Die vergessenen Kämpfer Israels stehen vor der Knesset – und fordern endlich Hilfe

Die vergessenen Kämpfer Israels stehen vor der Knesset – und fordern endlich Hilfe


In einem provisorischen Zeltlager in Jerusalem berichten Veteranen von Kampftrauma, Entfremdung und Bürokratie. Ihre Forderung ist schlicht: Israel soll jene schützen, die das Land geschützt haben.

Die vergessenen Kämpfer Israels stehen vor der Knesset – und fordern endlich Hilfe

Die Geschichten, die im kleinen Protestcamp am Rand der Knesset erzählt werden, sind so roh, dass man sie kaum aushält. Jeder Satz atmet Müdigkeit, jeder Blick drückt das Gefühl aus, allein gelassen worden zu sein. Es sind Menschen, die nicht nur für Israel gekämpft haben – sie kämpfen heute gegen eine innere Realität, die sie nicht loslässt. Jahrelang wurde der Begriff „posttraumatische Belastung“ verallgemeinert. Doch die Männer hier benutzen bewusst ein anderes Wort: Kampftrauma. Nicht, weil sie sich abgrenzen wollen, sondern weil sie einen Zustand beschreiben, der unmittelbar an das Erleben in der Schlacht gebunden ist – keine Erinnerung, sondern ein andauernder Zustand des Alarmbereitschaft, der Körper und Seele zerreißt.

An einem der provisorischen Zelte sitzt David Yehuda, früher Pionierkämpfer, heute ein Mann, der jede Nacht neu durchlebt, was er hinter sich lassen wollte. Er erzählt, wie ihn die Armee nach seiner Rückkehr mit Medikamenten ruhigstellen wollte. „Sie geben dir Pillen, damit du schweigst“, sagt er. „Damit du schläfst. Damit du funktionierst.“ Seine Stimme bleibt ruhig, doch die Enttäuschung ist greifbar. Neben ihm nickt Omer Amsalem, Golani-Veteran, der selbst seit „Tzuk Eitan“ mit schwerem Kampftrauma lebt. Medikamente, sagen beide, sind keine Antwort auf Albträume, auf das Gefühl, dass jeder laute Knall wieder ein Schuss ist, jede Trambremse ein Hinterhalt.

Der Protest begann nicht vor der Knesset, sondern an einem Strand bei Atlit. Drei Veteranen errichteten dort Zelte – nicht als politisches Statement, sondern als Zufluchtsort, weil der Staat ihnen keinen gab. Ein Ort, an dem sie atmen konnten. Doch selbst dort, in dieser vermeintlichen Stille, wurden sie von Ordnungskräften schikaniert. Man nahm ihnen den Generator weg, man sprühte Tränengas, man behandelte sie wie Störer. Für Männer, die im Einsatz gelernt haben, Gefahren in Millisekunden zu erkennen, kann solch ein Vorgehen ein unmittelbares Trauma auslösen. Die Gruppe verstand, dass sie gesehen werden muss. Also zog sie weiter – erst nach Petach Tikva, dann nach Jerusalem.

Die dramatischste Stimme des Protests gehört Itzik Saidian. Sein Name steht längst für all jene Soldaten, deren seelische Verletzungen unsichtbar sind. Er verbrannte sich selbst im Jahr 2021 vor dem Büro des Rehabilitationsministeriums, ein Verzweiflungsakt, der niemanden in Israel kalt ließ. Heute sagt er etwas, das klingt wie eine Warnung und wie ein Flehen: Wenn das Land nicht jetzt handle, werde die kommende Welle von Kampftraumatisierten ein Beben auslösen. Keine Metapher – ein tatsächlicher sozialer Aufruhr, gespeist aus Schmerz, Orientierungslosigkeit und dem Gefühl, betrogen worden zu sein.

Saidian ist nicht der Einzige, der die Lage so einschätzt. Viele der Männer im Camp berichten von Menschen, die bereits heute nicht mehr zurechtkommen: Kämpfer, die nach Monaten im Gazastreifen zurückkamen und merkten, dass sie ihre Kinder nicht mehr umarmen können; Männer, die nachts draußen im Dunkeln stehen, weil sie im Schlafzimmer jeden Schatten als Bewegung deuten; Reservisten, die auf Autobahnen Panikattacken bekommen, weil der Verkehr sie an Hinterhalte erinnert. Das Land wird diesen Sturm spüren, sagen sie, wenn niemand jetzt handelt.

Eine der eindrücklichsten Schilderungen kommt von Haggai Ezran, der am Rand des Camps mit seinem Assistenzhund sitzt. Ein Mann, der einst in der zweiten Intifada diente und seitdem versucht, ein normales Leben zu führen. Er erklärt, wie er vor wenigen Wochen in einem Bus einen massiven Anfall erlitt. Ein Stau, ein Gespräch des Fahrers, ein Geräusch – und plötzlich war er wieder mitten im Einsatz. Der Fahrer weigerte sich, die Tür zu öffnen. Menschen starrten ihn an, als wäre er gefährlich. Am Ende musste er die Tür mit Gewalt selbst aufbrechen, nur um herauszukommen und wieder Luft zu bekommen. Der Vorfall löste eine Kettenreaktion aus: Polizei, Anschuldigungen, Unverständnis. Ezran sagt: „Man sieht uns nicht. Man versteht uns nicht.“ Wer seine Geschichte hört, versteht, dass er recht hat.

Viele der Männer im Camp sagen, dass der Staat ihnen nie erklärt habe, was nach einer Schlacht im Inneren passiert. Dass niemand ihre Familien auf die kommenden Monate vorbereitet. Dass sie ohne Anleitung in ein Leben geschickt wurden, das an ihnen vorbeiläuft. Darum fordern sie ein verpflichtendes zweimonatiges Rehabilitationsprogramm für alle, die aus intensiven Gefechten zurückkehren – mit Diagnostik, mit Aufklärung, mit der Einbeziehung von Familien. Sie nennen es kein Geschenk, sondern eine Notwendigkeit, um eine Gesellschaft zu stabilisieren, die von diesen Kämpfern lebt.

In Gesprächen mit politischen Entscheidungsträgern spüren sie bislang vor allem höfliche Anteilnahme, aber kaum Veränderungen. Der Premierminister hörte zu, sagen sie, aber die Umsetzung stockt. Der Verteidigungsminister versprach Hilfe, doch sie warten bis heute. Und während sie warten, sterben Freunde. Der Protest zählt sie. 63, dann 64, dann wieder ein neuer Name. Viele der Betroffenen gehen leise. Ihre Familien schweigen aus Scham oder Angst, und die Öffentlichkeit erfährt nichts.

Im Camp entstehen aber auch unerwartete Formen von Gemeinschaft. In manchen Nächten kommen Männer, die sich nicht trauen, zu Ärzten zu gehen. Veteranen, die am Rande des Zusammenbruchs stehen. Menschen, die nicht wissen, was mit ihnen geschieht. Dann setzen sich die Bewohner des Camps zu ihnen, manchmal schweigend, manchmal weinend, manchmal nur mit einer Hand auf der Schulter. „Wir geben ihnen ein wenig Luft“, sagt Ezran. Oft ist das mehr, als die staatlichen Stellen bieten können. Viele im Camp sind längst selbst zu Ankerfiguren geworden, unfreiwillig und aus purer Not.

Gleichzeitig betonen sie, dass sie nicht die Rolle der Behörden übernehmen wollen. Ihr Ziel ist klar: Israel muss seine Kämpfer ernst nehmen. Nicht mit bürokratischen Formularen, nicht mit Beruhigungsmitteln, nicht mit Wartezeiten von Monaten. Sie wollen eine Gesetzgebung, die Kampftrauma als eigenständige Kategorie anerkennt. Eine Reform, die Ressourcen schafft. Eine Struktur, die nicht jeden Einzelnen zwingt, ein jahrelanger Bettler an Schaltern zu sein.

Das Camp wirkt tagsüber ruhig, fast meditativ. Doch die Ruhe ist trügerisch. Mehrmals am Tag schwappt ein Ausbruch hoch. Ein Trigger, ein lautes Geräusch, eine Erinnerung, ein Gefühl der Ohnmacht. Dann verschieben die Männer die Absperrungen, blockieren kurz die Zufahrt, schreien, fallen in alte Muster. Und genauso schnell beruhigen sie sich wieder. Die Polizisten kennen sie, die Sicherheitskräfte kennen sie. Man spricht miteinander, man weiß, dass dies kein Protest aus Zorn ist, sondern aus Überlebenskampf.

Diese Männer, sagen sie, sind keine Störer. Sie seien Kämpfer. Keine Kriminellen. Menschen, die lange vor den Politikern die eine Frage verstanden haben, die die Nation jetzt beantworten muss: Was ist ein menschliches Leben wert, nachdem es für das Land gegeben wurde?

Ihre Geschichten sind nicht abgeschlossen. Sie schreiten nicht voran wie politische Debatten. Sie sind Kreise, die sich immer wieder schließen, und Narben, die immer wieder aufbrechen. Doch je länger man bei ihnen sitzt, desto klarer wird: Israel kann seine Identität nicht verteidigen, wenn es die Menschen vergisst, die sie getragen haben.

Und irgendwann, sagen sie, wird das Land gezwungen sein zuzuhören. Am besten bevor der nächste Kämpfer seinen eigenen Namen zu jener Liste hinzufügt, die schon viel zu lang ist.


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Samstag, 29 November 2025

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