Israels Politik ordnet sich neu nach dem 7. Oktober

Israels Politik ordnet sich neu nach dem 7. Oktober


Zwischen alten Allianzen und neuen Stimmen beginnt ein Machtkampf um die Zukunft des Landes. Die politische Bühne Israels steht vor einer Entscheidung, die weit über Parteien hinausgeht.

Israels Politik ordnet sich neu nach dem 7. Oktober

Während bekannte Namen erneut Bündnisse schmieden, drängen Menschen aus der tiefsten nationalen Wunde in die Politik. Der 7. Oktober wirkt nach und verändert, wer künftig Verantwortung tragen will.

Der politische Kalender Israels rückt unaufhaltsam in Richtung Neuwahlen. Doch was sich derzeit formt, ist mehr als das übliche Kräftemessen vor einem Urnengang. Das Land erlebt eine Phase der Neuordnung, in der sich zwei sehr unterschiedliche Bewegungen gegenüberstehen. Auf der einen Seite stehen altbekannte politische Akteure, die versuchen, mit neuen Bündnissen alte Mehrheiten zu ersetzen. Auf der anderen Seite treten erstmals Menschen ins politische Licht, deren Motivation nicht aus Karriereplänen entsteht, sondern aus Überleben, Verlust und einer tiefen Erschütterung des Vertrauens in staatliche Führung.

Im Zentrum der ersten Entwicklung steht Gadi Eisenkot. Der ehemalige Generalstabschef, der sich im vergangenen Jahr von Benny Gantz gelöst hat, lotet derzeit Gespräche mit Yair Lapid und Naftali Bennett aus. Ziel ist eine gemeinsame Liste, breit aufgestellt, ideologisch flexibel, rechnerisch stark genug, um den Likud zu überholen. Die Idee folgt einem vertrauten Muster der israelischen Politik. Große Zusammenschlüsse sollen Dynamik erzeugen, Wechselstimmung wecken und jene Stimmen bündeln, die sich vor allem durch eines definieren lassen, durch den Wunsch nach einem politischen Neuanfang ohne Benjamin Netanjahu.

Das Kalkül dahinter ist nüchtern. Eine solche Liste könnte gemeinsam mit Avigdor Lieberman und linken Parteien eine Mehrheit erreichen. Doch Erfahrung lehrt, dass politische Mathematik in Israel selten aufgeht. Frühere Zusammenschlüsse haben gezeigt, dass Wähler nicht automatisch addierbar sind. Rechte Wähler fühlen sich von linken Partnern abgestoßen, linke von konservativen Figuren verunsichert. Was als Stärke gedacht ist, kann schnell zur inneren Spannung werden.

Israel kennt diese Versuche seit Jahrzehnten. Manche waren erfolgreich, andere endeten mit Stimmenverlusten und Enttäuschung. Der aktuelle Vorstoß wirkt daher weniger wie ein Aufbruch, sondern eher wie ein erneutes Umstellen bekannter Möbel in einem Raum, den viele Bürger längst als ermüdend empfinden. Die Gesichter sind vertraut, die Argumente bekannt, die Versprechen ähnlich wie zuvor.

Eine neue Generation tritt vor

Doch parallel dazu geschieht etwas grundlegend anderes. Still, aber mit wachsender Wirkung, betreten Menschen die politische Bühne, die bislang nicht Teil des Systems waren. Ihr politisches Bewusstsein wurde nicht in Parteizentralen geprägt, sondern in Schutzräumen, auf Militärstützpunkten und an Gräbern.

Ein Name steht exemplarisch dafür. Yonatan Shamriz. Überlebender des Massakers vom 7. Oktober in Kfar Aza. Während Terroristen durch den Kibbuz zogen, verbarg er sich mit seiner schwangeren Frau und der kleinen Tochter im Schutzraum. Sein Bruder Alon wurde entführt und später bei einem tragischen Zwischenfall getötet. Seitdem ist Shamriz zu einer der eindringlichsten Stimmen der zivilen Bewegung geworden, die Aufklärung, Verantwortung und Erneuerung fordert.

Er gründete die Bewegung Kumu, organisierte unabhängige Gedenkzeremonien und initiierte Bildungsprogramme für zehntausende evakuierte Kinder. Nun hat er angekündigt, in die Politik zu gehen. Nicht aus Ehrgeiz, sondern aus Überzeugung, dass moralische Autorität allein nicht reicht, wenn Entscheidungen weiterhin hinter verschlossenen Türen getroffen werden.

Seine Botschaft trifft einen Nerv. Viele Israelis empfinden seit dem 7. Oktober, dass die politische Sprache des Landes ihre Glaubwürdigkeit verloren hat. Begriffe wie rechts und links wirken plötzlich klein angesichts eines Versagens, das Leben gekostet und das Sicherheitsgefühl eines ganzen Staates erschüttert hat.

Shamriz spricht offen aus, was viele denken. Dass nicht der Parteiname entscheidend sei, sondern Verantwortung. Dass ein politisches System, das eine solche Katastrophe nicht verhindert hat, sich nicht selbst genügen dürfe. Seine Worte sind direkt, manchmal hart, aber sie wirken echt. Vielleicht gerade deshalb zeigen Umfragen, dass eine von ihm geführte Liste den Einzug in die Knesset schaffen könnte.

Er ist nicht allein. Weitere Angehörige von Opfern und ehemaligen Geiseln prüfen politische Wege. Menschen wie Dedi Simhi, der seinen Sohn am 7. Oktober verlor. Eltern gefallener Soldaten. Angehörige Entführter, die in den vergangenen Monaten zu Symbolfiguren geworden sind. Einige suchen Anschluss an bestehende Parteien, andere denken über eigene politische Plattformen nach.

Bemerkenswert ist dabei, dass sich diese neue Gruppe nicht eindeutig einem Lager zuordnet. Kritik an Netanjahu schließt Gespräche mit dem Likud nicht grundsätzlich aus. Ideologische Schubladen verlieren an Bedeutung. Im Vordergrund steht das Gefühl, dass das Land nicht so weitermachen kann wie zuvor.

Diese Bewegung ist unbequem. Sie erinnert ständig daran, was geschehen ist. Sie zwingt Politik, sich nicht hinter taktischen Debatten zu verstecken. Ihr Antrieb ist kein Programm auf Papier, sondern eine offene Wunde im kollektiven Gedächtnis Israels.

Entscheidung über mehr als Macht

Damit steht Israel vor einer Richtungsfrage. Reicht es, alte Kräfte neu zu kombinieren, um Stabilität zu erzeugen. Oder ist das Land bereit, Menschen Verantwortung zu übertragen, die nicht gelernt haben, politische Konflikte zu verwalten, sondern gelernt haben, was staatliches Versagen bedeutet.

Die kommenden Wahlen werden deshalb nicht nur über Mehrheiten entscheiden. Sie werden darüber Auskunft geben, ob Israel den Mut hat, seine politische Kultur zu erneuern. Ob Erfahrung weiterhin höher bewertet wird als Glaubwürdigkeit. Und ob ein Land, das sich nach dem 7. Oktober selbst neu betrachten musste, auch bereit ist, neue Stimmen in den Raum zu lassen.

Die politische Landkarte Israels formt sich neu. Noch ist offen, welche Kräfte am Ende dominieren werden. Sicher ist nur eines. Der 7. Oktober wirkt weiter. Und er hat begonnen, Politik zu verändern.


Autor: Redaktion
Bild Quelle: By U.S. Embassy Jerusalem - DAZ_0725PS, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=131480374


Samstag, 24 Januar 2026

haOlam via paypal unterstützen


Hinweis: Sie benötigen kein PayPal-Konto. Klicken Sie im nächsten Schritt einfach auf „Mit Debit- oder Kreditkarte zahlen“, um per Lastschrift oder Kreditkarte zu unterstützen.
empfohlene Artikel
weitere Artikel von: Redaktion
Newsletter


meistgelesene Artikel der letzten 7 Tage