Die Corona-App und der Nannystaat

Die Corona-App und der Nannystaat


Die Corona-Warn-App des RKI und der Bundesregierung steht bereit, und die Presse ist voll des Lobes.

Die Corona-App und der Nannystaat

Von Roger Letsch

Die Datensicherheit sei ganz wunderbar, es würde nichts zentral gespeichert, und weil man den offiziellen Weg über die Schnittstellen von Apple und Google gehe, sei auch technisch alles sauber und transparent. „Da seht ihr’s mal, ihr Kritiker! Die Politik bekommt für Geld sogar Software ans Fliegen!“ – anders als Flughäfen und Bahnhöfe, möchte man hinzufügen. Bereits nach wenigen Stunden überschlagen sich die positiven Rezensionen im Apple-Store, und ich frage mich, wie hoch der Anteil jener Wortmeldungen dort ist, die in der Social-Media-Abteilung der Agentur „Zum goldenen Hirschen“ erdacht und als Zubehör noch zum Lieferumfang der App gehören, so überschwänglich werden die politischen Intensionen gelobt, statt über die Funktionalität der App zu sprechen, von der ja noch nicht viel erprobt sein kann.

Selbst an einige „negative Ausreißer“ hat man gedacht, wenn etwa ein User namens „Illuminati“ vor der App warnt, weil Bill Gates mit Hilfe des RKI den Echsenmenschen zur Macht verhelfen wolle. Das klingt offensichtlich irre genug, um nicht abschreckend zu wirken und sorgt in der Gesamtbewertung für weniger nordkoreanische Begeisterungswerte.

Von mir werden Sie hier keine Empfehlung erhalten, liebe Leser. Weder für noch gegen diese App. Ich gebe lediglich einiges zu bedenken.

Keine Untersuchung, kein Test

Das Prinzip der App ist, dass getestete User (via QR-Code lässt sich der Untersuchungsbericht eines Tests erfassen) bei Begegnung mit anderen App-Usern dies per Smartphone anonym bekanntgeben, woraufhin der potenziell Gefährdete informiert wird und sich testen lassen kann, soll oder muss. Das setzt aber voraus, dass man als potenzieller Überträger überhaupt einen Test machen lassen kann.

Die Fälle, von denen ich im Bekanntenkreis Kenntnis habe, liefen jedoch stets so ab: Hatte jemand Kontakt zu einer infizierten Person, wird er oder sie kommentar- und testlos in die 14-tägige „Do-it-yourself-Quarantäne“ geschickt. Das war’s! Keine Untersuchung, kein Test. Wenn Symptome auftreten, ist das natürlich was anderes, aber die asymptomatischen oder sehr milden Fälle drückt man so aus der Statistik heraus – und damit auch aus einem kompletten Bild, wie genau sich das Virus gerade ausbreitet. Unerkannt positive Menschen fallen aus der Betrachtung, und Begegnungen mit ihnen macht auch die App nicht sicherer. Gegen diesen „blinden Fleck“ würde nur eines helfen: massenhafte und flächendeckende Tests, also klassische Medizin, nicht staatliche Digitalprojekte.

Die angegebene Altersfreigabe der App liegt übrigens unerklärlicherweise bei 17 Jahren, was zumindest theoretisch die hochmobile und noch dazu stark vernetzte Gruppe der 12- bis 16-Jährigen ausschließt. Praktisch dürfte das zwar kaum eine Rolle bei der Verbreitung der App spielen – wer in dieser Zielgruppe schummelt nicht gern beim eigenen Alter. Problematischer ist, dass die Kerngruppe der Gefährdeten bereits die 80 überschritten hat und sich nicht gerade durch große digitale Affinität auszeichnet. Der Smartphone-Bestand bei über 80-Jährigen ist nicht sehr groß. Wer die App nutzt, ist also nicht in Gefahr und wer in Gefahr ist, nutzt die App meist nicht.

Mangelnde Akzeptanz

Das größte aller Probleme dürfte allerdings die mangelnde Akzeptanz der App sein. Die Statistiker geben an, dass etwa 60 Prozent der Bevölkerung die App aktiv und vor allem ehrlich benutzen müsste (niemand ist verpflichtet, ein positives Testergebnis auch wirklich in die App zu übertragen), damit der Einsatz einen positiven Effekt haben kann. Die unter 17-Jährigen fallen teils aus, ebenso ein erheblicher Teil der älteren Menschen. Je nach Medium und Umfrage kommen aber 20–40 Prozent hinzu, die sich einer regierungsamtlichen App komplett verweigern. Der Grund ist meist ein tiefes Misstrauen gegen jedwedes Regierungshandeln und offizielle Verlautbarungen – ganz gleich, ob diese aus einem Ministerium, von der Kanzlerin, Georg Restle oder einem staatlich bestellten Institut wie dem RKI stammen.

Hier rächt sich, dass uns die Politik in den letzten Jahren überreich eingeschenkt hat aus dem Fass mit der Aufschrift „Das tut dem Bürger gut, er muss nur schlucken“, ohne dass man sich auch nur die Mühe gemacht hätte, mal nach unserer Verdauung zu fragen. Die Energiewende bescherte uns die zweithöchsten Strompreise der Welt (nach den Bahamas) und nun sollen wir ausgerechnet Begeisterung für E‑Autos aufbringen. Bei jeder Volte der EU-Kommission sagt man uns, wir seien die eigentlichen Gewinner jeder absurden Regelung. Weil wir so „reich“ seien, zahlen wir sogar freiwillig mehr ein in die EU, übernehmen nun auch noch die Hauptlast des 1001. Rettungsschirms gegen … ja, gegen was eigentlich?

Wir verzweifeln fast daran, dass sich die versprochene Dividende der Willkommenskultur einfach nicht einstellen will, und neuerdings entdeckt unsere Regierung auch noch massenhaft tiefsitzenden, „systemischen” Rassismus in der Gesellschaft, den sie uns abgewöhnen will – ganz zu schweigen vom unerklärlich grassierenden Antikommunismus, der trotz ausufernder Staatswirtschaft, Geldsozialismus, Marx-Gedenken, Lenin-Statue, einer linksextremen Verfassungsrichterin, einer undefinierbaren, aber gut finanzierten „Antifa” und Saskia Esken einfach nicht verschwinden will.

Aus wabernden Orakeln entsprungen

Nach Darstellung unserer Regierung läuft hier im Grunde seit Jahrhunderten gar nichts richtig (es sei denn, die Regierung stößt es an) und benehmen sich die Bürger wie dumme, verantwortungslose Kulturbanausen (es sei denn, sie durchlaufen die gedankenläuternden Programme von mit Steuergeldern gefütterter Demokratieverbesserer-NGOs). Der Staat schenke uns alles, ohne Staat seien wir nichts. Was können wir doch froh sein, solch einen fürsorglichen Staat zu haben, der sich um alle Aspekte unseres Daseins kümmert. Ein Fürsorgerstaat, ein Nannystaat.

Wie die Umfragen zur Corona-App-Akzeptanz zeigen, liegt die Zahl derer, die die Nase gestrichen voll haben vom Gewindeltwerden, zwischen 20 und 40 Prozent. Sicher sind auch einige Spinner dabei, sogar extreme Typen, ideologische Impfgegner, Bewohner des Planeten Globuli, Vegane Koch-Hunnen und andere Aluhut-Träger. Aber allein mit denen kommt man nicht auf solche Ablehnungswerte. Dazu muss man seinen Bürgern schon etwas länger mächtig auf die Nerven gegangen sein mit immer neuen Schikanen, Steuern, Abgaben und Zukunftsprojekten, die aus wabernden Orakeln entsprungen waren. Und es brauchte die nicht regelbare Lautstärke politikabhängiger Applaudiermedien, die Haltungsnoten verteilen und die (richtigen) Ängste im Volkstopf immer hübsch am Köcheln halten.

Die Menschen sind womöglich so müde vom Mahnen, Warnen, Appellieren, Aufrütteln und den permanenten „Wolf“-Rufen, dass sie womöglich gerade jetzt den einen, einzigen Fall in zwanzig Jahren ignorieren, in welchem sich zentralisiertes, verantwortungsvolles Handeln der Politik vielleicht – nur vielleicht – als segensreich erweisen könnte.

Es hören nur immer weniger Menschen zu, weil es einfach zu oft zu laut ist.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Roger Letschs Blog „Unbesorgt“. Foto: Satire ... noch ...


Autor: AchGut
Bild Quelle:


Donnerstag, 18 Juni 2020

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