Gefälscht aus Hebron Milliardenindustrie direkt vor Israels HaustürGefälscht aus Hebron Milliardenindustrie direkt vor Israels Haustür
Turnschuhe, Jeans, Zigaretten und sogar Süßigkeiten mit Drogen. Eine gigantische Schattenwirtschaft wächst in Judäa und Samaria nahezu unbehelligt und flutet Israel mit gefälschten Waren.
In einem dreistöckigen Gebäude in Hebron stießen israelische Sicherheitskräfte vor wenigen Wochen auf ein Ausmaß krimineller Produktion, das selbst erfahrene Ermittler erschütterte. Fließbänder, Lagerhallen, Verpackungsräume. Hunderte gefälschte Schuhe in unterschiedlichen Produktionsstufen. Marken wie Adidas, Nike, Puma, Under Armour oder Reebok prangten auf Ware, die niemals von diesen Unternehmen hergestellt wurde.
Nach Erkenntnissen der Behörden wurden allein aus dieser Produktionsstätte monatlich tausende Schuhe nach Israel geschmuggelt. Der geschätzte Jahresumsatz belief sich auf mehrere Millionen Schekel, also auf mehrere hunderttausend Euro.
Doch dieser Fund war kein Ausnahmefall.
Hebron gilt seit Jahren als das Zentrum der Fälschungsindustrie in Judäa und Samaria. Von dort aus werden Waren systematisch über legale Übergänge in den israelischen Markt eingeschleust. Die Produktion läuft nahezu dauerhaft, oft in Wohnhäusern, Werkstätten oder versteckten Industriehallen.
Eine Parallelwirtschaft im Milliardenbereich
Was sich hier entwickelt hat, ist längst keine Randkriminalität mehr. Es handelt sich um eine voll ausgeprägte Schattenwirtschaft mit enormem finanziellen Volumen.
Bereits im Jahr 2020 schätzte der israelische Rechnungshof den jährlichen Steuerausfall durch Produktfälschungen auf rund 1,7 Milliarden Schekel, das entspricht etwa 460 Millionen Euro.
Heute gehen Experten davon aus, dass sich dieser Schaden dramatisch ausgeweitet hat. Nach aktuellen Berechnungen liegt der jährliche Verlust inzwischen bei fast 4 Milliarden Schekel, also rund 1,08 Milliarden Euro pro Jahr.
Dieses Geld fehlt nicht nur dem Staatshaushalt. Es landet in illegalen Netzwerken.
Geldströme zu Kriminalität und Terror
Sicherheitskreise warnen seit Langem, dass ein erheblicher Teil der Gewinne aus dem Fälschungsgeschäft direkt in organisierte Kriminalität und terroristische Strukturen fließt. Die Einnahmen finanzieren Waffen, Logistik, Schmuggelrouten und operative Aktivitäten.
Für viele Bewohner der palästinensischen Gebiete ist der legale Zugang zum israelischen Arbeitsmarkt stark eingeschränkt. Stattdessen entstehen in den eigenen Städten Produktionsnetzwerke, die mit minimalem Risiko enorme Gewinne abwerfen.
Die Rechnung ist simpel. Herstellungskosten im Centbereich, Verkaufspreise im zweistelligen Schekelbereich. Gewinnmargen von 70 bis 80 Prozent sind keine Ausnahme.
Hochprofessionelle Produktionsketten
Besonders ausgeklügelt ist der Textilsektor. Jeans, T-Shirts und Sportbekleidung werden häufig unmarkiert aus China importiert. Erst vor Ort werden Etiketten, Knöpfe, Nieten und Seriennummern angebracht.
Ein einzelnes Markenetikett kann dabei den Warenwert vervielfachen. Erst kürzlich wurde ein Mann am Allenby Übergang mit 1.000 gefälschten Hermes Labels aufgegriffen. Der materielle Wert der Etiketten selbst war gering, doch ihr Einsatz hätte tausende gefälschte Produkte ermöglicht.
Ein Paar solcher gefälschten Designer Sandalen kann später für 300 bis 500 Schekel, also 80 bis 135 Euro, verkauft werden.
Technologie beschleunigt die Fälschung
Künstliche Intelligenz hat das Geschäft zusätzlich revolutioniert. Designs, Verpackungen und Werbematerial lassen sich heute nahezu perfekt kopieren. Online entstehen innerhalb weniger Stunden professionell wirkende Verkaufsplattformen in mehreren Sprachen.
Diese Shops verschwinden oft nach wenigen Tagen wieder und tauchen unter neuem Namen erneut auf. Für Verbraucher ist kaum erkennbar, dass es sich um Fälschungen handelt.
Neben Kleidung sind inzwischen auch Medikamente, Kosmetika, Nahrungsergänzungsmittel, Autoersatzteile und sogar Flugtickets betroffen.
Zigaretten, Süßigkeiten und Drogen
Besonders alarmierend ist die Entwicklung im Bereich Konsumgüter. Nach Einschätzung von Experten besteht inzwischen rund die Hälfte aller illegalen Zigaretten in Israel aus Fälschungen.
Darunter befinden sich auch Marken, die offiziell gar nicht auf dem israelischen Markt zugelassen sind.
Noch gefährlicher sind jüngste Funde von gefälschten Gummibonbons mit Cannabiszusatz, die unter dem Namen international bekannter Süßwarenhersteller vertrieben wurden. Ob diese Produkte bereits in israelischen Geschäften verkauft wurden, ist bislang nicht abschließend geklärt.
Zollbehörden zerstörten zuletzt zudem große Lieferungen gefälschter Schokoladenprodukte.
Eine neue Gleichgültigkeit bei Konsumenten
Parallel dazu verändert sich die gesellschaftliche Wahrnehmung. Vor allem junge Menschen betrachten gefälschte Waren zunehmend als akzeptabel. Studien zeigen, dass mehr als die Hälfte der Generation Z den Kauf von Fälschungen moralisch nicht mehr problematisch findet.
Aussagen wie „Hauptsache es sieht echt aus“ sind längst Alltag.
In Israel ist der Besitz gefälschter Ware nicht strafbar, lediglich der Verkauf. Diese rechtliche Grauzone verstärkt die Normalisierung zusätzlich.
Die Gefahr reicht weit über wirtschaftliche Schäden hinaus. Gefälschte Medikamente können unbekannte Wirkstoffe enthalten. Kosmetika werden häufig mit giftigen Substanzen gestreckt. Sonnenbrillen ohne UV Schutz schädigen dauerhaft die Augen. Gefälschte Autoteile können tödlich sein.
Trotzdem bleibt die Strafverfolgung schwach. Sieben unterschiedliche Behörden teilen sich die Zuständigkeit. Spezialisierte Einheiten sind unterbesetzt, Verfahren verlaufen oft im Sande.
Währenddessen wächst das Geschäft weiter.
Autor: Redaktion
Bild Quelle: Security forces
Sonntag, 25 Januar 2026