Phase zwei oder nächste Runde: Der gefährliche Irrtum beim Wiederaufbau des GazastreifensPhase zwei oder nächste Runde: Der gefährliche Irrtum beim Wiederaufbau des Gazastreifens
Die Öffnung des Grenzübergangs Rafah gilt vielen als Hoffnungssignal. Doch hinter dem Versprechen von Wiederaufbau verbirgt sich eine politische Falle, die Israel erneut in einen Krieg zwingen könnte.
Die geplante Öffnung des Grenzübergangs Rafah am kommenden Sonntag wird international als humanitärer Fortschritt gefeiert. Menschen sollen Gaza verlassen dürfen, andere zurückkehren. Studierende, getrennte Familien, Kranke. Gleichzeitig zeigt jede Umfrage ein anderes Bild: Hunderttausende Bewohner des Gazastreifens würden die Region gern verlassen, vorübergehend oder dauerhaft. Die Zahlen, die nun genannt werden, sind jedoch minimal. Einige Dutzend Einreisen, rund 150 Ausreisen pro Tag. Das lindert kein strukturelles Elend. Es erzeugt vor allem ein politisches Narrativ: den Übergang von der Krise zur sogenannten Phase zwei.
Genau hier beginnt das Problem.
Seit dem Waffenstillstand hat sich die Lage im Gazastreifen sichtbar verändert. Tausende Lastwagen mit Lebensmitteln und Medikamenten erreichen wöchentlich das Gebiet. Märkte sind gefüllt, das öffentliche Leben tastet sich zurück. International entsteht der Eindruck einer vorsichtigen Stabilisierung. Doch dieser Eindruck trügt. Denn während humanitäre Bilder Hoffnung erzeugen, bleiben die Machtverhältnisse nahezu unverändert.
Der Gazastreifen ist weitgehend zerstört. Der Großteil der Bevölkerung lebt auf engem Raum in provisorischen Unterkünften. Bildungs und Gesundheitsstrukturen existieren nur fragmentarisch. Wirtschaftliche Eliten haben das Gebiet während des Krieges verlassen. Investitionen fehlen. Selbst ambitionierte internationale Konzepte wie ein modellhaftes neues Rafah existieren bislang nur auf dem Papier. Milliardenhilfen werden in Aussicht gestellt, doch sie sind an Bedingungen geknüpft, deren Erfüllung kaum realistisch erscheint.
Der zentrale Grund dafür trägt einen Namen: Hamas.
Für die Terrororganisation ist das Ende der intensiven Kampfphase kein Zusammenbruch, sondern ein Wendepunkt. In ihrer eigenen Logik bedeutet die aktuelle Situation keinen Verlust, sondern den tiefsten Punkt, von dem aus Wachstum möglich ist. Diese Denkweise ist nicht neu. Bereits Anfang der 2000er Jahre hatte Israel große Teile der damaligen Führung ausgeschaltet. Nur wenige Jahre später war aus einer geschwächten Terrorzelle eine militärisch organisierte Struktur mit zehntausenden Kämpfern entstanden.
Heute verfolgt Hamas drei klare Ziele.
Erstens will sie politisch und gesellschaftlich überleben. Trotz massiver Zerstörung liegt ihre Unterstützung in Umfragen weiterhin über der der Palästinensischen Autonomiebehörde. Für viele Bewohner gilt sie weiterhin als dominanter Machtfaktor, nicht als besiegte Organisation.
Zweitens strebt sie die Öffnung des Gazastreifens für Wiederaufbaugelder an. Nicht aus humanitären Motiven, sondern um erneut Kontrolle über Geldflüsse, Hilfslieferungen und Ressourcen zu gewinnen. Genau das geschieht bereits heute mit internationalen Hilfsgütern.
Drittens lehnt Hamas jede echte Entwaffnung ab. Sie ist bereit zu symbolischen Gesten, zu taktischen Zugeständnissen, zur Übergabe einzelner Waffen oder Tunnel. Doch strategisch hält sie an ihrer militärischen Struktur fest. Ohne Waffen keine Kontrolle, ohne Kontrolle kein Zugriff auf Geld. Beides ist untrennbar miteinander verbunden.
Deshalb fordert Hamas bereits jetzt, tausende ihrer Kämpfer in künftige Sicherheitskräfte zu integrieren. Gleichzeitig rekrutiert sie neue Mitglieder, ernennt Kommandeure und stellt zerstörte Einheiten wieder her. Der Wiederaufbau wird so nicht zum Ende des Terrors, sondern zu seiner Finanzierung.
Die geplante Technokratenregierung, die international als Lösung präsentiert wird, ist dabei weitgehend machtlos. Ihre Vertreter können in Teilen des Gazastreifens nicht einmal sicher arbeiten. Wer für Sicherheit zuständig sein soll, meidet bewusst Gebiete unter Hamas Kontrolle. Das ist ein klares Signal. Die tatsächlichen Machthaber bleiben vor Ort, sichtbar oder unsichtbar.
Hamas ist bereit, zivile Verwaltungsstrukturen zu dulden, solange sie ihre reale Macht nicht infrage stellen. Genau dieses Modell streben auch ihre regionalen Unterstützer an. Katar und die Türkei werben offen für eine Ordnung, in der Hamas im Hintergrund regiert, während internationale Akteure den Wiederaufbau bezahlen.
Für Israel ergibt sich daraus eine bittere Realität.
Ein Wiederaufbau ohne vollständige Zerschlagung der Hamas Organisation würde zwangsläufig zur nächsten Eskalation führen. Nicht irgendwann, sondern planbar. Denn eine bewaffnete, finanzierte und organisatorisch intakte Terrorbewegung wird jede Phase der Ruhe nutzen, um sich neu aufzustellen.
Dabei reicht es nicht aus, Waffen einzusammeln. Solange soziale Netzwerke, ideologische Strukturen, lokale Verwaltungen und paramilitärische Verbände bestehen bleiben, existiert Hamas weiter. Entwaffnung ohne Entmachtung ist Illusion.
Die politische Lücke zwischen den Forderungen Israels und der Bereitschaft der Hamas ist tief und nicht überbrückbar. Während Jerusalem auf vollständige Entmilitarisierung besteht, spricht Hamas von Widerstandsfähigkeit und Selbstbehauptung. Zwei Weltbilder, die sich nicht vereinbaren lassen.
Auch die amerikanische Haltung spielt eine zentrale Rolle. Die Vereinigten Staaten sehen Gaza eingebettet in eine größere regionale Strategie, die auf neue Normalisierungsabkommen abzielt. Doch diese Perspektive kollidiert zunehmend mit der Realität vor Ort. Ohne nachhaltige Veränderung in Gaza bleibt jede diplomatische Vision fragil.
Je länger der Eindruck entsteht, Phase zwei bedeute Normalisierung, desto größer wird die Gefahr eines strategischen Irrtums. Denn wenn der aktuelle Prozess endet, während Hamas bewaffnet, organisiert und finanziert bleibt, dann ist die nächste militärische Auseinandersetzung keine Panne der Diplomatie. Sie ist ihre logische Folge.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob es erneut zu Kämpfen kommt. Sondern wann. Und unter welchen Bedingungen.
Wer den Wiederaufbau will, ohne den Terror zu beenden, baut keinen Frieden. Er verschiebt den Krieg lediglich in die Zukunft.
Autor: Samuel Benning
Bild Quelle: By Gigi Ibrahim - Flickr: Egyptian Convoy to Gaza, Palestine, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=31361720
Samstag, 31 Januar 2026