Erdogans Eskalation: Wie weit wird die Türkei gegen Israel gehen?Erdogans Eskalation: Wie weit wird die Türkei gegen Israel gehen?
Mit der Sperrung von Häfen und Luftraum verschärft Erdoğan seinen Wirtschaftskrieg gegen Israel. Doch die Maßnahmen treffen nicht nur Jerusalem – sondern auch die Palästinenser.
Seit Mai 2024, als Erdoğan den umfassenden Handelsboykott verkündete, sucht Israel nach Alternativen. Der einst florierende Austausch im Wert von bis zu zehn Milliarden Dollar jährlich wurde auf Umwege über Griechenland, den Balkan oder über Zwischenhändler verlagert. Baumaterialien, Lebensmittel, selbst Öl – Ankara wollte den Nachschub kappen. Doch die israelische Wirtschaft zeigte sich widerstandsfähig: Preissteigerungen blieben überschaubar, Versorgungslücken traten nicht auf.
Der jüngste Schritt – Hafensperren und die Schließung des türkischen Luftraums für israelische Militär- und Frachtmaschinen – hat daher vor allem Signalwirkung. Erdoğan will sich als Vorreiter inszenieren, als „muslimische Großmacht“, die zeigt, dass Israel isoliert werden könne. Er richtet sich weniger an Jerusalem als an Südafrika, Brasilien oder Staaten der arabischen Welt: Seht her, Sanktionen sind möglich, macht es uns nach.
Doch die Realität ist widersprüchlich. Fast der gesamte Warenverkehr zwischen Türkei und den palästinensischen Gebieten läuft über israelische Häfen. Mit seiner Politik stranguliert Erdoğan also auch jene, die er vorgibt zu unterstützen. Zugleich schadet er türkischen Unternehmen, die jahrzehntelang von engen Wirtschaftsbeziehungen mit Israel profitiert haben.
Brisant wird die Lage, wo sich Interessen überschneiden: im östlichen Mittelmeer und in Syrien. Erdoğan blockiert Energieprojekte, die Israel mit Europa verbinden sollten, und rüstet zugleich im Norden Syriens auf, wo seine Ambitionen mit israelischem Sicherheitsinteresse kollidieren. Während Israel dort gegen iranische Strukturen vorgeht, versucht Ankara den Kurden die Luft zum Atmen zu nehmen. Das birgt das Risiko direkter militärischer Kollision.
Erdogan setzt auf eine Strategie der „tausend kleinen Schnitte“. Kein einzelner Schlag ist tödlich, aber die Summe der Nadelstiche soll Israels internationale Position schwächen und wirtschaftlich zermürben. Für Israel bedeutet dies, dass es langfristig nicht nur militärische Stärke, sondern auch diplomatische und wirtschaftliche Resilienz braucht. Denn je länger Ankara den Boykott demonstriert, desto größer die Gefahr, dass andere Länder auf den Zug aufspringen.
Ob Erdoğan tatsächlich noch weitergeht – etwa mit einem Abbruch der diplomatischen Beziehungen oder einem Stopp der Ölpipeline aus Aserbaidschan – bleibt abzuwarten. Klar ist aber: Je mehr er eskaliert, desto stärker isoliert er die Türkei in der internationalen Arena. Was in Ankara als Kraftdemonstration gedacht ist, könnte am Ende den gegenteiligen Effekt haben.
Autor: Redaktion
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Sonntag, 31 August 2025