Liebe Leserinnen und Leser,
haOlam.de arbeitet ohne Verlag und ohne institutionelle Unterstützung.
Das vergangene Jahr hat uns deutlich gezeigt, wie wichtig unabhängige Berichterstattung ist.
Um unsere Arbeit 2026 vollständig fortführen zu können, müssen wir weiterhin auf Ihr Mitwirken bauen. Unser Ziel liegt bei 8.000 Euro, ideal wären 10.000 Euro. Wir sind noch nicht am Ende angekommen jede Unterstützung hilft uns jetzt besonders. Kontakt bei Fragen: kontakt@haolam.de
Israel überlässt Gaza anderen weil die eigene Strategie fehlt

Israel überlässt Gaza anderen weil die eigene Strategie fehlt


Während in Jerusalem über historische Rechte gesprochen wird, gestalten andere die Realität. Die Einbindung von Türkei und Katar in Gaza ist kein diplomatischer Unfall, sondern die direkte Folge politischer Verweigerung. Wer keinen Plan vorlegt, verliert die Deutungshoheit.

Israel überlässt Gaza anderen weil die eigene Strategie fehlt

Der Kommentar des israelischen Journalisten Zvika Klein trifft einen wunden Punkt der israelischen Politik mit schmerzhafter Präzision. Nicht aus Feindseligkeit gegenüber Israel, sondern aus nüchterner Analyse. Was sich in der vergangenen Woche abgespielt hat, ist kein diplomatisches Missverständnis und kein amerikanischer Alleingang. Es ist das Ergebnis eines selbst geschaffenen Vakuums.

In der Knesset versammelte sich das rechte Lager Israels, überzeugt von seiner historischen Mission. Es wurde über Souveränität gesprochen, über jüdische Geschichte, über nationale Standhaftigkeit. Die Worte waren groß, die Überzeugung spürbar. Doch während diese Reden gehalten wurden, arbeitete Washington an etwas Konkretem. Wenige Tage später lag ein Plan auf dem Tisch. Ein technokratisches Gremium für Gaza, internationale Beteiligung, Türkei und Katar als Akteure. Die politische Explosion in Israel folgte prompt.

Diese Explosion sagt mehr über den Zustand strategischen Denkens aus als jede Regierungserklärung. Die israelische Rechte weiß sehr genau, was sie nicht will. Keine Rückkehr der Hamas. Keine Übergabe Gazas an die Palästinensische Autonomiebehörde. Keine internationalen Blauhelme, die Sicherheit versprechen und im Ernstfall versagen. Diese Ablehnung ist nachvollziehbar, rational und nach dem 7. Oktober auch moralisch begründet.

Was fehlt, ist das, was Staaten handlungsfähig macht. Ein umsetzbarer Plan.

Nicht eine Vision. Keine Prinzipienerklärung. Kein weiteres Podium mit ernsten Gesichtern. Sondern Antworten auf banale, aber entscheidende Fragen. Wer verwaltet Wasser und Strom. Wer zahlt Lehrer und Ärzte. Wer stellt sicher, dass sich in Dschabalija nicht die nächste Miliz formiert. Wer trägt Verantwortung für zwei Millionen Menschen auf engem Raum.

Die israelische Linke hat für all ihre politischen Irrtümer eines verstanden. Politik braucht ein Produkt, das die Welt lesen kann. Die sogenannte Zwei Staaten Lösung bestand nicht nur aus einem Slogan. Sie enthielt Karten, internationale Finanzierungsmodelle, diplomatische Anerkennung und eine Erzählung darüber, wie es weitergehen soll. Man kann dieses Konzept ablehnen. Man kann argumentieren, dass es nach dem Massaker vom Oktober endgültig gescheitert ist. Aber es existierte als strukturierte Antwort.

Die Rechte bietet nichts Vergleichbares. Stattdessen konkurrierende Impulse. Annexion irgendwann. Militärverwaltung vorübergehend. Zivile Übergänge ohne klaren Zielpunkt. Emigration als Schlagwort ohne Rahmen. All das bleibt fragmentarisch. Keine dieser Ideen wurde zu einer Doktrin ausgearbeitet. Keine erhielt einen Namen, Phasen, rechtliche Grundlagen oder internationale Anknüpfungspunkte.

Genau so entsteht Raum für externe Akteure.

Die Beteiligung von Türkei und Katar ist nicht Ausdruck einer besonderen Liebe Washingtons zu Ankara oder Doha. Sie ist das Resultat politischer Leere. In der internationalen Politik gilt ein brutales Gesetz. Wer mit einem Plan erscheint, selbst mit einem schlechten, setzt den Rahmen. Wer schweigt, wird verwaltet.

Die Reaktionen in Israel waren vorhersehbar. Das Büro von Benjamin Netanyahu erklärte, der amerikanische Vorstoß widerspreche der israelischen Linie. Bezalel Smotrich warnte davor, Staaten einzubinden, die Hamas zuvor gestärkt hätten. Itamar Ben Gvir lehnte das Modell vollständig ab. Oppositionsführer Yair Lapid sprach von einem diplomatischen Versagen.

Alle haben recht. Und alle benennen dasselbe Problem. Israel hat den Tag danach nicht definiert. Also haben es andere getan.

Selbst innerhalb des rechten Lagers ist dieses Defizit spürbar. Ministerinnen und Minister räumen offen ein, dass es keine klaren Antworten gibt. Vorschläge wie ein schrittweiser Aufbau israelischer Kontrolle oder begrenzte Siedlungsblöcke mögen ehrlicher sein als bloße Parolen. Aber Ehrlichkeit ersetzt keine Strategie. Eine Doktrin muss mehr leisten. Sie muss erklären, woher Legitimität kommt, wie Sicherheit dauerhaft gewährleistet wird und wie verhindert werden soll, dass eine militärische Kontrolle in endloser Besatzung erstarrt.

Auch technokratische Modelle sind keine neutralen Lösungen. Wer entscheidet, wer die Technokraten auswählt und finanziert, bestimmt die politische Richtung. Wenn Türkei und Katar diese Rolle übernehmen, ist der Machtkampf bereits entschieden, bevor er offen geführt wird.

Hier zeigt sich das Grundmuster der vergangenen Jahre. Aufschieben statt entscheiden. Widersprüche managen statt klären. Diese Methode hat Benjamin Netanyahu lange Zeit politisch getragen. Der 7. Oktober hat gezeigt, wie zerbrechlich dieses Modell ist, wenn es zusammenbricht.

Die Zukunft Gazas wird nicht durch Reden entschieden, sondern durch exekutierbare Politik. Wer Verantwortung übernehmen will, muss sie definieren. Schritt für Schritt, mit allen unangenehmen Details. Ohne das wird jede internationale Initiative, so problematisch sie auch sein mag, attraktiver wirken als das Nichts.

Man kann sich nicht über türkischen Einfluss in Gaza empören, wenn man selbst nicht sagt, was stattdessen dort gelten soll. Moralische Klarheit ohne operative Disziplin bleibt folgenlos.

Israel verfügt über Rückhalt in der Bevölkerung. Über eine klare sicherheitspolitische Begründung. Über das berechtigte Ziel, dass Gaza niemals wieder Ausgangspunkt eines existenziellen Angriffs sein darf. Was fehlt, ist der Wille, diese Ziele in eine belastbare Ordnung zu übersetzen.

Solange das ausbleibt, wird der Tag danach weiterhin von außen gestaltet. Ausschuss für Ausschuss. Plan für Plan. Und Israel wird reagieren, statt zu führen.


Autor: Redaktion
Bild Quelle: By Jaber Jehad Badwan - Jaber Jehad Badwan, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=159486769


Montag, 19 Januar 2026

haOlam via paypal unterstützen


Hinweis: Sie benötigen kein PayPal-Konto. Klicken Sie im nächsten Schritt einfach auf „Mit Debit- oder Kreditkarte zahlen“, um per Lastschrift oder Kreditkarte zu unterstützen.
empfohlene Artikel
weitere Artikel von: Redaktion
Newsletter


meistgelesene Artikel der letzten 7 Tage