Erdogan unter Druck: Madurós Festnahme entfacht innenpolitische Abrechnung in der TürkeiErdogan unter Druck: Madurós Festnahme entfacht innenpolitische Abrechnung in der Türkei
Die Festnahme des venezolanischen Machthabers Nicolás Maduro durch die USA trifft Ankara an einer empfindlichen Stelle. In der Türkei rechnet die Opposition offen mit Präsident Erdoğan ab und wirft ihm Feigheit, Opportunismus und politische Nähe zu Autokraten vor.
Die spektakuläre Festnahme von Venezuelas Präsidenten Nicolás Maduro durch die Vereinigten Staaten hat nicht nur in Lateinamerika politische Schockwellen ausgelöst. Auch in der Türkei steht Präsident Recep Tayyip Erdogan plötzlich unter massivem innenpolitischem Beschuss. Ausgerechnet ein Mann, den ErdoÄŸan jahrelang öffentlich stützte, wird abgeführt und Ankara reagiert auffallend leise.
Diese Zurückhaltung wird der Regierung nun zum politischen Problem. Die größte Oppositionspartei, die CHP, wirft ErdoÄŸan eine „ohrenbetäubende Stille“ vor und unterstellt ihm Angst vor Donald Trump. Parteichef Özgür Özel formulierte es auf einer Kundgebung ungewöhnlich scharf: Während Trump einen befreundeten Autokraten festnehmen lasse, traue sich ErdoÄŸan nicht einmal zu widersprechen.
Der Vorwurf trifft einen wunden Punkt. ErdoÄŸan hatte Maduro über Jahre hinweg offen unterstützt. Als große Teile der internationalen Gemeinschaft dessen Wiederwahl 2018 als illegitim einstuften, stellte sich Ankara demonstrativ an die Seite von Caracas. ErdoÄŸan telefonierte mit Maduro, sprach ihm Rückhalt zu und erklärte, die Türkei stehe „fest an seiner Seite“. Umgekehrt gehörte Maduro zu den ersten Staatschefs, die ErdoÄŸan nach dem gescheiterten Putschversuch 2016 ihre Solidarität aussprachen.
Nähe zu Autokraten wird zur Belastung
Aus dieser politischen Nähe entwickelte sich eine pragmatische Partnerschaft. Der Handel zwischen beiden Ländern wuchs deutlich, insbesondere im sensiblen Bereich von Gold und Rohstoffen. Genau diese Vergangenheit holt ErdoÄŸan nun ein. Die Opposition argumentiert, der Präsident habe sich bewusst mit international isolierten Machthabern verbündet und zahle dafür nun einen politischen Preis.
Özel spricht von einer klaren Fehlentscheidung. ErdoÄŸan habe „die falsche Seite der Geschichte“ gewählt und verteidige heute indirekt eine amerikanische Machtdemonstration, indem er sie kommentarlos hinnimmt. Besonders brisant ist der Vorwurf, ErdoÄŸan handle nicht aus Überzeugung, sondern aus taktischer Furcht vor Trump, dessen Rückkehr ins Weiße Haus die Machtverhältnisse neu geordnet hat.
Die Kritik beschränkt sich nicht auf Reden. In sozialen Netzwerken kursieren Bilder, die ErdoÄŸan und Maduro bei freundschaftlichen Treffen zeigen, daneben Fotos des gefesselten venezolanischen Präsidenten nach seiner Festnahme. Die Botschaft ist klar: Wer gestern umarmt wurde, ist heute politischer Ballast.
Regierung verteidigt Schweigen als Strategie
Die türkische Regierung weist die Vorwürfe zurück. Präsidialamt und Außenministerium sprechen von Besonnenheit und Diplomatie. Außenpolitik, so heißt es aus Ankara, dürfe nicht von emotionalen Parolen bestimmt werden, sondern müsse nationale Interessen wahren. Man rufe alle Seiten zur Zurückhaltung auf und biete sich als Vermittler an.
Doch selbst innerhalb des Regierungslagers wirkt die Linie nicht geschlossen. Einzelne Berater äußerten sich zunächst scharf gegen die USA, löschten ihre Aussagen später jedoch wieder. Diese Unsicherheit verstärkt den Eindruck, dass Ankara zwischen ideologischer Nähe zu Maduro und strategischer Abhängigkeit von Washington schwankt.
Auch der nationalistische Koalitionspartner MHP mischte sich ein und zog Parallelen zwischen Madurós Festnahme und dem Putschversuch von 2016. Der Vergleich soll die USA als gefährlichen Akteur darstellen, überzeugt jedoch längst nicht alle. Kritiker halten dagegen, dass ErdoÄŸan damit erneut versucht, jede Kritik in eine Erzählung äußerer Bedrohung zu lenken.
Ein Symbol für ErdoÄŸans außenpolitisches Dilemma
Der Fall Maduro ist damit mehr als ein außenpolitisches Randthema. Er legt ein zentrales Dilemma der türkischen Politik offen. ErdoÄŸan inszeniert sich international gern als unabhängiger Machtfaktor, der zwischen Ost und West vermittelt. Gleichzeitig zeigt die aktuelle Debatte, wie begrenzt dieser Spielraum tatsächlich ist, wenn Washington klare Fakten schafft.
Für die Opposition ist das ein gefundenes Fressen. Sie nutzt den Moment, um ErdoÄŸans Außenpolitik grundsätzlich infrage zu stellen und ihm vorzuwerfen, die Türkei durch die Nähe zu autoritären Regimen isoliert zu haben. Dass ausgerechnet Trump nun Fakten setzt, während Ankara schweigt, gilt als politisches Sinnbild dieser Schwäche.
Ob die Affäre langfristige Folgen hat, bleibt offen. Klar ist jedoch: Die Festnahme Madurós hat ErdoÄŸan nicht nur einen einstigen Partner gekostet, sondern eine Debatte entfacht, die seine außenpolitische Glaubwürdigkeit im eigenen Land nachhaltig beschädigt.
Autor: Redaktion
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Dienstag, 06 Januar 2026