IDF in Gaza im Abwehrmodus: Militärische Passivität statt InitiativeIDF in Gaza im Abwehrmodus: Militärische Passivität statt Initiative
Ein israelischer Militärexperte übt scharfe Kritik an der aktuellen Gaza-Strategie der Armee. Statt selbst die Initiative zu ergreifen, lasse sich Israel zunehmend von der Hamas in einen zermürbenden Guerillakrieg drängen.
Ein hochrangiger israelischer Militärexperte erhebt schwere Vorwürfe gegen die Führung der Streitkräfte: Die israelische Armee verliere in Gaza zunehmend die Kontrolle über die Sicherheitslage und lasse sich von der Hamas das Tempo diktieren. Seine Worte sind deutlich und schmerzhaft, aber sie spiegeln eine wachsende Sorge wider, die viele in Israel teilen.
„Was derzeit in Gaza geschieht, ist ein vollständiges Versagen der israelischen Armee“, erklärte der renommierte Militärkorrespondent Avi Ashkenazi in einem Interview mit dem Radiosender 103FM. Israel habe es nicht geschafft, die Realität im Gazastreifen so zu gestalten, dass Sicherheit und Abschreckung gewährleistet seien. Stattdessen reagiere die Armee zunehmend nur noch auf Aktionen der Hamas.
Tag für Tag komme es zu neuen Provokationen, Anschlägen und Angriffen. Meistens blieben diese ohne schwere Folgen, doch allein die Tatsache, dass Hamas weiterhin ungestört operieren könne, zeige ein grundlegendes Problem. Der jüngste Vorfall, bei dem ein israelischer Reserveoffizier durch terroristisches Feuer schwer verletzt wurde, sei dafür ein klares Beispiel.
Nach Einschätzung Ashkenazis habe Hamas aus den Erfahrungen der Hisbollah im Zweiten Libanonkrieg gelernt und deren Guerillataktik erfolgreich auf Gaza übertragen. Statt offener Kämpfe setze die Terrororganisation nun auf kleine, gezielte Angriffe, um Israel permanent unter Druck zu halten. Genau dieses Muster habe Israel bereits in den 1990er-Jahren im Sicherheitsstreifen im Libanon erlebt. Damals griff Hisbollah an, die israelische Armee reagierte ohne die strategische Oberhand zurückzugewinnen.
„In Gaza wiederholt sich dieses Szenario“, warnt Ashkenazi. „Sobald Hamas auf Guerillakrieg umgestellt hat, bestimmt sie die Agenda.“ Genau das dürfe nicht passieren. Israel müsse in der Lage sein, selbst die Initiative zu ergreifen, statt sich von einer Terrororganisation in eine reaktive Haltung drängen zu lassen.
Er zieht dabei einen deutlichen Vergleich zum Libanon. Dort, so Ashkenazi, bestimme heute Israel, was geschieht. Terroristen würden identifiziert und sofort ausgeschaltet. In Gaza hingegen lasse man bekannte Hamas-Kommandeure oft jahrelang unbehelligt. Das sei strategisch falsch.
Als Beispiel nennt er die jüngste Eliminierung von Ali Raziana, einem hochrangigen Funktionär des Islamischen Dschihad. Zwar sei dessen Tötung an sich richtig gewesen, doch sie erfolgte erst nach einem erneuten Angriff auf israelische Soldaten. „Zweieinhalb Jahre lang lief dieser Mann frei herum“, kritisiert Ashkenazi. „Er hatte Blut an den Händen, und trotzdem wartete man auf eine Gelegenheit, statt proaktiv zu handeln.“
Genau darin sieht der Experte das Kernproblem: Israel agiere zu defensiv. Statt Terroristen frühzeitig und konsequent auszuschalten, warte man ab, bis diese erneut zuschlagen. So entstehe ein gefährlicher Kreislauf, in dem Hamas faktisch die Regeln festlege.
Die jüngsten Ereignisse geben dieser Analyse zusätzliches Gewicht. Im Norden Gazas wurde ein Reserveoffizier der Alexandroni-Brigade durch gezieltes Feuer schwer verletzt. Erste Untersuchungen deuten darauf hin, dass es sich um einen Scharfschützenangriff handelte. Der Offizier musste per Hubschrauber in ein Krankenhaus evakuiert werden. Israel reagierte darauf mit Panzerbeschuss und Luftangriffen auf Hamas-Ziele.
Die israelische Armee sprach von einem klaren Bruch der Waffenruhe und kündigte harte Gegenmaßnahmen an. Kurz nach dem Vorfall wurden mehrere Terroristen eliminiert, darunter ein Nukhba-Kommandeur, der maßgeblich am Überfall auf den Kibbuz Nir Oz am 7. Oktober beteiligt gewesen war. Generalstabschef Eyal Zamir erklärte dazu: „Wir fordern einen Preis von Hamas ein und werden das auch weiterhin tun. Angriffe auf unsere Soldaten oder Verstöße gegen Vereinbarungen werden nicht akzeptiert.“
Doch genau hier liegt der Widerspruch, den Ashkenazi benennt. Warum mussten diese Terroristen erst jetzt ausgeschaltet werden? Warum nicht früher? Warum reagiert Israel immer erst nach Angriffen, statt selbst die Spielregeln zu bestimmen?
Die Debatte über die richtige militärische Strategie in Gaza wird in Israel zunehmend emotional und kontrovers geführt. Viele Israelis fragen sich, warum Hamas nach Jahren des Krieges weiterhin in der Lage ist, Operationen durchzuführen. Das Vertrauen in die Fähigkeit der Armee, eine nachhaltige Sicherheitsordnung zu schaffen, bröckelt.
Ashkenazis Worte treffen deshalb einen empfindlichen Nerv. Sie sind kein Ausdruck von Defätismus, sondern von tiefer Frustration über eine Lage, die seit Monaten stagniert. Israel wollte Hamas entwaffnen, abschrecken und entmachten. Doch die Realität sieht anders aus.
Der Krieg gegen den Terror wird nicht nur auf dem Schlachtfeld entschieden, sondern auch in der strategischen Entschlossenheit. Solange Hamas die Initiative behält, bleibt Gaza ein gefährlicher Ort für Israelis ebenso wie für die eigenen Bewohner.
Autor: Redaktion
Bild Quelle: IDF
Donnerstag, 05 Februar 2026