Syrien übernimmt Al-Hol: Das gefährlichste IS-Lager fällt an den Staat zurückSyrien übernimmt Al-Hol: Das gefährlichste IS-Lager fällt an den Staat zurück
Nach dem Abzug der kurdischen SDF-Kräfte übernimmt die syrische Regierung das berüchtigte Lager Al-Hol. Zehntausende Angehörige des IS, darunter radikalisierte Frauen und Kinder, geraten damit in die Hände eines Staates, der vor einer explosiven sicherheitspolitischen Aufgabe steht.
Der Name Al-Hol steht seit Jahren für ein ungelöstes Trauma des Nahen Ostens. Für ein Lager, das nie nur humanitäre Unterkunft war, sondern längst zu einem ideologischen Brutkasten des sogenannten Islamischen Staates geworden ist. Mit dem Rückzug der Syrischen Demokratischen Kräfte und der anschließenden Übernahme durch die syrische Regierung beginnt nun eine neue Phase, deren Ausgang kaum jemand ernsthaft vorhersehen kann.
Nach Angaben aus syrischen Sicherheitskreisen zogen sich die bislang für den Schutz zuständigen SDF-Einheiten vollständig aus dem Lager zurück. Der Abzug führte offenbar zu unkontrollierten Bewegungen innerhalb des Camps und zur Freilassung einzelner Insassen. Die syrische Armeeführung reagierte umgehend und entsandte Einheiten des Verteidigungsministeriums, um die Kontrolle zu übernehmen. Seitdem steht Al-Hol offiziell unter staatlicher Aufsicht.
Das Lager liegt im Osten der Provinz Hasakah, nur wenige Kilometer von der irakischen Grenze entfernt. Seine geografische Lage allein macht es zu einem sicherheitspolitischen Brennpunkt. Auf einer Fläche von rund drei Quadratkilometern leben dort derzeit etwa siebenunddreißigtausend Menschen, überwiegend aus Syrien und dem Irak. Hinzu kommen rund sechseinhalbtausend ausländische Staatsangehörige aus zweiundvierzig Ländern, darunter zahlreiche Europäerinnen und Europäer.
Al-Hol wurde ursprünglich Anfang der neunziger Jahre für irakische Flüchtlinge eingerichtet, später geschlossen und nach dem Irakkrieg erneut genutzt. Seine heutige Bedeutung erhielt das Lager jedoch erst nach dem militärischen Zusammenbruch des IS. Ab 2019 explodierte die Zahl der Bewohner innerhalb weniger Monate auf mehr als siebzigtausend. Vor allem Frauen und Kinder von IS Kämpfern wurden dorthin gebracht, oft ohne Perspektive, ohne rechtlichen Status und ohne langfristigen Plan.
Bis zuletzt war das Lager organisatorisch der autonomen Verwaltung im Nordosten Syriens unterstellt. Die zivile Verwaltung kümmerte sich um Versorgung und Koordination mit internationalen Hilfsorganisationen, während die SDF für Sicherheit verantwortlich waren. Dieses fragile Gleichgewicht ist nun zusammengebrochen.
Die syrische Regierung wirft den SDF vor, das Lager jahrelang als politisches Druckmittel benutzt zu haben. Nun spricht Damaskus davon, staatliche Souveränität wiederherzustellen und illegale Aktivitäten zu unterbinden. Sicherheitsquellen erklären, die Lage sei unter Kontrolle. Doch allein die Vergangenheit des Lagers widerspricht dieser Beruhigung.
Al-Hol gilt als einer der gefährlichsten Orte im gesamten syrischen Konfliktgebiet. Innerhalb des Camps kam es über Jahre zu Morden, internen Hinrichtungen, Einschüchterung und dem systematischen Aufbau von Schläferzellen. Besonders der Bereich, in dem ausländische IS Frauen mit ihren Kindern untergebracht sind, entwickelte sich zu einem abgeschotteten Parallelraum. Dort herrschten islamistische Regeln, Verschleierungspflicht und ideologische Kontrolle. Wer sich widersetzte, wurde bedroht oder getötet.
Kinder wachsen dort ohne Schulbildung auf, ohne stabile Identität, ohne offizielle Dokumente. Viele kennen kein anderes Leben als das Lager. Internationale Organisationen warnten immer wieder davor, dass hier eine neue Generation extremistischer Ideologie heranwächst. Diese Warnungen verhallten weitgehend folgenlos.
Die humanitären Zustände sind seit Jahren katastrophal. Überfüllung, mangelnde medizinische Versorgung, fehlendes sauberes Wasser und chronische Unterernährung prägen den Alltag. Bereits 2020 starben innerhalb weniger Tage mehrere Kleinkinder an vermeidbaren Krankheiten. Die strukturellen Probleme wurden nie gelöst, sondern lediglich verwaltet.
Gleichzeitig blieb das Lager eine reale Sicherheitsbedrohung. Immer wieder gelang es IS Zellen, Verbindungen nach außen aufzubauen. Im Frühjahr 2025 führten Sicherheitsoperationen zur Festnahme mehrerer mutmaßlicher Extremisten und zur Sicherstellung von Waffen und Sprengmaterial. Dennoch zeigte sich wenig später, wie durchlässig das System geblieben war.
Im Juni 2025 wurde ein schwerer Anschlag auf eine Kirche in Damaskus verübt. Fünfundzwanzig Menschen wurden getötet, Dutzende verletzt. Die Ermittlungen ergaben, dass sowohl der Selbstmordattentäter als auch ein weiterer Komplize aus Al-Hol stammten. Sie hatten das Lager über die syrische Wüste verlassen und wurden von einem führenden IS Funktionär unterstützt. Damit wurde unmissverständlich klar, dass Al-Hol nicht nur ein humanitäres Problem ist, sondern ein aktiver Ausgangspunkt für Terror.
Vor diesem Hintergrund hatte es bereits 2025 Gespräche zwischen der autonomen Verwaltung, der syrischen Regierung und internationalen Akteuren gegeben. Ziel war eine schrittweise Räumung syrischer Staatsbürger und eine langfristige Lösung der Lagerfrage. Auch der internationale Druck nahm zu, da eine Lösung dieser Camps als Voraussetzung für mögliche Lockerungen von Sanktionen gilt.
Doch die Spannungen zwischen Damaskus und den kurdischen Kräften eskalierten erneut. Anfang 2026 warf die syrische Regierung den SDF vor, bestehende Vereinbarungen verletzt zu haben. Darauf folgte eine militärische Offensive in der Region Dschasira und im Umfeld von Al-Hol. Parallel begannen Gespräche mit der internationalen Koalition, um einen chaotischen Machtwechsel zu verhindern.
Am Ende zogen sich die SDF zurück. Sie begründeten diesen Schritt mit steigenden Sicherheitsrisiken und warfen der internationalen Gemeinschaft Untätigkeit vor. Gleichzeitig kam es zu Gefechten mit der syrischen Armee, was die Fragilität der gesamten Übergangsphase unterstrich.
Mit der Übernahme durch den syrischen Staat steht Al-Hol nun an einem gefährlichen Wendepunkt. Der Staat übernimmt Verantwortung für ein Lager, das jahrelang außerhalb effektiver Kontrolle existierte. Die Frage ist nicht, ob Probleme auftreten werden, sondern wie schnell und in welcher Form.
Denn Al-Hol ist kein normales Flüchtlingslager. Es ist ein Ort, an dem Ideologie, Trauma, Gewalt und Hoffnungslosigkeit ineinander übergehen. Ein Ort, an dem Kinder zu Trägern eines Konflikts geworden sind, den sie nie gewählt haben. Und ein Ort, an dem jede sicherheitspolitische Fehlentscheidung unmittelbare Folgen für Syrien, für die Region und darüber hinaus haben kann.
Ob der syrische Staat in der Lage ist, diese Herausforderung zu bewältigen, bleibt offen. Klar ist nur eines: Die Zeit der Übergangslösungen ist vorbei. Al-Hol ist zurück im Zentrum der Realität und diese Realität ist gefährlich.
Autor: Redaktion
Bild Quelle: By Y. Boechat (VOA) - Syria Camp Housing Hardcore IS Families Spiraling "Out of Control", Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=83344188
Donnerstag, 22 Januar 2026