Israels Gesellschaft zahlt einen hohen Preis seit dem 7. Oktober

Israels Gesellschaft zahlt einen hohen Preis seit dem 7. Oktober


Offizielle Statistiken belegen erstmals, wie stark der Krieg seit dem 7. Oktober das Leben in Israel erschüttert hat. Die Auswirkungen reichen weit über das Schlachtfeld hinaus und betreffen Gesundheit, Gesellschaft und Zukunft des Landes.

Israels Gesellschaft zahlt einen hohen Preis seit dem 7. Oktober

Der Krieg hinterlässt Spuren, lange nachdem die Schlagzeilen verschwunden sind. In Israel werden diese Spuren nun erstmals in voller Breite sichtbar. Ein aktueller Bericht der Zentralbehörde für Statistik zeichnet ein Bild, das nicht emotionalisiert, nicht dramatisiert, sondern schlicht dokumentiert, was der Alltag vieler Menschen geworden ist.

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Sie zeigen ein Land, das funktioniert, aber unter einer Belastung steht, wie sie seit Jahrzehnten nicht mehr gemessen wurde.

Zum ersten Mal seit vielen Jahren ist die durchschnittliche Lebenserwartung in Israel gesunken. Rechnet man die Gefallenen des Krieges mit ein, liegt sie bei 83,3 Jahren. Ohne sie wären es 83,8 gewesen. Dieser scheinbar kleine Unterschied steht statistisch für Tausende verlorene Lebensjahre.

Auch im Folgejahr blieb der Wert niedrig. Die Entwicklung ist kein kurzfristiger Ausschlag, sondern Ausdruck eines tiefen gesellschaftlichen Einschnitts.

Besonders deutlich wird dies bei der Zahl der Menschen mit anerkannten gesundheitlichen Einschränkungen. Innerhalb eines Jahres stieg sie um 13,5 Prozent auf rund 1,32 Millionen. Der größte Zuwachs entfällt auf Personen, die infolge von Kampfhandlungen oder Terror als Geschädigte registriert wurden. Ihre Zahl sprang von etwa 4.200 auf fast 30.000.

Diese Entwicklung betrifft vor allem junge Erwachsene. Viele von ihnen standen monatelang im Reservistendienst, wurden mehrfach eingezogen oder kehrten mit schweren psychischen Belastungen zurück. Die Zahl der als Veteranen anerkannten Menschen mit seelischen Verletzungen stieg um über 18 Prozent. Psychische Erkrankungen sind längst kein Randphänomen mehr, sondern eine zentrale gesellschaftliche Herausforderung.

Auch in der Zivilbevölkerung ist die Belastung messbar. Knapp 34 Prozent der Israelis gaben an, unter depressiven Symptomen zu leiden. Ein Jahr zuvor lag dieser Wert noch bei rund 25 Prozent. Gleichzeitig berichteten 68 Prozent von dauerhaftem Stress. Der Alltag ist für viele geprägt von Unsicherheit, Anspannung und permanenter Alarmbereitschaft.

Besonders stark betroffen sind Familien von Reservisten. Mehr als die Hälfte der Partnerinnen und Partner berichtete von einer deutlichen Verschlechterung des psychischen Zustands der Kinder. Ein Drittel der Familien geriet zusätzlich unter wirtschaftlichen Druck, weil Einkommen wegfielen oder Arbeitsplätze verloren gingen.

Die sozialen Folgen reichen weit über einzelne Haushalte hinaus.

Auch das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung hat sich spürbar verändert. Rund ein Drittel der Israelis äußerte Angst vor Terror in der eigenen Umgebung. In den Gemeinden nahe Gaza brach das subjektive Sicherheitsgefühl besonders stark ein. Dort sank der Wert von über 84 Prozent vor dem Krieg auf rund 65 Prozent.

Im Norden des Landes ist die Lage noch gravierender. Während sich Teile des Südens langsam stabilisieren, bleibt der Norden in einer anhaltenden Ausnahmesituation. Mehr als 63.000 Menschen leben weiterhin außerhalb ihrer Häuser. Der Wohnungsmarkt ist nahezu eingefroren, Bauprojekte liegen brach, wirtschaftliche Perspektiven fehlen.

Diese Unsicherheit wirkt sich auch auf Wanderungsbewegungen aus. Zwischen Herbst 2023 und Herbst 2024 verließen rund 80.000 Israelis das Land. Gleichzeitig kehrten deutlich weniger zurück als in früheren Jahren. Diese Entwicklung ist kein politisches Signal, sondern Ausdruck persönlicher Erschöpfung und fehlender Stabilität.

Auch wirtschaftlich ist der Einschnitt sichtbar. Der internationale Tourismus brach nahezu vollständig ein. Die Zahl ausländischer Besucher sank um fast 70 Prozent, Übernachtungen gingen um mehr als drei Viertel zurück. Hotels wurden zu Unterkünften für Evakuierte. Die Staatsausgaben stiegen erheblich, während Einnahmen zurückgingen. Die Schuldenquote erhöhte sich auf fast 66 Prozent der Wirtschaftsleistung.

Diese Zahlen zeigen kein Land am Rand des Zusammenbruchs. Israel funktioniert weiterhin. Verwaltung, Wirtschaft und Gesellschaft tragen die Belastung. Doch sie machen deutlich, dass der Preis des Krieges nicht nur in militärischen Begriffen gemessen werden kann.

Es geht um Gesundheit. Um Vertrauen. Um Zukunft.

Die Statistik ersetzt keine persönlichen Geschichten, aber sie bestätigt, was viele im Alltag längst spüren. Der Krieg ist nicht vorbei, wenn Waffen schweigen. Er bleibt präsent in Körpern, in Familien, in Entscheidungen und in der Frage, wie ein Land mit den Folgen lebt.

Israel steht vor der Herausforderung, nicht nur Sicherheit nach außen zu gewährleisten, sondern Stabilität nach innen wiederherzustellen. Das ist kein politischer Slogan, sondern eine gesellschaftliche Aufgabe, deren Ausmaß nun erstmals schwarz auf weiß sichtbar wird.


Autor: Redaktion
Bild Quelle: Screenshot


Montag, 26 Januar 2026

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