Israel schaut auf Iran und verliert in Gaza die strategische KontrolleIsrael schaut auf Iran und verliert in Gaza die strategische Kontrolle
Während Teheran innerlich ausblutet und das Regime so schwach ist wie seit Jahren nicht mehr, richtet Israel seinen Blick weiter nach Osten. In Gaza jedoch entsteht unbemerkt eine neue Realität, in der Ankara und Doha das Machtvakuum füllen mit Folgen, die Israels Sicherheit langfristig schwerer treffen könnten als jede iranische Rakete.
Die Fixierung auf den Iran gehört seit Jahren zum strategischen Grundrauschen in Jerusalem. Kaum ein sicherheitspolitisches Thema bindet mehr Aufmerksamkeit, kaum eines erzeugt mehr politische Dynamik. Doch genau diese Fixierung droht Israel derzeit den Blick auf ein anderes, unmittelbares Problem zu verstellen. Während der Iran durch wirtschaftlichen Niedergang, innere Repression und gesellschaftliche Erschöpfung geschwächt ist, formiert sich in Gaza ein Machtgefüge, das Israels Handlungsspielraum massiv einschränken könnte.
Der iranische Staat befindet sich in einer Phase tiefer Instabilität. Proteste, wirtschaftlicher Druck, internationale Isolation und ein zunehmend brutales Vorgehen der Sicherheitskräfte zehren am Fundament des Regimes. Selbst Drohkulissen aus Washington und Jerusalem entfalten in dieser Lage weniger Wirkung als der innere Zerfall. Eine militärische Intervention von außen würde dem Regime derzeit eher helfen als schaden, weil sie ihm die ersehnte äußere Bedrohung liefern würde, mit der es interne Repression legitimieren kann. Strategisch betrachtet ist Abwarten hier kein Zeichen von Schwäche, sondern von Nüchternheit.
Ganz anders stellt sich die Lage in Gaza dar. Dort hat Israel über Monate hinweg darauf verzichtet, eine klare politische Anschlussstrategie zu formulieren. Dieser Verzicht hat ein Vakuum geschaffen und politische Vakuums bleiben im Nahen Osten niemals leer. An die Stelle einer von Israel mitgestalteten Ordnung treten nun Akteure, deren Interessen sich fundamental von den israelischen unterscheiden.
Im Zentrum dieser Entwicklung stehen Türkei und Katar. Beide Staaten drängen zunehmend in eine gestaltende Rolle für Gaza. Während Ägypten lange als unverzichtbarer Vermittler galt, droht es nun an Einfluss zu verlieren. Ankara hingegen präsentiert sich als ordnende Kraft, politisch, sicherheitlich und ideologisch. Für Israel ist das ein alarmierendes Szenario.
Die Türkei unter Präsident Recep Tayyip Erdogan verfolgt eine klare Agenda. Sie sieht sich als Schutzmacht islamistischer Bewegungen und hat ideologisch wie praktisch enge Verbindungen zu Strukturen, die der Muslimbruderschaft nahestehen. Eine türkische Rolle in Gaza würde daher nicht auf Entmilitarisierung im israelischen Sinne hinauslaufen, sondern auf die Etablierung einer neuen, international legitimierten Ordnung, die Hamas zwar formal ersetzt, inhaltlich jedoch radikal-islamistisch geprägt bleibt.
Hinzu kommt Katar, das seit Jahren als Finanzier und politischer Rückhalt islamistischer Akteure auftritt. Eine türkisch-katarische Achse in Gaza würde Israel vor eine neue Realität stellen: eine international eingebettete Verwaltung, abgesichert durch ausländische Präsenz, politisch schwer angreifbar und sicherheitlich kaum kontrollierbar. Jede israelische Operation würde in diesem Kontext sofort internationale Eskalationen nach sich ziehen.
Währenddessen richtet sich der politische Diskurs in Israel weiterhin auf den Iran. Dabei ist die Bedrohung aus Teheran derzeit eher strukturell als akut. Gaza hingegen ist konkret, greifbar und politisch formbar noch. Doch dieses Zeitfenster schließt sich. Je länger Israel zögert, desto tiefer verankern sich neue Machtstrukturen, die später kaum noch zu korrigieren sein werden.
Auch die Rolle der Vereinigten Staaten ist ambivalent. Präsident Donald Trump agiert taktisch, opportunistisch, mit Blick auf kurzfristige Erfolge und innenpolitische Wirkung. Eine klare langfristige Vision für Gaza ist aus Washington bislang nicht erkennbar. Das eröffnet regionalen Akteuren zusätzlichen Spielraum, den sie entschlossen nutzen.
Der eigentliche strategische Fehler liegt daher nicht in der Zurückhaltung gegenüber dem Iran, sondern im Versäumnis, Gaza politisch zu gestalten. Militärische Erfolge ohne politische Anschlussfähigkeit verlieren schnell ihre Wirkung. Eine Situation, in der Israel militärisch dominiert, politisch aber marginalisiert ist, stellt keinen Sieg dar.
Sollte sich in Gaza eine von der Türkei dominierte Ordnung etablieren, wäre das Ergebnis eine paradoxe Lage. Hamas wäre formal entmachtet, faktisch jedoch durch ideologisch verwandte Strukturen ersetzt. Israel hätte es nicht mehr mit einer isolierten Terrororganisation zu tun, sondern mit einem international eingebetteten System, dessen Rückhalt bis in NATO-Staaten reicht.
Der Iran bleibt ein Gegner, aber derzeit ein geschwächter. Gaza hingegen droht, zum strategischen Stolperstein zu werden nicht durch Raketen, sondern durch Diplomatie, internationale Präsenz und politische Fakten. Wer diese Entwicklung unterschätzt, riskiert, einen langfristigen Verlust zu erleiden, der sich später kaum noch korrigieren lässt.
Autor: Redaktion
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Montag, 19 Januar 2026