Hisbollah nutzt den Tod ihres Militärchefs für neue Eskalationsfantasien

Hisbollah nutzt den Tod ihres Militärchefs für neue Eskalationsfantasien


Nach der gezielten Tötung von Ali Tabatabai versucht die Hisbollah, Stärke zu simulieren. Doch die Drohungen ihres Generalsekretärs zeigen weniger Selbstbewusstsein als Nervosität – und ein strategisches Dilemma, das Israel längst einkalkuliert hat.

Hisbollah nutzt den Tod ihres Militärchefs für neue Eskalationsfantasien

Wer in diesen Tagen den Auftritt von Hisbollah-Generalsekretär Naim Qassem verfolgt, spürt sofort, wie sehr der Schlag aus Israel sitzt. Vor weniger als einer Woche wurde Ali Tabatabai, der militärische Kopf der Organisation, ausgeschaltet – ein Mann, der für Planung, Aufbau und Steuerung jener Strukturen zuständig war, mit denen der Iran seine Front gegen Israel langfristig sichern wollte. Genau diese Lücke versucht Qassem nun rhetorisch zuzudecken.

In seinem ersten öffentlichen Statement nach der Operation spricht er von einem „Verbrechen“ und kündigt eine „Antwort zum Zeitpunkt unserer Wahl“ an. Der Satz ist bewusst zweideutig gehalten, und Qassem legte seinen eigenen Leuten gleich die Botschaft nahe, nichts zu interpretieren. Eine paradoxe Aufforderung, die erkennen lässt, wie sehr man in Beirut Angst hat, zu viel zu versprechen – vor allem nach innen.

Denn die Schlüsselfrage lautet: Welche Antwort ist die Hisbollah überhaupt noch in der Lage zu geben, ohne einen Flächenbrand auszulösen, der sie selbst ins Chaos stürzt?

Die Fassade der Stärke bröckelt

Die Hisbollah lebt von der Illusion, Israel jederzeit bedrohen zu können. Doch der Schlag gegen Tabatabai, der tief in die Struktur der Organisation hineinreicht, zeigt die Verwundbarkeit einer Macht, die sich gern unverwundbar gibt. Qassem musste zugeben, dass der Verlust „groß“ sei, auch wenn er ihn religiös überhöht als „Märtyrerlohn“ verklärt. Diese Mischung aus Pathos und Beschwichtigung verrät ein Klima: Unsicherheit, gepackt in die Sprache des Trotz.

Für Israel wiederum ist die Botschaft klarer denn je. Der Norden bleibt gefährdet, doch die Abschreckung wirkt. Wer die Kommandostrukturen eines Terrornetzwerks treffen kann, verweist nicht nur auf militärische Fähigkeit – sondern auf strategische Überlegenheit. Die Tatsache, dass Israel diese Operation ohne größere Folgeeskalation durchziehen konnte, zeigt, wie sorgfältig die Szenarien durchdacht wurden und wie sehr die Hisbollah sich momentan in der Defensive befindet.

Die libanesische Realität – ein Sprengsatz im eigenen Haus

Im selben Atemzug behauptet Qassem, die „Staatlichkeit“ im Libanon verhindere, dass Israel zur Ruhe komme. Eine bemerkenswerte Umkehrung der Realität: Nicht Israel destabilisiert den Libanon – die Hisbollah tut es seit Jahrzehnten.

Die Organisation trägt Verantwortung für die grassierende Verarmung, für die politische Lähmung, für die massive Waffenflut im Land und für die weitgehend unkontrollierte Kooperation mit Teheran. Je mehr sie nach außen droht, desto deutlicher wird nach innen: Das Land, das sie angeblich verteidigt, ist eines, das sie systematisch ausbluten lässt.

Auch Qassems Versuch, die Diskussion über die Entwaffnung seiner Milizen als „israelisches Projekt“ abzutun, zeugt von Angst, nicht von Souveränität. Die Debatte wächst im Libanon selbst – und sie wächst, weil die Menschen die Last des „Widerstandes“ längst nicht mehr tragen können.

Was Israel sieht: Eine Organisation, die Zeit kaufen muss

Tabatabais Tod ist mehr als ein operativer Erfolg. Er legt offen, wie fragil die Kommandokette der Hisbollah ist. Dass Qassem nun versucht, eine „normale Weiterführung“ zu suggerieren, ist ein Versuch, die eigenen Reihen zu stabilisieren. Denn im Hintergrund weiß man: Jeder dieser Schläge schwächt nicht nur die militärische Schlagkraft – er schwächt das Narrativ der Unantastbarkeit.

Israel registriert diese Entwicklung nüchtern. Es gibt Szenarien für eine Reaktion aus dem Libanon, und es gibt ebenso klare Parameter, wie auf eine solche zu antworten wäre. Doch entscheidend ist: Es gibt keine Panik in Jerusalem – und umso mehr Nervosität in Beirut.

Ein vertrautes Muster: Wenn die Sprache lauter wird, ist die Handlungsfähigkeit kleiner

Was Qassem in seiner Ansprache sagte, war weniger eine Drohung als ein Ersatz für die Handlung. Und darin liegt der Kern: Je lauter die Rhetorik, desto größer die Lücke zwischen Anspruch und Realität. Die Hisbollah steht unter Druck, innen wie außen. Israel hingegen sendet die unmissverständliche Botschaft, dass gezielte Schläge gegen Terrorstrukturen nicht verhandelbar sind – und dass die Abschreckung intakt bleibt.

Am Ende bleibt ein Bild, das sich seit Monaten abzeichnet: Die Hisbollah droht mit einem Sturm, während sie gleichzeitig darum kämpft, nicht vom eigenen Fundament überrollt zu werden. In dieser Spannung liegt die wahre Dynamik der kommenden Wochen.


Autor: Redaktion
Bild Quelle: By Tasnim News Agency, CC BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=154870002


Samstag, 29 November 2025

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