elaborat.

Filipp Piatov ist einer der wenigen deutschen Juden, die sich öffentlich äußern, mit einiger Wirkung, denn er schreibt für Deutschlands meist gelesene Zeitung, Bild. Und er ist einer der ganz wenigen jungen Juden, die den Mut haben, mit ihrer Meinung hervorzutreten. Sonst sind die deutschen Juden erneut, fünfundsiebzig Jahre nach dem Holocaust, mehrheitlich in angstvolles Schweigen gefallen, in ein Gemeindeleben hinter verrammelten Türen, unter Polizeischutz, möglichst dezent. Die deutschen Politiker nutzen ihre Schwäche und missbrauchen sie: als Opferverein für zunehmend geschmacklose Feierstunden, als Sprachrohr parteipolitischer Interessen. Ihre Kinder, Filipps Altersgenossen, zieht es ins Ausland, sie sitzen zu Hunderten in Tel Aviv und überlegen, ob es schon wieder so weit ist, dass sie auswandern müssen. Nach Umfragen des European Jewish Congress fühlen sich mehr als 80 Prozent der Juden in Europa „unsafe“, mehr als 40 Prozent ziehen in Erwägung, Europa zu verlassen.

Latent antisemitische Berichterstattung

Der richtige Augenblick für das „Sturmgeschütz der Demokratie“, mit gezieltem Beschuss gegen die noch verbleibenden Juden vorzugehen. „Der Spiegel“, nach einer langen Vorgeschichte tendenziöser, zum Teil unwahrer, aggressiv antiisraelischer, latent antisemitischer Berichterstattung, schlägt nun neue Töne an und entlehnt sie der Sprache des „Stürmers“. Am 29.5. 2020 veröffentlichte das Blatt einen Artikel, in dem Filipp Piatov zur Zielscheibe gemacht wurde: er sei „mit seiner jüdischen Familie nach Deutschland“ eingewandert, den Meinungswächtern des „Spiegel“ bereits zuvor durch „unbedingte Kritiklosigkeit gegenüber Israel“ aufgefallen und agiere, billig und käuflich, als „Bluthund“ des Chefredakteurs der Bild-Zeitung, Julian Reichelt.

Das vom „Spiegel“ verwendete Wort „Bluthund“ zur Charakterisierung von Juden stammt aus dem Vokabular der Nazis. Auf den Titelseiten des „Stürmer“ und anderer Nazi-Blätter „dominiert der Bluthund als Tiermetapher“, schreibt die Bremer Soziologin Monika Urban in ihrer 2014 erschienenen Untersuchung über „Judenfeindliche Tiersymbolisierungen“. Sie listet einige Beispiele auf: „Der Bluthund. Die Wahrheit über Trotzki“ („Stürmer“, Ausgabe 12, 1936), „Bluthund Roosevelt“ (2, 1942 – der amerikanische Präsident wurde vom „Stürmer“ fälschlich als Jude dargestellt), „Bluthunde der Weltpolitik“ (5, 1943), „Forderung jüdischer Bluthunde“ (1, 1944), „So lernten wir die jüdischen Bluthunde kennen“ (9, 1941) oder „Der Bluthund. Furchtbare Bluttaten jüdischer Mordorganisationen“ (39, 1926). Kaum ein anderes Wort steht so eindeutig für die verächtliche Darstellung der deutschen Juden in Hitlers Propagandapresse.

Gegen Israel und Juden – wie weit darf man inzwischen gehen? Darf man gegen die Unerwünschten wieder die starken, schmissigen Worte des „Stürmer“ verwenden? Verantwortlich für den neuesten Vorstoß sind einige jüngere Mitarbeiter, Spiegel-Redakteurin Isabell Hülsen, Leiterin der Wirtschaftsredaktion, assistiert von Alexander Kühn und Anton Rainer, die beide erfolgreich deutsche Journalistenschulen absolviert haben, die Henri-Nannen-Schule in Hamburg respektive die Deutsche Journalisten-Schule in München. Ich weiß nicht, was sie dort gelernt haben, aber Skrupel im Umgang mit Nazi-Vokabular gehörte offenbar nicht zum Lehrplan. An den links getrimmten deutschen Journalistenschulen scheinen offener Antisemitismus und die Sprache des „Stürmer“ kein Problem mehr darzustellen.

Und den „Spiegel“, der ungeniert die Vokabeln der Nazi-Presse gegen deutsche Juden einsetzt, können wir von nun an getrost ein antisemitisches Blatt nennen.


Autor: Chaim Noll
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Mittwoch, 03 Juni 2020

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