Ein Tagebuch aus dem belagerten Jerusalem

Ein Tagebuch aus dem belagerten Jerusalem


„Ich bin sehr durstig und es gibt nicht einen einzigen Tropfen Wasser im Haus. Ich muss auf die Straße hinunter gehen, vielleicht werde ich etwas zu trinken finden und daher muss ich das Schreiben unterbrechen.“ Ein kurzer Blick in Menachem Zvi Kadaris Tagebuch der Belagerung, einem Einwohner der Altstadt während Israels Unabhängigkeitskrieg.

Ein Tagebuch aus dem belagerten Jerusalem

Von Matan Barzilai, the LIbrarians, 28. Mai 2019

Heute erfuhren die Einwohner, dass die Front in Jerusalem ein neuer schwerer Schlag traf: Die Altstadt ist gefallen … die Verteidiger kapitulierten nach einem halben Jahr des Widerstands und heldenhafter Verteidigung, als wenige gegen viele standen, ohne Waffen und Ausrüstung angesichts eines gut ausgerüsteten Feindes. Es ist in der Tat interessant, dass der Fall der Altstadt keinen so traurigen Eindruck auf die Stadt machte wie vorherige schwere Schläge (Gush Etzion, Scheik Jahrrah usw.), als ob es sogar ein gewissen Gefühl der Erleichterung gab: Endlich ist es vorbei, die Frauen und Kinder wurden verschont, die meisten Verteidiger blieben ebenfalls am Leben, auch wenn sie einige Zeit in Gefangenschaft verbringen werden; Gott sei Dank auch dafür – so denkt mehr oder weniger ein einfacher Jerusalemer.

Mit diesen Worten beschreibt Menachem Zvi Kadari einen der schwierigsten und verzweifeltesten Augenblicke im Kampf um Jerusalem während des Unabhängigkeitskrieges. Der 23 Jahre alte, in Ungarn geborene Kadari, der an der Hebräischen Universität Bibel und Hebräisch studierte, schrieb ein Tagebuch, in dem er die Abfolge der Ereignisse die Zeit der Belagerung der Altstadt hindurch ausführlich beschrieb. In klarer und schöner Handschrift liefert er auf der Rückseite kleiner Karteikarten, begleitet von zierlichen Bildern einen anschaulichen und authentischen Bericht der öffentlichen Meinung der Menschen der belagerten Altstadt und aus diesen Karten werden bunte und faszinierende Charaktere Jerusalems lebendig. Hier sind einige davon:

An der Ecke der HaRav Koot-Straße sah ich plötzlich den alten Mann aus dem Jemen an der Mauer sitzen und mit erstaunlichem Eifer aus dem heiligen Zohar lesen; für ihn bleibt alles gleich, er saß und las hier schon vor der Belagerung und macht das in der Zeit der Gefahr weiter, durch den heftigsten Beschuss hindurch und sitzt selbst jetzt noch da.

Die Jungs im Studentenheim auf der Jaffa-Straße hatten eine private Wäscherin, eine kurdische Frau, die immer kam, um die Wäsche zu holen und zwei Tage später gab sie sie sauber und ordentlich zurück. […] Jedes Mal, wenn sie von jungen Leuten hörte, die starben, schien ihr Herz zu sinken. Sie hat keine eigenen Kinder, aber alle Jugendlichen Jerusalem sind ihre und sie fühlt den Schmerz und die Trauer über den Verlust eines jeden einzelnen von ihnen […] Als wir sie fragten: „Wann wirst du die saubere Wäsche bringen“, antwortete sie, wobei sie aufblickte: „Kann heute sagen, wann ich kommen werde? Gott weiß, wann ich in der Lage sein werde zu kommen.“ […] Das letzte Mal, ein paar Tage vor dem Waffenstillstand, nahm sie die Wäsche, brachte sie aber nicht wieder … eine niederträchtige Granate traf sie … ihr Mann brachte unsere saubere Wäsche, die ihre eigenen Hände uns nicht mehr hatten bringen dürfen … Hier in Jerusalem haben wir viele Opfer gehabt; alle sind in Erfüllung ihrer Pflichten gefallen, wer bei der Verteidigung, wer bei der Arbeit? … Mögen Sie unsere Sünde wiedergutmachen!

(Eintrag vom 15. Juni 1948)

Am 8. August, während der zweiten Pause in den Kämpfen, sieht Kadari:

Vier junge Männer mit Bärten und Schläfenlocken, gekleidet in Kaftane und Biberhüte, gehen vor mir her die Straße entlang – sie waren Hareidim der Naturei Karta – und das war ein wahrlich seltsamer und ungewöhnlicher Anblick: Sie hielten Gewehre in den Händen! […] Kann das wirklich wahr sein? Auf den Straßen der Stadt Jerusalem paradieren junge Männer in chassidischer Kleidung mit Schusswaffen und anderen Vernichtungswaffen! Wer hätte beten können, dass so etwas jemals geschieht?

Aber über die Personen hinaus beschreibt Kadari am besten, wie Jerusalem zwischen Verzweiflung und Hoffnung wechselt. Er erzählt von den auf die Großmächte gerichteten Augen, die Zwiespältigkeit der Straße Jerusalem gegenbüer den Angeboten von UNO-Vermittler Graf Folke Bernadotte, den Reaktionen der arabischen Länder, der Lebensmittelrationierung und den angespannten Stunden des Wartens – auf Brot und Nahrung, aber noch mehr – au fNachrichten und Information über das, was im Rest des Lands vor sich ging. So beschreibt er z.B. seine eigene trostlose Lage, während er von der Mitteilung aus Tel Aviv berichtet:

Dieser Sabbat war besonders ereignisreich, ein historischer Tag in der jüdischen Geschichte: Der Staat Israel wurde ausgerufen und sofort on Amerika und 38 anderen Ländern anerkannt. Ja, es gibt bei jeder Münze zwei Seiten: Die Armeen der arabischen Länder begannen ihre Invasion aus allen Richtungen und es gibt bereits bittere Konsequenzen: Sie haben mehrere Siedlungspunkte erobert […] die Schlacht im Gush Etzion ist komplett vorüber. Der gesamte Bereich ist erobert und die Kämpfer gefangen genommen worden. Oh! Zehn Jahre harter Arbeit haben sich in Rauch aufgelöst! Drei Siedlungen der religiösen Kibbuz-Bewegung, auf die die Augen der Jugend in der Diaspora gezogen wurden, wurden von der Karte gewischt […] Oh, was ist über uns hereingebraochen!“ („Ich bin sehr durstig und es gibt nicht einen Tropfen Wasser im Haus. Ich muss zur Straße hinuntergehen, vielleicht werde ich etwas zu Trinken finden und muss daher aufhören zu schreiben.“)

(Eintrag vom 16. Mai 1948)

Die Belagerung der Altstadt dauerte bis zum 11. Juni; während dieser Zeit gab es einen furchtbaren Lebensmittelmangel („die Brotrationen wurden hundertfünfzig Gramm gekürzt und in wenigen Tagen wird werden sie auf hundert Gramm pro Person reduziert; na ja, das ist echter Hunger, aber man kann noch ein wenig mehr leiden!“ [6. Juni] Nach dem Ende der Kämpfe in Jerusalem verbesserte sich die Lage erheblich („im Tausch für Arbeit zahlen sie vierzig Grusch zusammen mit täglichelm Frühstück und Abendessen. Mit diesem Arrangement habe ich bereits nach nur zwei Tagen in der Lage gewesen meine Gürtelschnalle zu lockern und ich kann mich nicht mehr über Hunger beklagen“. [25. Juni]

Aus den Seiten von Kadaris Tagebuch tritt nicht nur existenzielle Notlage aus, aber auch seine persönlichen Gedanken über seine Zukunft und Studien, die vom Krieg unterbrochen wurden. Er nahm an politischen Treffen und kulturellen Konferenzen teil, beschäftigte sich mit Dingen der Sprache („Heute Nachmittag beschloss ich nach Hause zu gehen, trotz der Gefahr von Beschuss – sie haben bereits ein neues Wort für das Konzept: hafgaza [Beschießung]; das ist wohl der Jerusalem-Spirit!“) Und hin und wieder besucht er die Jerusalemer Häuser seiner Lehrer Gerschom Scholem, Mosche Zvi Segal und andere. Eines der Themen, die sich durch sein Journal ziehen, ist die zunehmende Lücke zwischen Tel Aviv, der Stadt, in der gerade der Staat ausgerufen worden war, und Jerusalem, das sich in Belagerung befindet:

Aus den Zeitungen erscheint es wahrlich so, dass es in Tel Aviv immer noch Leben gibt, trotz allem. Erst heute wurde der Öffentlichkeit verboten an den Strand zu gehen; die Theater und Kinos arbeiten wie immer […], nur in Jerusalem sitzen wir seit Monaten auf Wache an der Front. Als erstes wird die Stadt Jerusalem auf die Probe gestellt. Vielleicht wird sie die erste sein, die erlöst wird?

(Eintrag vom 9. Juni 1948)

Die Institutionen des jungen Staates und die IDF (die bis zum Tag davor die „Haganah“ war), sind in Tel Aviv konzentriert, währ end Jerusalem den Untergrundkämpfern wohlwollend ist. Mit Ausbruch der Kämpfe steckte Kadari, der in Tel Aviv heimisch war, in Jerusalem fest und das Tagebuch hindurch beschreibt er Versuche nach Hause zurückzukehren. Seine Beschreibung einer der berühmtesten Affären der Zeit – die Schüsse auf das Irgun-Schiff Altalena, als es sich der Küstenstadt nähertet, ist mit einer Dosis Rassismus vermischt:

Es gibt explosive Nachrichten von der internationalen Front: Die Irgun, die erkärte sich der Haganah anzuschließen und sich komplett den Regierungsinstitutionen zu fügen, brachte ein Waffenschiff für sich selbst und begann es zu entladen, mit der eindeutigen Absicht den Waffenstillstand zu verletzen […] Das Leben dieser Leute ist Krieg, Krieg um des Krieges willen. Interne Gefahr erwartet den Jischuw, Gott bewahre uns vor diesen Tunichtguten und fahrlässigen Abenteurern. […] Kein Wunder, dass die meisten Mitglieder von Irgun und Lehi aus den sephardischen Gemeinden kommen und wenn dem so ist, ist klar, woher der Fanatismus und blinde Enthusiasmus für ihre Tun kommt, sei es gut oder schlecht.

(Eintrag vom 23. Juni 1948)

Kadaris Tagebuch endet mit seiner Abreise nach Tel Aviv am 18. August. Nachdem die Kämpfe endeten, nahm er seine Studien an der Universität wieder auf. Kadari legte 153 seine Dissertation vor und wurde später Dozent an der Bar Ilan Universität. 1971 wurde er Rektor der Universität und Mitglied der Akademie für Hebräische Sprache. 1999 erhielt er den Israelischen Preis für das Studium der Hebräischen Sprache.

Menachem Zvi Kadari starb 2011. Sein persönliches Archiv wurde vor kurzem in der Nationalbibliothek hinterlegt und beinhaltet neben diesem Tagebuch faszinierende Dokumente über die Untergrund-Rettungsaktionen, an denen er sich in Ungarn und Rumänien nach der Besetzung durch die Nazis beteiligte, außerdem Entwürfe seiner Forschungspapiere und Vorträge sowie persönliche Dokumente und Korrespondenz.

Kadaris komplettes Tagebuch wird im Archiv der Nationalbibliothek Israels

 

Übersetzt von Heplev


Autor: Heplev
Bild Quelle: Frank Scherschel, Public domain, via Wikimedia Commons


Dienstag, 10 August 2021

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