Israels Abwehr ist stark aber nicht unerschöpflichIsraels Abwehr ist stark aber nicht unerschöpflich
Dass Donald Trump einen Angriff auf Iran auf Eis legte, hat in Israel für Unruhe gesorgt. Nicht wegen amerikanischer Zurückhaltung sondern weil plötzlich sichtbar wurde, wo Israels Verteidigung trotz aller technologischen Stärke an Grenzen stößt.
Die Meldung traf Israels Sicherheitsestablishment ins Mark: US-Präsident Donald Trump hat einen möglichen Militärschlag gegen das iranische Regime vorerst gestoppt. Nicht aus Rücksicht auf Teheran, nicht aus Angst vor Eskalation sondern auf Bitten des israelischen Premierministers Benjamin Netanyahu.
Damit wurde etwas offengelegt, das bislang hinter Durchhalteparolen verborgen war: Israels Luftverteidigung ist technologisch überragend aber sie hat ein strukturelles Problem. Es heißt Menge.
Nicht die Qualität, sondern die Zahl entscheidet
Israel hat in den Jahren 2024 und 2025 bewiesen, dass sein mehrschichtiges Abwehrsystem zu den besten der Welt gehört. Rund 800 iranische ballistische Raketen wurden abgefangen, hinzu kamen hunderte Geschosse aus dem Jemen und aus dem Libanon. Die iranischen Abschussrampen wurden gezielt zerstört, der Raketenbestand fast halbiert.
Und doch: Genau diese Erfolge haben einen Preis. Jeder Abfangflugkörper kostet Millionen. Allein im Juni 2025 verschlangen israelische und amerikanische Abwehrmaßnahmen Schätzungen zufolge bis zu 1,6 Milliarden Dollar. Systeme wie Iron Dome oder David’s Sling sind für Drohnen und Kurzstreckenraketen gedacht gegen ballistische Langstreckenraketen bleibt praktisch nur ein Mittel: Arrow.
Hier liegt der Engpass.
Ein Verteidigungssystem kann leer werden
Israel kann sich nicht leisten, mehrere massive Raketenwellen hintereinander abzuwehren, ohne Zeit für Nachschub zu gewinnen. Genau das scheint Netanyahus Sorge gewesen zu sein. Nicht, dass Iran technologisch überlegen wäre sondern dass selbst ein geschwächter Gegner durch schiere Masse Schaden anrichten könnte.
Hinzu kommt: Die USA hätten dieses Mal wohl weniger eigene Abwehrkapazitäten in die Region verlegt als bei früheren Eskalationen. Israel wäre bei einer iranischen Vergeltung stärker auf sich allein gestellt gewesen.
Das erklärt, warum hinter verschlossenen Türen eine andere Sprache gesprochen wurde als vor Kameras.
Abschreckung funktioniert nur, wenn sie glaubwürdig bleibt
Iran hatte vor dem letzten Krieg rund 2.500 ballistische Raketen. Teheran arbeitete an einer Produktionsrate von bis zu 300 Raketen pro Monat. Auch nach schweren Verlusten ist klar: Dieses Arsenal lässt sich wieder aufbauen.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Israel Raketen abfangen kann. Sondern: Wie lange und wie oft hintereinander?
Wenn Jerusalem schon jetzt zögert, obwohl Irans Bestand deutlich reduziert ist, was passiert, wenn Teheran wieder auf Vorkriegsniveau ist oder darüber hinaus?
Transparenz als strategische Schwäche
Besonders heikel ist die politische Dimension. Seit dem Iran-Krieg 2025 betonten Militärsprecher immer wieder, Israel sei „auf jedes Szenario vorbereitet“. Netanyahus Intervention in Washington hat diese Rhetorik durchbrochen.
Nicht aus Schwäche, sondern aus Verantwortung doch der Effekt bleibt derselbe: Abschreckung lebt von Glaubwürdigkeit. Und Glaubwürdigkeit leidet, wenn zwischen öffentlicher Darstellung und interner Einschätzung eine Lücke klafft.
Die Lehre aus dem Moment
Israel braucht keine neuen Wunderwaffen. Es braucht Tiefe: Produktionskapazitäten, Nachschub, internationale Kooperation - und ehrliche strategische Kommunikation.
Denn die eigentliche Gefahr liegt nicht darin, dass Israels Verteidigung versagt. Sondern darin, dass Gegner glauben könnten, sie sei irgendwann erschöpfbar.
Und genau diesen Eindruck darf Jerusalem niemals entstehen lassen.
Autor: Redaktion
Bild Quelle: By Administration for the Development of Weapons and Technological Infrastructure and Ministry of Defense, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=170463799
Montag, 19 Januar 2026