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Haredim Proteste außer Kontrolle: Staatliche Autorität bricht auf Israels Straßen weg

Haredim Proteste außer Kontrolle: Staatliche Autorität bricht auf Israels Straßen weg


Was als Demonstration gegen den Wehrdienst begann, entwickelt sich zu einer Serie gefährlicher Eskalationen. Tote, verletzte Journalisten und blockierte Verkehrsadern zeigen ein beunruhigendes Bild. Die Polizei wirkt überfordert, die Politik schweigt, die Öffentlichkeit verliert ihr Sicherheitsgefühl.

Haredim Proteste außer Kontrolle: Staatliche Autorität bricht auf Israels Straßen weg

Israel erlebt derzeit eine Eskalation haredischer Proteste, die längst über legitime politische Meinungsäußerung hinausgeht. In Jerusalem und anderen Städten ziehen Tausende Demonstranten auf die Straße, um gegen die Wehrpflicht für Jeschiwa-Studenten zu protestieren. Was folgt, sind brennende Müllcontainer, blockierte Hauptverkehrsachsen, Angriffe auf Polizeikräfte und eine Gewaltspirale, die bereits Todesopfer gefordert hat.

Der schwerste Vorfall ereignete sich dieser Tage in Jerusalem. Bei einer außer Kontrolle geratenen Demonstration kam der 14-jährige Josef Eisenstiel ums Leben. Ein Busfahrer aus Ostjerusalem war zuvor über längere Zeit angegriffen, mit Steinen beworfen und bedroht worden. Mehrfach wandte er sich an die Polizei und bat um Hilfe. Hilfe kam nicht. Als Demonstranten begannen, einen koordinierten Angriff zu zählen, versuchte der Fahrer in Panik zu fliehen. Die Folgen waren tödlich. Der Fall wird juristisch untersucht. Doch unabhängig vom Ausgang bleibt eine bittere Feststellung: Der Staat war nicht präsent.

Seit Monaten folgen die Proteste einem immer gleichen Muster. Große Menschenmengen, rasche Eskalation, massive Sachbeschädigung und Gewalt gegen Sicherheitskräfte wie gegen Unbeteiligte. Busse werden beschädigt, Straßen blockiert, Einsatzkräfte attackiert. Immer häufiger geraten Passanten und Anwohner zwischen die Fronten. Das Gefühl, dass niemand mehr für Ordnung sorgt, greift um sich.

Polizei ohne Durchsetzungskraft

Offiziell betont die israelische Polizei, sie habe im Rahmen der geltenden Vorgaben gehandelt. Man unterscheide zwischen genehmigten Kundgebungen und einzelnen Störungen. Doch diese Erklärungen verlieren zunehmend an Glaubwürdigkeit. Wiederholt lagen im Vorfeld konkrete Warnungen und Lageeinschätzungen vor. Dennoch gelang es nicht, klare Grenzen zu ziehen oder gefährliche Situationen rechtzeitig zu entschärfen.

Es ist nicht das erste Mal, dass eine haredische Massenkundgebung tödlich endet. Bereits im Oktober stürzte ein junger Mann bei einer ähnlichen Demonstration von einem Baugerüst in den Tod, nachdem Sicherheitszonen durchbrochen worden waren. Auch damals gab es Vorwarnungen. Auch damals folgten nachträgliche Rechtfertigungen.

Für viele Israelis stellt sich längst nicht mehr die Frage, ob Protest erlaubt ist. Sondern warum der Staat dort zurückweicht, wo Protest in rohe Gewalt umschlägt.

Journalisten als Freiwild

Besonders alarmierend ist die systematische Gewalt gegen Medienvertreter. Reporter, Kameraleute und Fotografen werden bei haredischen Protesten immer wieder attackiert. In Jerusalem wurden in den vergangenen Tagen mehrere Teams mit Steinen beworfen, bespuckt und körperlich angegriffen. Teilweise konnten sie nicht von der Polizei, sondern nur von Sanitätern in Sicherheit gebracht werden.

Ein Team des öffentlich-rechtlichen Rundfunks musste sich in einem Geschäft verbarrikadieren, Ausrüstung wurde zerstört. Auch Journalisten privater Sender waren Ziel von Angriffen. Trotz der Häufung dieser Vorfälle blieb eine klare politische Reaktion aus. Der Kommunikationsminister schwieg. Ein Schweigen, das viele als stillschweigende Akzeptanz deuten.

Wenn Journalisten nicht mehr sicher berichten können, ist nicht nur die Pressefreiheit bedroht. Dann wird Öffentlichkeit selbst unmöglich.

Blockierte Straßen, blockierter Alltag

Parallel zu den Demonstrationen kommt es regelmäßig zu gezielten Straßenblockaden, vor allem auf zentralen Verkehrsachsen. Autofahrer werden bedrängt, es kommt zu Handgreiflichkeiten. Der Alltag wird lahmgelegt. Familien, Pendler und Rettungsdienste zahlen den Preis einer Eskalation, die niemand mehr kontrolliert.

Der Kernkonflikt, die Frage des Wehrdienstes für haredische Männer, ist politisch komplex. Doch nichts rechtfertigt den Zustand, der sich derzeit auf Israels Straßen zeigt. Gewalt ersetzt Argumente. Einschüchterung ersetzt Debatte. Und der Staat wirkt unfähig oder unwillig, dem Einhalt zu gebieten.

Israel versteht sich als Demokratie und Rechtsstaat. Doch Rechtsstaatlichkeit endet dort, wo Angst regiert. Wenn Demonstrationen tödlich enden, Journalisten gejagt werden und Bürger sich nicht mehr sicher fühlen, reicht es nicht, auf polizeiliche Verfahren zu verweisen. Dann versagt politische Führung.

Die Eskalation der haredischen Proteste ist kein Randphänomen. Sie ist ein Symptom. Ein Symptom für den schleichenden Verlust staatlicher Autorität, für fehlende Durchsetzung des Rechts und für eine gefährliche Normalisierung von Gewalt im Namen religiöser oder politischer Interessen.

Wenn dieser Trend nicht gestoppt wird, ist die nächste Tragödie nur eine Frage der Zeit.


Autor: Redaktion
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Donnerstag, 08 Januar 2026

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