Israelische Forschung trotzt Raketen und entdeckt Zellen, die dem Tod widerstehenIsraelische Forschung trotzt Raketen und entdeckt Zellen, die dem Tod widerstehen
Während iranische Raketen ein israelisches Spitzenforschungsinstitut verwüsten, retten Wissenschaftler ihre Experimente aus den Trümmern. Was sie entdecken, könnte erklären, warum Krebs immer wieder zurückkehrt und wie Heilung künftig möglich wird.
Es ist eine Geschichte, die gleichermaßen von wissenschaftlicher Beharrlichkeit, israelischer Realität und einem möglichen medizinischen Durchbruch erzählt. Während im Sommer iranische Raketen auf Israel niedergehen, steht am Weizmann-Institut in Rechovot nicht nur ein Gebäude in Flammen, sondern auch jahrelange Forschung kurz vor der Vernichtung. Doch ausgerechnet inmitten dieses Chaos gelingt einer israelischen Forschergruppe etwas, woran die internationale Wissenschaft seit Jahrzehnten scheitert.
Sie finden Zellen, die sich weigern zu sterben.
Nicht im übertragenen Sinn. Sondern biologisch.
Seit Jahren versuchen Forscher weltweit zu verstehen, warum bestimmte Zellen bei Bestrahlung sofort absterben, während andere überleben, sich vermehren und beschädigtes Gewebe neu aufbauen. Genau dieses Verhalten gilt als eines der größten Rätsel der Krebsmedizin. Tumore schrumpfen nach Therapie, nur um später aggressiver zurückzukehren. Die Ursache blieb unklar.
Am Weizmann-Institut ist dieses Rätsel nun erstmals greifbar geworden.
Unter Leitung von Professor Eli Arama und der Molekulargenetikerin Dr. Tslil Braun identifizierte das Team zwei bislang unbekannte Zelltypen in Fruchtfliegen, die selbst massiver Strahlung standhalten. Diese Zellen überleben nicht nur, sie aktivieren anschließend gezielte Regenerationsprozesse und treiben den Wiederaufbau geschädigter Gewebe voran.
Die Entdeckung gilt in Fachkreisen als außergewöhnlich.
Die Forscher gaben den Zellen Namen, die inzwischen internationale Aufmerksamkeit erregen. DARE und NARE. Zwei Zelltypen, zwei Strategien, ein gemeinsames Merkmal. Sie lassen sich vom Tod nicht vollstrecken.
DARE Zellen starten zwar den programmierten Zelltod, brechen ihn jedoch kurz vor dem endgültigen Ende ab. NARE Zellen beginnen diesen Prozess gar nicht erst. Beide überleben dort, wo andere Zellen unweigerlich zerfallen.
Genau dieser Mechanismus könnte erklären, warum bestimmte Krebszellen Chemotherapie und Bestrahlung überstehen und später erneut wuchern.
Die Erkenntnis ist noch jung, doch ihr Potenzial enorm. Denn erstmals konnten Wissenschaftler diese Zellen nicht nur beobachten, sondern gezielt markieren, verfolgen und analysieren.
Doch fast wäre diese Forschung nie veröffentlicht worden.
Am 15. Juni, zwei Tage nach Beginn des zwölftägigen Krieges mit Iran, schlug eine ballistische Rakete auf dem Campus des Weizmann-Instituts ein. Ein benachbartes Gebäude wurde zerstört, Fenster barsten, Wasserfluten ergossen sich durch Labore, Geräte wurden unbrauchbar.
Rund 45 Labore wurden beschädigt, manche vollständig ausgelöscht. Lebenswerke von Forschern verschwanden innerhalb von Sekunden.
Auch das Labor von Professor Arama wurde schwer getroffen. Nicht direkt zerstört, aber unbenutzbar. In den Räumen lagerten Hunderte genetisch gezüchteter Fruchtfliegenlinien. Jede einzelne repräsentierte Monate präziser Arbeit. Sechs bis acht genetische Veränderungen pro Linie, gezielt entwickelt für diese eine Studie.
Ein Verlust hätte bedeutet, von vorne zu beginnen.
Unter Raketenalarm, mit der Angst vor weiteren Einschlägen, betraten die Forscher das beschädigte Labor. Dr. Braun nahm die empfindlichen Proben mit nach Hause. In den Schutzraum, in dem sie gemeinsam mit ihrer Familie während der Angriffe ausharrte.
Dort, zwischen Sirenen und Explosionen, wurden Fruchtfliegen weiter gepflegt, gefüttert und überwacht.
Israelische Wissenschaft in ihrer nüchternen Realität.
Niemand kam bei dem Angriff ums Leben. Doch der Schaden war immens. Die iranischen Raketen trafen gezielt einen Ort, der für medizinische Forschung von weltweiter Bedeutung ist. Das Institut gilt als eines der führenden Zentren für Krebs, Genetik und Zellbiologie.
Ironischerweise war es genau dieser Angriff, der der Geschichte später zusätzliche Aufmerksamkeit verlieh.
Denn während der Krieg tobte, arbeiteten die Forscher weiter. Und fanden Antworten.
In ihren Experimenten bestrahlten sie Fruchtfliegenlarven ähnlich wie menschliche Tumoren in der Krebstherapie. Sie öffneten die Tiere Stunden und Tage später und untersuchten mikroskopisch das Gewebe, aus dem sich später Flügel entwickeln.
Dabei zeigte sich etwas Unerwartetes. Obwohl große Teile des Gewebes zerstört wurden, wuchsen die Flügel nahezu normal nach.
Der Schlüssel lag in den DARE und NARE Zellen.
Die Wissenschaft ging bisher davon aus, dass aktivierte Todesenzyme zwangsläufig zur Zerstörung einer Zelle führen. Doch genau diese Annahme widerlegt die Studie. In DARE Zellen wird der Todesprozess zwar gestartet, aber durch ein spezielles Motorprotein blockiert, bevor er vollendet wird.
Diese Zellen leben weiter.
Und mehr noch. Sie senden Signale an benachbarte NARE Zellen, die daraufhin beginnen, sich massiv zu teilen und das beschädigte Gewebe neu aufzubauen.
Tod und Leben greifen ineinander.
Für die Krebsforschung ist das ein alarmierender, aber zugleich hoffnungsvoller Befund. Denn genau dieser Mechanismus könnte erklären, warum Therapien zwar viele Tumorzellen töten, aber wenige überlebende Zellen später aggressiver zurückkehren.
Gleichzeitig eröffnet er neue Perspektiven. Wenn es gelingt, das schützende Motorprotein gezielt zu blockieren, könnten Krebszellen künftig vollständig zerstört werden. Umgekehrt könnten dieselben Mechanismen genutzt werden, um gesunde Zellen schneller heilen zu lassen, etwa nach Operationen oder schweren Verletzungen.
Internationale Experten sprechen bereits von einem möglichen Wendepunkt.
Die Studie wurde in der Fachzeitschrift Nature Communications veröffentlicht und wird inzwischen weltweit rezipiert. Zwar handelt es sich bislang um Grundlagenforschung, doch der biologische Mechanismus gilt als evolutionär konserviert. Das bedeutet, ähnliche Prozesse existieren auch im menschlichen Körper.
Der Weg von der Fruchtfliege zum Menschen ist lang. Doch er ist erstmals sichtbar.
Dass diese Erkenntnis ausgerechnet in Israel gewonnen wurde, unter Raketenbeschuss, ist mehr als eine Randnotiz. Es zeigt, was Forschung in diesem Land bedeutet. Kein abgeschotteter Elfenbeinturm, sondern Arbeit unter realer Bedrohung.
Während Iran Wissenschaftler ins Visier nimmt, retten israelische Wissenschaftler Forschung, die Leben retten könnte.
Vielleicht wird man in zwanzig Jahren erzählen, wie Zellen entdeckt wurden, die dem Tod widerstehen, während draußen Raketen einschlugen. Und vielleicht wird man dann begreifen, dass wissenschaftlicher Fortschritt nicht trotz, sondern gerade wegen dieser Realität weiterging.
Nicht aus Pathos. Sondern aus Verantwortung.
Autor: Redaktion
Bild Quelle: By Acavish100 - Own work, CC0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=177492664
Samstag, 24 Januar 2026