Die verlorengegangene Geschichte des jüdischen Viertels in Gaza

Die verlorengegangene Geschichte des jüdischen Viertels in Gaza


Ein Blick in die Geschichte eines Viertels in Gaza Stadt, das einst das Zuhause einer jüdischen Bevölkerung war.

Die verlorengegangene Geschichte des jüdischen Viertels in Gaza

Von Hadil al-Gerbawi, Al-Monitor

Im jüdischen Viertel des Gazastreifens haben alte und baufällige Gebäude ein schartige Bausubstanz, die mit silbrigen Zink-Platten überzogen ist. Die 4.000 Quadratmeter im Distrikt Zaytoun (Hara taz-Zaytoun) südöstlich von Gaza-Stadt haben ihren Namen, weil sie bis Ende der 1960-er Jahre von einer palästinensisch-jüdischen Familie bewohnt wurden.

Heute unterscheiden sich die Merkmale dieses Viertels nicht vom Rest Gazas. Sie alle teilen sich denselben architektonischen und demografischen Charakter.

Wenige der Einwohner dieses Viertels wissen überhaupt, dass es das jüdische Viertel genannt wurde. Diejenigen, die es wissen, glauben der Name stamme von ein paar jüdischen Gräbern, die es 1963 im Viertel gab und nicht, weil es von Juden bewohnt war.

Aber die Wahrheit könnten vielen Gazaner nicht gefallen, die kaum glauben, dass dieses Land einmal ein Viertel für Juden beherbergte, die Berichten zufolge in einer Zeit in der Landwirtschaft und im Handel arbeiteten, als die Gemeinschaft nicht von politischen und religiösen Differenzen geteilt war.

Umm Abdullah Atallah, der seit mehr als 53 Jahren im jüdischen Viertel lebt, erinnerte sich an den Tod ihrer Tochter während einer Militäroperation im Mai 2021 gegen den Gazastreifen. Sie sagte Al-Monitor: „Die israelische Besatzung tötete meine Tochter.“

Aber sie gibt auch zu: „Muslime, Christen und Juden haben einst friedlich in dieser Gegend koexistiert, bis zum Krieg von 1948, als die Juden anfingen Gaza zu verlassen.“

Sie sagte: „In der Vergangenheit gehörte das Land einer muslimischen Familie, aber es wurde zu einem Friedhof für Juden, die früher im Gazastreifen lebten. Es war umgeben von Land, auf dem Korn wie Weizen und Gerste gepflanzt wurde, aber nach dem Krieg, als Ägypten die Verwaltung des Gazastreifens übernahm, wurde das Land als Entschädigung den Familien zugewiesen, deren Häuser abgerissen wurden, um die nahegelegene Saladin-Straße zu erweitern. Diesen Familien wurden [vom ägyptischen Ministerium für Schenkungen] offiziell Eigentumsurkunden gegeben.“

Atallah erklärte, dass sie das Land für 28 ägyptische Pfund ($63) kaufte, auf dem sie ihr Haus baute; das war damals eine beträchtliche Summe, bedenkt man, dass Bauen damals von Bedingungen gesteuert wurde, die von der ägyptischen Verwaltung festgesetzt wurde. Die meisten der Häuser, die in der Zeit gebaut wurden, waren aus Blech oder Asbest hergestellt. „Die palästinensischen Familien, die aktuell dort leben, sind die Juha, Awad, al-Maradi, al-Sous, Ali Hussein, Atallah, al-Madhoun und Abu Wadi“, fügte sie hinzu.

Al-Monitor führte eine umfangreiche und historische Recherche durch, um etwas über die Geschichte dieses Vierteils zu erfahren. Recherche-Anfragen wurden ans Ministerium für Tourismus und Antiquitäten im Gazastreifen, die Islamische Universität und die Al-Azhar-Universität geschickt, an die Stadtbibliothek und die Bibliothek der Qattan-Stiftung. Al-Monitor kontaktierte auch mehrere Archäologen und Universitätsprofessoren, aber die meisten weigerten sich über die Geschichte dieses Viertels zu reden. Über die historische Anwesenheit von Juden in Palästina zu reden ist kompliziert, besonders im Gazastreifen. Palästinensische Bürger wollen kein Licht auf irgendwelche Anwesenheit von Juden in welchem Gebiet auch immer mit einer Konzentration an Palästinensern reden.

Das waren palästinensische Juden, nicht Israels; und es gab in diesem Zeitraum keine Feindschaft zwischen ihnen. Nach der Besatzung wurde der Konflikt mit den Juden zu einem zivilisatorischen, religiösen und historischen Konflikt. Daher will niemand über die Geschichte dieses Viertels auch nur reden.

Der Historiker Nasser al-Yafawi aus Gaza sagte gegenüber Al-Monitor: „Jeder vermeidet es über das jüdische Viertel oder etwas mit Bezug zu den Juden im Gazastreifen zu reden; Grund sind die religiösen und politischen Auswirkungen des Themas, das durch langjährige Zivilisation und religiöse Konflikte gestört ist. Aber das negiert die Existenz des jüdischen Viertels und des Wäldchens Juhor ad-Deek nicht, das vor 1948 einer jüdischen Frau gehörte.“

Er fügte hinzu: „Vor der israelischen Besatzung betrachteten die Palästinenser die Juden nicht als Feinde. Juden unternahmen kommerzielle Projekte und ihnen gehörte Land. Die Beziehung zwischen den muslimischen und jüdischen Gemeinschaften war brüderlich, bis der Zionismus und das Projekt der Besatzung Palästinas aufkamen.“

Das jüdische Viertel in Gaza bestand aus ein paar Häusern um eine Getreidemühle, mit einem Gebiet, das nicht mehr als 4 Morgen umfasste und Berichten zufolge von einer Familie bewohnt wurde, die ein jüdischer Mann anführte.

Auf Grundlage von Informationen, die er während seiner Studien an der Birzeit-Universität von Geschichtsprofessor Roger Heacock erwarb, sagte Yafawi, nach dem Krieg von 1967 und Israels Besetzung des Gazastreifens beseitigte Israel die Überreste von rund 12 in Gaza beerdigten Juden und brachte sie auf Befehl des damaligen Verteidigungsministers Mosche Dayan nach Israel. „Das geschah aus zwei Gründen. Der erste ist, dass Gaza in der jüdischen Religion als verfluchtes Land galt und der zweite sind die politischen Umstände vor Ort in Gaza“, erklärte er.

Er hielt fest: „In den frühen 1960-er Jahren enteignete die ägyptische Verwaltung Land in dem Bereich, um die Hauptstraße, die Saladin-Straße zu erweitern. Sie entschädigte die davon betroffenen mit anderen Grundstücken innerhalb dessen, was als jüdisches Viertel bekannt ist. Die jüdischen Friedhöfe hingegen wurden erhalten und die Juden besuchten ihre Angehörigen sogar während der Herrschaft Ägyptens.“

Als Israel den Gazastreifen eroberte, wollten israelische Institutionen wie der Jüdische Nationalfond und das Amt zur Verwaltung von Landbesitz Abwesender das Viertel von den Palästinensern zurückzuholen, indem sie Besitzurkunden vorlegten, die die Eigentümerschaft jüdischer Familien vor 1948 belegten. Ihr erster Erfolg war die Überführung der Überreste der jüdischen Leichen unter Aufsicht des Repräsentanten des Rabbiners der Mizrahi-Juden.

Im Gegenzug legten die Palästinenser, die im Viertel wohnten, Eigentumsdokumente vom ägyptischen Liegenschaftenamt vor. Yafawi erklärte: „Nach langwierigen Verfahren entschied der israelische oberste Gerichtshof zugunsten der Palästinenser und verpflichtete die Juden die Grundstücke abzutreten. Das Gericht war von der Tatsache überzeugt, dass Gaza als verfluchtes Land betrachtet und als Hauptkampfgebiet eines ständigen Konflikts betrachtet wurde. Der oberste Gerichtshof wies die von Juden zu diesem Fall eigereichten Ansprüche zurück.“

Er schloss: „Das einzige Buch, das – kurz – das jüdische Viertel in Gaza behandelt, ist ‚Gaza Through Histoy‘ von Ibrahim Khalil Skaik. Nicht viele im Gazastreifen wissen, dass die Juden in Gaza ein Viertel hatten. Das Thema bleibt in einer Gesellschaft tabu und verpönt, die Israel inmitten der wiederholten Angriffe über die Jahre nur als Feind betrachtet.

Abdel Raouf-Shniora, ein 60-jähriger Palästinenser aus Gaza, der im jüdischen Viertel lebt, sagte gegenüber Al-Monitor: „In den frühen 1960-er Jahren war das Viertel Teil unserer Baumgruppen. Es gab ein paar wenige Gräber für Juden. Dort wurde Weizen und Gerste gepflanzt, umgeben von Zitronenbäumen.“

Sein achtzigjähriger Nachbar Mohammed Juha, der vor seinem Haus saß, sagte Al-Monitor: „Ich habe dort gelebt, seit ich jung war. Mein Großvater kaufte dieses Haus. Ich erinnere mich, dass Juden in dieses Viertel kamen, um die Gräber ihrer Angehörigen zu besuchen. Alles, was wir wissen, ist, dass dieses Viertel das jüdische Viertel genannt wurde, weil es dort Gräber für Juden gab. Als wir hier in den 1960-ern einzogen, gab es keine Juden, nur jüdische Gräber.“

Trotz des arabisch-israelischen Konflikts kann niemand bestreiten, dass die Juden in der arabischen Region eine Geschichte haben, ob auf der Arabischen Halbinsel, in Ägypten oder dem arabischen Maghreb. Heute werfen einige literarische und künstlerische Arbeiten trotz harter Kritik Licht auf diese jüdische Präsenz, so der Roman „In My Heart a Hebrew Girl“ des tunesischen Romanautors Khawla Hamdi, der Roman „Zilah“ der israelischen Autorin Judith Katzir und die 2015 in Ägypten produzierte Fernsehserie „Harat al-Yahud“ („das jüdische Viertel“).

 

Übersetzt von Heplev - Foto: Mohammed Hasan Juha (80) sitzt vor seinem Haus im jüdischen Viertel von Gaza, wo er seit mehr als 55 Jahren lebte, 20. November 2021 (Foto: Hadil Gherbawi/Al-Monitor)


Autor: Heplev
Bild Quelle: Hadil Gherbawi/Al-Monitor)


Montag, 21 März 2022

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