Ben Gurion und die Bibel: Wie Israels Staatsgründer Moral, Staat und Geschichte zusammendachteBen Gurion und die Bibel: Wie Israels Staatsgründer Moral, Staat und Geschichte zusammendachte
Er war säkular, stritt mit Rabbinern und las die Bibel täglich. David Ben Gurion sah in ihr keinen Glaubenstext, sondern den moralischen und historischen Kern des jüdischen Staates. Eine Haltung, die heute provoziert und fehlt.
David Ben Gurion war kein frommer Mann. Er hielt keine religiösen Gebote ein, lebte nicht nach der Halacha und verstand sich ausdrücklich als säkularer Zionist. Und doch war für ihn kein Buch prägender als die Bibel. Nicht Marx, nicht Herzl, nicht europäische Philosophen formten sein Denken so nachhaltig wie die Texte, die vom Auszug aus Ägypten, von Königen, Propheten, Aufstieg und Scheitern erzählen. Für Ben Gurion war die Bibel kein Ritualbuch, sondern das kollektive Gedächtnis eines Volkes, das gelernt hatte, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen.
Er verstand die Bibel als historische Erzählung, die nur im Land Israel vollständig begreifbar sei. Erst hier, so sagte er, erschließe sich ihre Tiefe. Landschaft, Sprache und Geschichte bildeten für ihn eine Einheit. Zionismus bedeutete für Ben Gurion nicht nur politische Selbstbestimmung, sondern die Rückkehr zu einer eigenen moralischen Quelle. Der jüdische Staat sollte nicht nur existieren, sondern einen Anspruch erfüllen. Er sollte beweisen, dass Macht, Militär und Moral sich nicht ausschließen müssen.
Besonders stark identifizierte sich Ben Gurion mit den Königen, die das Land entwickelten, nicht nur eroberten. König Usija faszinierte ihn, weil dieser Festungen baute, Wasserprojekte vorantrieb, die Wüste nutzbar machte und gleichzeitig eine kulturelle Blütezeit ermöglichte. In dieser Figur spiegelte Ben Gurion sein eigenes Ideal. Sicherheit war notwendig, aber niemals Selbstzweck. Staatlichkeit musste immer mit Aufbau, Bildung und sozialer Verantwortung verbunden sein.
Noch tiefer reichte seine Bindung an die Propheten. Amos, Jesaja und Jeremia waren für ihn keine religiösen Mahner, sondern radikale Ethiker. Sie stellten Macht infrage, kritisierten Korruption, verlangten Gerechtigkeit für Schwache und erinnerten Herrscher daran, dass Stärke ohne Moral hohl ist. Ben Gurion war überzeugt, dass die Grundwerte der westlichen Welt nicht in Athen oder Rom entstanden, sondern in diesen Texten. Freiheit, Gleichheit und menschliche Würde sah er als Erbe der prophetischen Tradition.
Sein Verhältnis zu Jeremia zeigt, wie sehr Ben Gurion sich selbst hinterfragte. Als junger Politiker lehnte er den Propheten ab, weil er ihn als defätistisch empfand. Erst im Alter erkannte er in Jeremia den Mut, unbequeme Wahrheiten auszusprechen, auch wenn sie das eigene Volk verletzen. Entscheidend war für ihn eine Frage: Liebt dieser Mensch sein Volk. Kritik ohne Loyalität lehnte Ben Gurion ab, Loyalität ohne Moral ebenso.
Diese Haltung ist unbequem. Sie widerspricht sowohl religiösem Dogmatismus als auch politischem Zynismus. Ben Gurion glaubte nicht, dass Israel durch bloße Existenz legitim sei. Legitimität musste täglich neu erarbeitet werden, durch Handeln, das den eigenen moralischen Maßstäben standhält. Der jüdische Staat sollte kein gewöhnlicher Nationalstaat sein, sondern ein Beispiel dafür, wie Macht begrenzt, hinterfragt und verantwortungsvoll eingesetzt wird.
Heute wirkt diese Sicht fast fremd. Die Bibel ist aus vielen säkularen Diskursen verschwunden, während sie gleichzeitig von ideologischen Lagern vereinnahmt wird. Ben Gurion hingegen verstand sie als gemeinsames Fundament, nicht als religiöses Eigentum. Für ihn gehörte sie dem ganzen Volk, Gläubigen wie Nichtgläubigen. Sie war kein Werkzeug der Abgrenzung, sondern eine Verpflichtung.
Gerade in einer Zeit, in der Israel unter permanentem Druck steht und moralisch angegriffen wird, ist Ben Gurions Denken unbequem aktuell. Er hätte die Angriffe nicht mit Rückzug beantwortet, aber auch nicht mit moralischer Gleichgültigkeit. Für ihn war klar: Israels Stärke liegt nicht nur in Armee und Technologie, sondern in der Bereitschaft, sich selbst an hohen Maßstäben zu messen. Nicht aus Schwäche, sondern aus Selbstbewusstsein.
Ben Gurions Bibel war kein religiöser Text, sondern ein Spiegel. Ein Spiegel, der fragt, wer wir sind, was wir rechtfertigen können und was nicht. Wer diesen Spiegel meidet, verliert mehr als Tradition. Er verliert Orientierung.
Autor: Redaktion
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Freitag, 02 Januar 2026