Schimpfwort „Du Jude“ nicht antisemitisch?

Schimpfwort „Du Jude“ nicht antisemitisch?


In dem Buch „Streitfall Antisemitismus – Anspruch auf Deutungsmacht und politische Interessen“, herausgegeben im Jahr 2020 von Wolfgang Benz, versuchen sich mehrere Autorinnen und Autoren an der Beantwortung der selbstgestellten Frage: „Wann überschreitet berechtigte Kritik an der Politik Israels gegenüber den Palästinensern die Grenzen und ist Judenfeindschaft?“

Schimpfwort „Du Jude“ nicht antisemitisch?

Von Gerd Buurmann

In dem Buch „Streitfall Antisemitismus – Anspruch auf Deutungsmacht und politische Interessen“, herausgegeben im Jahr 2020 von Wolfgang Benz, versuchen sich mehrere Autorinnen und Autoren an der Beantwortung der selbstgestellten Frage: „Wann überschreitet berechtigte Kritik an der Politik Israels gegenüber den Palästinensern die Grenzen und ist Judenfeindschaft?“

Ich gebe ganz kurz und bündig eine klare Antwort auf diese Frage: Berechtigte Kritik an Israel überschreitet nie die Grenzen zur Judenfeindschaft! 

Berechtigte Kritik ist, wie der Begriff selbst sagt, berechtigt. Lediglich unberechtigte Kritik an Israel kann judenfeindlich sein, nämlich dann wenn in der Kritik Israel dämonisiert wird, dem Staat Israel seine Legitimation abgesprochen wird und Juden für etwas kritisiert werden, was bei allen anderen Menschen toleriert wird. 

Wolfgang Benz ist nicht in der Lage, die Frage kurz und bündig zu beantworten. Stattdessen zündet er in seinem Buch gemeinsam mit einigen anderen Leuten diverse Nebelkerzen, in deren Dampf dann nicht selten Judenhass verharmlost wird.

Da sich das Buch „Streitfall Antisemitismus“ mit vielen Themen beschäftigt, die auch auf Tapfer im Nirgendwo angesprochen wurden, lasse ich mich auf eine längere Debatte mit der im Buch gestellten Frage ein und werde dabei auf diverse Artikel von mir verweisen, in denen ich bereits manch eine Behauptung geradegerückt habe, die Wolfgang Benz in seinem Buch wieder aufstellt. Er behauptet zum Beispiel, die politische Bewegung BDS sei in ihrer Intention nicht judenfeindlich. Stimmt das?

„Kauft nicht bei Israelis“ und „Kein Dialog mit Israel“

Der Name BDS steht für „Boycott, Divestment and Sanctions“. BDS wendet sich somit gegen ganz Israel und kulturell gegen alles, was israelisch ist. Die Politik von BDS lässt sich auf diese zwei Formeln bringen: „Kauft nicht bei Israelis“ und „Kein Dialog mit Israel“. Mit einer Person, die man boykottiert und mit der man nicht redet, kann man keinen Frieden schließen. BDS will keinen Frieden! Weitere Informationen finden Sie in dem Artikel „BDS – Eine Kampagne des Hasses“. 

Wolfgang Benz erklärt, die Kampagne BDS werde zu unrecht kritisiert und der Weg zu diesem Unrecht sei geebnet worden von sinistren Mächten, die die „seriösen Anstalten WDR und Arte“ durch ein Skandalisieren dazu gezwungen hätten, Unwahrheiten zu verbreiten, was die öffentlich-rechtlichen Anstalten dann auch getan hätten. Wolfgang Benz kommt zu dem Schluss: „Aber eine beträchtliche Zahl von Bürgern sieht sich wohl in der Haltung bestätigt, von allem, was mit Juden zu tun hat, die Finger zu lassen, weil man sich verbrennen könnte.“

Stimmt das?

Bei der von Wolfgang Benz kritisierten Dokumentation handelt es sich um den Film „Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa“ von Joachim Schroeder und Sophie Hafner. Die Dokumentation beschäftigt sich mit dem Judenhass Europas, wie er sich in den frühen Zeiten des Christentums verfestigt hat, durch Luther brutalisiert und durch Philosophen, Schriftsteller und Komponisten in Europa gerechtfertigt wurde und schließlich von den Nazis zur industriellen Massenvernichtung von Menschen gemacht wurde. Den Fokus richtet die Dokumentation auf den mörderischen Judenhass des 21. Jahrhunderts in Europa und kommt zu einem erschreckenden Ergebnis: Der Judenhass wurde von Europa in die arabische Welt exportiert, um dann mörderisch nach Europa zurückzukehren und zwar in Form einer brutalen und durch europäische und christliche Organisationen finanzierten „Kritik“ an Israel, die sogar vor Verfolgung und Mord nicht mehr zurückschreckt. Weitere Information finden Sie in dem Artikel „Ein beispielloser Skandal“.

Wolfgang Benz erklärt, ein Anlass für sein Buch sei eine Aufregung gewesen, die sich erhob, „als die Süddeutsche Zeitung eine Karikatur des israelischen Premiers veröffentlichte, die ihn in der Freude über den Sieg der israelischen Sängerin Netta beim European Song Contest zeigt.“

Als begeisterter Zuschauer der Veranstaltung möchte ich zunächst einmal richtigstellen, dass sie nicht European Song Contest heißt, sondern Eurovision Song Contest. Zudem möchte ich die Sängerin Sandra Kreisler zitieren, die nach dem Erscheinen der Karikatur einen Brief an den Zeichner verfasste, der mit den folgenden Worten beginnt:

„Sehr geehrter Herr Hanitzsch,

ich möchte Sie fragen, was genau Sie mit der Karikatur von Netanyahu mit Bombe in der Hand und Kostüm der ESCGewinnerin Netta ausdrücken wollten?

Ist es, dass sich nur in Deutschland die Regierungsführung berufen fühlen darf, einer Gewinnerin beim Song Contest zu gratulieren (wie seinerzeit Merkel bei Meyer-Landrut) und in Israel hat man demütig zu schweigen, weil das schickt sich nicht für ein Volk, das nicht gemocht wird?

Ist es, dass Israel sich nicht freuen sollte, dass es bei einem bunten, oberflächlichen Wettbewerb siegte, weil ja gerade wieder mal Kriegszeiten und existenzielle Bedrohung ausbrechen, und sich Freude da nicht gehört, schon gar nicht für Juden?“

Weitere Informationen zu der Karikatur finden Sie in dem Artikel „Süddeutsche Zeitung druckt antisemitische Karikatur“. 

Kritik an Israel ist möglich, Kritik an Israelkritikern jedoch nicht

Wolfgang Benz führt ebenfalls die Kritik an Achille Mbembe als Grund für das Herausgeben seines Buchs an. Was es mit dieser berechtigen Kritik auf sich hat, können Sie in dem Artikel „Von wegen ‚Ruinenhaufen‘“ nachlesen. 

Es ist schon abenteuerlich, Wolfgang Benz fragt in seinem Buch, ob „berechtigte Kritik“ an Israel judenfeindlich sein könne, nur um dann selbst sämtliche berechtigte Kritik an Israelkritikern in eine böse Ecke zu stellen. Nach der Lektüre des Buches ist eins klar: Kritik an Israel ist möglich, Kritik an Israelkritikern jedoch nicht. 

Kommen wir nun zu einigen Aussagen anderer Autorinnen und Autoren in dem Buch.

Shimon Stein und Moshe Zimmermann gehen völlig zu recht auf den Judenhass des Mörders in Halle ein, der versucht hatte, in eine Synagoge einzudringen, um dort ein Blutbad anzurichten. Sie bemängeln allerdings eine „Schieflage“, die darin bestehen soll, dass der rechtsextreme Judenhass verharmlost werde, während der Judenhass aus islamischer Ecke und von linker Seite aufgebauscht werde. 

Dies ist eine sehr gewagte These, vor allem wenn man bedenkt, dass die beiden Autoren den zweifelsfrei vorhandenen Antisemitismus bei der AfD massiv kritisieren, zu den antisemitischen Ausfällen in den anderen Parteien jedoch auffallend laut schweigen. Ebenso halten sie sich zu dem Hass aus islamischer Seite auffallend bedeckt. Es ist daher geboten, ebenfalls den Artikel „Der Judenhass ist heute“ vom 27. Januar 2019 zu lesen. 

Shimon Stein und Moshe Zimmermann erwähnen ebenfalls die Statistik über antisemitische Straftaten, die belegen soll, das Problem komme zum größten Teil von rechts. Tapfer im Nirgendwo veröffentliche im November 2017 in dem Artikel „Fakten zu den Statistiken antisemitischer Straftaten“ ein paar wichtige Auszüge aus dem „Bericht des Unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus“ des 18. Deutschen Bundestags vom 7. April 2017 (Drucksache 18/11970), um zu zeigen, dass der größte Teil judenfeindlicher Straftaten nicht dem rechtsradikalen Spektrum zugeordnet werden kann, sondern aus Ermangelung besseren Wissens schlicht zugeordnet wurde. In dem Bericht steht:

„Fremdenfeindliche und antisemitische Straftaten werden grundsätzlich immer dann dem Phänomenbereich PMK-Rechts zugeordnet, wenn keine weiteren Spezifika erkennbar sind (z.B. nur der Schriftzug „Juden raus“) und zu denen keine Tatverdächtigen bekannt geworden sind. Damit entsteht möglicherweise ein nach rechts verzerrtes Bild über die Tatmotivation und den Täterkreis.“

Hakenkreuze und andere Symbole werden nicht nur von rechts verwendet. Sie werden auch ganz bewusst im Krieg gegen Israel verwendet, wie Sie in dem Artikel „Palästina unterm Hakenkreuz“ nachlesen können. Auch in Deutschland werden Hakenkreuze von Nazis mit islamischer Motivation benutzt, wie Sie in diesem Artikel nachlesen können: „Zu Aachen schmieren Nazis“. 

Gefühle, Ängste, Traumata – all das besitzt der Jude in ihren Augen nicht

In dem Antisemitismusbericht wird am Ende betont: „Zusammenfassend lässt sich konstatieren, dass die PMK-Statistik eine Reihe teils behebbarer, teils reduzierbarer, teils aber auch nicht zu ändernder Schwächen aufweist, so dass sie nur begrenzt zur Beurteilung der Verbreitung von Antisemitismus und entsprechenden Tätergruppen geeignet ist.“

Damit ist die von Shimon Stein und Moshe Zimmermann behauptete „Schieflage“ nur schwer zu halten, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass trotz des widerwärtigen Anschlags auf die Synagoge in Halle im Herbst 2019 die überwältigende Mehrheit aller judenfeindlich motivierten Morde an Juden im 21. Jahrhundert von erklärten Muslimen verübt wurden. Weitere Informationen dazu finden Sie in dem Artikel „Die Mörder sind unter uns“. 

Daniel Cil Brecher geht in seinem Artikel unter anderem auf Martin Walser und seine behauptete „Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenwärtigen Zwecken“ ein. Zu diesem Thema sei der Artikel „Die Ausschwitzkeule, und wie sie entdeckt wurde“ empfohlen.

Ich werde nie verstehen, wie Menschen erklären können, Juden würden den Holocaust für eigene Vorteile nutzen. Sie behaupten im Grunde, der deutsche Siegfried habe sechs Millionen Menschen in seinen Feueröfen zusammengeschmolzen, um daraus ein Schwert für die Juden zu schmieden. Die Tatsache, dass ein Verbrechen wie der Holocaust nicht einfach so vergessen werden kann, ist für sie keine zwingende Logik, sondern eine böse Absicht der Juden. Gefühle, Ängste, Traumata, all das besitzt der Jude in ihren Augen nicht. Sie behaupten, Juden würden sich nicht an den Holocaust erinnern, weil sie ihn nicht vergessen können, sondern weil sie ihn nicht vergessen wollen und die Erinnerung an ihn wie eine Waffe hervorholen, kalt, berechnend und emotionslos.

Leider verbringt auch Daniel Cil Brecher viel Zeit damit, eine Menge Juden zu benennen, die seiner Meinung nach den Holocaust instrumentalisieren. 

Antisemitische und islamistische Einstellungen ist in Schulen allgegenwärtig

Juliane Wetzel ist es vorbehalten, folgenden großartigen Satz ins Buch reingeschrieben zu haben: „Das Schimpfwort ‚Du Jude‘ kann, muss aber keine antisemitische Konnotation haben. Es kann als Provokation eingesetzt werden und/oder es wird synonym zu ‚Du Opfer‘ verwendet.“

Diesen Satz muss man erst einmal wirken lassen. Das Wort Jude als Schimpfwort zu benutzen, muss laut Juliane Wetzel nicht unbedingt eine antisemitische Konnotation haben. Ja, was denn sonst?

Als Begründung für ihre haarsträubende These führt Wetzel an, Juden würden in der Schule, im Elternhaus und im Internet ausschließlich als Opfer dargestellt und daher sei in diesem Kontext die Beleidigung nicht unbedingt judenfeindlich.

Es ist schon recht zynisch, dass diese Aussage von Frau Wetzel in einem Artikel getätigt wird, der direkt auf dem Artikel von Daniel Cil Brecher folgt, in dem insinuiert wurde, manche Juden würden durch das Erinnern an den Holocaust zu Tätern werden. Außerdem entspricht die Aussage nicht der Wahrheit, denn im Internet werden Juden nicht nur als Opfer dargestellt, sondern immer wieder als blutrünstige Täter.

An Berliner Schulen wurden im Jahr 2018 in einundzwanzig Bezirken siebenundzwanzig Lehrerinnen und Lehrer vom American Jewish Committee interviewt. Das Ergebnis war erschreckend: Antisemitische und islamistische Einstellungen ist in Schulen allgegenwärtig. Lehrer berichten von Schülern, die folgende Aussagen tätigen: „Ja, der Hitler, der hat halt leider nicht alle umgebracht.“

Die Studie des American Jewish Committee erschien einige Monate nachdem an einer Berliner Schule ein 14-jähriger Schüler über einen langen Zeitraum hinweg gemobbt wurde, weil er Jude war! Der Junge wurde geschubst, getreten, geschlagen, gewürgt und bedroht, während andere Schüler zugeschaut und gelacht haben. Im Dezember 2017 berichtete Tapfer im Nirgendwo von einem jüdischen Abiturienten, der von seinen Mitschülerinnen und Mitschülern bedroht wurde.

Übergriffe wie diese, sind keine Ausnahmen mehr an deutschen Schulen. Der Hass verbreitet sich rasant, und er hat Methode. Die Kinder und Jugendlichen, die in Deutschland zum Hass auf Juden erzogen werden, schauen im Internet und im Fernsehen arabische Sendungen. Dort ruft das lustige Hamas-Häschen Assud die Kinder zum Krieg gegen Juden auf. Zu seinem Hobby gehört es, Juden zu töten. Die Hamas Maus wiederum stachelt Kinder zum Hass gegen Juden auf und lässt sie Lieder über die heldenhafte Tat des Judenmords singen. Weitere Informationen dazu finden Sie in dem Artikel „Kindersoldaten an deutschen Schulen“. 

Ich muss bei Juliane Wetzels aberwitziger Behauptung, es sei nicht unbedingt judenfeindlich, das Wort „Jude“ als Beleidigung zu benutzen, an das milde Urteil des Amtsgerichts in Wuppertal gegen drei junge Männer denken, die im Sommer 2014 einen Brandanschlag auf die Synagoge in Wuppertal verübt hatten. Das Amtsgericht begründete das niedrige Strafmaß damals mit der Feststellung, es gäbe „keine Anhaltspunkte für eine antisemitische Tat“, da die Attentäter erklärt hatten, damit die Aufmerksamkeit auf den Gaza-Konflikt gelenkt haben zu wollen. In einem solchen Kontext ist ein versuchter Brandanschlag auf eine Synagoge wohl nur eine Einladung zum interreligiösen Dialog. Für weitere Informationen lesen Sie „Keine Anhaltspunkte für eine antisemitische Tat“.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Gerd Buurmanns Tapfer im Nirgendwo.


Autor: Gerd Buurmann
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Mittwoch, 22 Juli 2020

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