Kultur unter Kuratel: Wie Miki Zohar die israelische Kreativszene systematisch unter Druck setztKultur unter Kuratel: Wie Miki Zohar die israelische Kreativszene systematisch unter Druck setzt
Kürzungen, Drohungen, Loyalitätstests. Innerhalb weniger Monate hat der Kulturminister eine Politik etabliert, die nicht reformiert, sondern diszipliniert. Es geht längst nicht mehr um einzelne Preise, sondern um die Frage, wie frei israelische Kunst künftig noch sein darf.
Seit der Auszeichnung des Films „Das Meer“ mit dem Ophir Preis hat sich das Verhältnis zwischen Politik und Kultur in Israel grundlegend verschoben. Nicht schleichend, sondern spürbar und zielgerichtet. Innerhalb von vier Monaten hat Kulturminister Miki Zohar eine Reihe von Maßnahmen ergriffen, die zusammengenommen ein klares Muster erkennen lassen. Staatliche Kulturförderung wird nicht mehr als Schutzraum verstanden, sondern als Hebel. Wer gefördert wird, soll sich fügen. Wer widerspricht, verliert Sichtbarkeit und Geld.
Der jüngste Schritt ist die Streichung von Dutzenden staatlicher Kulturpreise, die das Ministerium über Jahre hinweg vergeben hat. Offiziell heißt es, Kultur dürfe nicht nur einem politischen Lager gehören. Doch diese Begründung trägt nicht. Denn die neue Praxis ersetzt keine angebliche Schieflage, sie schafft eine neue. Kunst wird nicht pluraler, sondern berechenbarer.
Der Film als Auslöser
Der Konflikt eskalierte rund um den Ophir Preis, das zentrale Ereignis des israelischen Filmschaffens. Der ausgezeichnete Film erzählt die Geschichte eines palästinensischen Jungen aus der Region Ramallah, der erstmals das Meer sehen will. Zohar erklärte später, er habe nur Ausschnitte gesehen. Dennoch reichte das aus, um die staatliche Finanzierung der Preisverleihung zu stoppen.
Stattdessen initiierte der Minister einen regierungsnahen Alternativpreis. Mit 100.000 Schekel Preisgeld pro Auszeichnung, umgerechnet rund 25.000 Euro, wurde ein starkes Signal gesetzt. Anerkennung gibt es künftig nicht mehr allein für Qualität, sondern für politische Anschlussfähigkeit. Wer nicht passt, fällt aus dem Raster.
Als zahlreiche Filmschaffende den neuen Staatspreis boykottierten, folgte die nächste Eskalation. Zohar drohte offen mit der Abschaffung des Filmgesetzes, das der Branche jährlich rund 130 Millionen Schekel, etwa 32 bis 33 Millionen Euro, sichert. Zusätzlich kündigte er an, ab 2027 die öffentliche Unterstützung für Berufsverbände von Film und Fernsehen zu beenden. Die Begründung war scharf formuliert. Der Staat lasse sich nicht von einer kleinen Gruppe unter Druck setzen.
In der Branche wurde diese Ankündigung als das verstanden, was sie war. Eine Machtdemonstration.
Einschüchterung statt Reform
Die kurzfristige Einigung, vermittelt durch den Produzenten Moshe Edri, änderte an der Grundrichtung wenig. Zwar fand der staatliche Filmpreis schließlich statt, doch nur unter der Zusicherung, dass vorerst keine unmittelbaren Budgetkürzungen erfolgen. Die Drohung blieb im Raum.
Die Veranstaltung in Jerusalem wirkte entsprechend angespannt. Vor dem Eingang protestierten Studierende und junge Filmschaffende, die um ihre berufliche Zukunft fürchten. Im Saal saßen Künstler, die zwischen Überzeugung und Existenzsicherung abwägen mussten. Der Minister hatte erreicht, was er wollte. Die Branche war gespalten, verunsichert und mit sich selbst beschäftigt.
Das informelle Kontrollnetz
Dass diese Politik so präzise greift, liegt auch an einem externen Netzwerk. Der rechte Aktivist Shi Glick, Leiter der Organisation B’Tsalmo, fungiert faktisch als informeller Meldeapparat. Er dokumentiert missliebige Veranstaltungen, meldet sie an das Ministerium, organisiert digitale Kampagnen und stört akademische oder kulturelle Veranstaltungen durch koordinierte Ticketblockaden.
Ein Beispiel ist das Festival „Solidarität“, bei dem eine Veranstaltung unter dem Titel „Unser Genozid“ stattfand. Zohar reagierte umgehend und forderte den Entzug staatlicher Mittel. Ähnliche Interventionen gab es bereits im Jahr zuvor. Der Vorwurf lautet stets gleich. Die Kunst schade dem Staat und diffamiere die Armee.
Die leise Streichung
Besonders bezeichnend ist, wie die jüngsten Kürzungen umgesetzt wurden. Ohne große Ankündigung wurde der traditionsreiche Debora Omer Preis für Kinder und Jugendliteratur gestrichen. Sein Gesamtvolumen betrug 100.000 Schekel, rund 25.000 Euro, verteilt auf fünf Kategorien. Kurz darauf folgte die Absage von Dutzenden weiterer Preise in Literatur, Musik, Tanz und bildender Kunst.
Insgesamt handelt es sich um etwa fünf Millionen Schekel, rund 1,25 Millionen Euro. Kein Betrag, der einen Staatshaushalt entlastet. Aber ein Einschnitt mit erheblicher symbolischer Wirkung.
Zunächst sprach das Ministerium von Sparzwängen. Wenig später stellte Zohar klar, worum es ihm geht. Über Jahre seien Preise an Künstler vergeben worden, deren Weltbild nicht dem entspreche, was die Mehrheit der Bevölkerung denke. Deshalb müsse das System neu aufgestellt werden.
Damit wird eine rote Linie überschritten. Kunst soll nicht mehr autonom sein, sondern repräsentativ im Sinne der Macht. Nicht mehr kritisch, sondern ausgewogen nach politischen Maßstäben.
Ermüdung als Strategie
Nach anfänglicher Empörung ist es ruhiger geworden. Offene Briefe, Proteste, Warnungen. Vieles ist verhallt. Der gesellschaftliche Dauerstress, neue sicherheitspolitische Spannungen, die allgemeine Erschöpfung. All das arbeitet der Regierung in die Hände. Ohne öffentlichen Druck werden Maßnahmen zur Normalität.
Doch es gibt auch Gegenbewegungen. Eine neue Literaturauszeichnung, initiiert von der Berel Katznelson Stiftung, setzt bewusst auf politische, unbequeme Texte. Nicht neutral, nicht angepasst. Ein kleines Projekt, getragen von wenigen, aber ein klares Zeichen, dass nicht alle bereit sind, sich fügen zu lassen.
Mehr als Kulturpolitik
Die Stellungnahme des Ministeriums spricht von Effizienz, Reformen und Gerechtigkeit. Kritiker sehen darin etwas anderes. Eine kulturelle Gleichschaltung, die Teil eines größeren politischen Projekts ist. Wer Kultur kontrolliert, kontrolliert Narrative. Wer Narrative kontrolliert, beeinflusst Identität.
Israels Kultur war nie gefällig. Sie war streitbar, widersprüchlich, provokant. Genau das machte sie stark. Wer sie nun an Loyalität, Gefolgschaft und politische Nützlichkeit bindet, riskiert nicht nur einzelne Preise oder Budgets. Er riskiert die Grundlage einer offenen Gesellschaft.
Autor: Samuel Benning
Bild Quelle: By צילום: אורן כהן - מיקי זוהר, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=97427770
Samstag, 24 Januar 2026