Der 7. Oktober 2023 wird als einer der schwärzesten Tage in die Geschichte Israels eingehen. An diesem Morgen startete die Terrororganisation Hamas eine beispiellose Invasion im Süden des Landes, die nicht nur Kibbutzim wie Nirim traf, sondern auch das Vertrauen der Menschen in ihre eigene Armee erschütterte. Rund 150 Hamas-Terroristen stürmten in drei Wellen den kleinen Kibbuz Nirim, nur wenige Kilometer von Nir Oz entfernt, und hinterließen eine Spur der Verwüstung. Fünf Zivilisten wurden brutal ermordet, fünf bereits getötete Bewohner als Geiseln verschleppt. In den Kämpfen starben zehn israelische Soldaten, acht weitere wurden in den Gazastreifen entführt. Für die knapp über 400 Einwohner von Nirim war es der Beginn eines Albtraums, dessen Ende noch immer nicht in Sicht ist.
Die Hamas, die seit Jahren als Terrororganisation bekannt ist und von Ländern wie Israel, den USA und der EU entsprechend eingestuft wird, nutzte diesen Angriff, um Angst und Chaos zu säen. Ihr Ziel war klar: Israel in einen Krieg zu zwingen, der bis heute andauert. Doch was in Nirim geschah, war mehr als nur ein militärischer Überfall – es war ein Versagen, das die israelische Armee (IDF) selbst eingesteht. Ein kürzlich veröffentlichter Bericht der IDF, der am Freitag herausgegeben wurde, legt die Schwächen schonungslos offen: Die Streitkräfte waren nicht in der Lage, den Kibbuz zu schützen, obwohl die Bedrohung durch Hamas seit Langem bekannt war. „Die IDF hat uns am 7. Oktober im Stich gelassen“, erzählt Shai Levy, ein Bewohner und Reporter von Channel 12, der Jerusalem Post bei einem Besuch vor Ort. „Viele wurden abgeschlachtet, bevor echte Hilfe kam. Meine Familie und ich haben nur überlebt, weil wir die Eindringlinge aus unserem Schutzraum fernhalten konnten.“
Ein Kibbuz im Niemandsland
Vor dem Krieg war Nirim ein ruhiger Ort, ein typischer Kibbuz mit etwas über 400 Seelen, direkt gegenüber von Khan Yunis im Gazastreifen gelegen. Doch am 7. Oktober wurde diese Idylle zerstört. Die Hamas-Terroristen drangen ein, während die IDF zunächst nicht reagierte. Erst am frühen Nachmittag, als die meisten Angreifer bereits nach Gaza zurückgekehrt waren, traf Verstärkung ein – viel zu spät für die Opfer. Heute, 18 Monate später, ist Nirim ein Schatten seiner selbst. Viele Häuser stehen noch immer in Trümmern, Reparaturen haben gerade erst begonnen. Ein Notfallbefehl der IDF verbietet den meisten Bewohnern die Rückkehr, außer sie gehören wie Levy zur örtlichen Sicherheitsgruppe. „Die Sicherheit ist jetzt besser als vor dem 7. Oktober“, gibt Levy zu, „aber das Vertrauen ist weg. Wir hoffen, im September die Schulen wieder zu öffnen, doch die IDF und die Regierung machen keine klaren Zusagen. Irgendwann könnten mehr Leute entscheiden, nicht zurückzukommen.“
Die Bewohner berichten von einem ständigen militärischen Lärm – Raketen, Warnsirenen, israelische Drohnen. Es ist ein Leben im Ausnahmezustand, das kaum Normalität zulässt. Während weite Teile Israels längst wieder eine Art Alltag gefunden haben, kämpft Nirim mit den Narben der Invasion. Besonders bitter: Der Grenzzaun, nur wenige hundert Meter entfernt, wirkt an vielen Stellen unbewacht, obwohl die IDF beteuert, ihre Präsenz verstärkt zu haben. Der nahegelegene Außenposten „White House“ hat jetzt viermal so viele Soldaten und sogar Panzer, doch das Gefühl der Verlassenheit bleibt.
Israels Krieg gegen den Terror
Aus israelischer Sicht ist der Krieg gegen die Hamas eine existenzielle Notwendigkeit. Die Terrororganisation, die am 7. Oktober über 1.200 Menschen in Israel tötete und mehr als 250 Geiseln nahm, bedroht das Land seit Jahren mit Raketen und Überfällen. Die Schließung der Grenzen und die Blockade humanitärer Hilfe – von Kritikern scharf verurteilt – sind für Israel Mittel, um die Hamas zu schwächen und weitere Angriffe zu verhindern. Doch der Fall Nirim zeigt, wie hoch der Preis für die Zivilbevölkerung ist, wenn die Verteidigung versagt. Der IDF-Bericht räumt ein, dass die Armee die Bedrohung unterschätzt und ihre Kräfte falsch verteilt hatte. Für die Bewohner ist das eine magere Entschuldigung. „Wir waren allein“, sagt Levy. „Und selbst jetzt fühlen wir uns nicht wirklich geschützt.“
Ein Funke Hoffnung?
Die Hoffnung der Bewohner ruht auf den neuen Truppen in Gaza und nahe Nirim. Sie sollen künftige Angriffe abwehren – doch die Wunden des 7. Oktober heilen nicht so schnell. Die verstärkte militärische Präsenz mag ein Zeichen sein, dass Israel aus seinen Fehlern lernt. Aber für die Menschen in Nirim bleibt die Frage: Wird es reichen? Und wann können sie endlich wieder ein normales Leben führen, ohne Angst vor der nächsten Sirene? Der Kibbuz kämpft nicht nur gegen die Hamas, sondern auch gegen das Gefühl, von der eigenen Regierung vergessen worden zu sein. Wenn die Schulen im September nicht öffnen, könnte das der Todesstoß für diese Gemeinschaft sein – ein Verlust, den Israel sich im Krieg gegen den Terror nicht leisten kann.