Israels wahre rote Linie: Nicht das Atomprogramm, sondern Irans RaketenarsenalIsraels wahre rote Linie: Nicht das Atomprogramm, sondern Irans Raketenarsenal
Während die Welt gebannt auf mögliche Atomgespräche blickt, richtet Jerusalem seinen Blick längst auf eine ganz andere Bedrohung. Für Israel geht es heute nicht mehr primär um Urananreicherung, sondern um tausende iranische ballistische Raketen, die das Land in wenigen Minuten erreichen können.
Seit Jahren wird international vor allem über Irans nukleare Ambitionen gesprochen. Diplomaten verhandeln über Anreicherungsgrade, Inspektoren der Internationalen Atomenergiebehörde und mögliche Einfrierungen des Programms. Doch in Jerusalem hat sich die strategische Priorität verschoben. Was vor wenigen Jahren noch das zentrale Thema war, ist heute nur noch ein Teil eines viel größeren Problems.
Israels Führung weiß: Das Atomprogramm ist zwar gefährlich, aber gegenwärtig eingefroren. Seit dem 12-Tage-Krieg im Juni 2025 hat Teheran keinerlei nennenswerte Fortschritte bei der Wiederherstellung seiner nuklearen Infrastruktur gemacht. Große Teile der Anlagen wurden zerstört, wichtige Kapazitäten gingen verloren, und die internationale Überwachung ist stärker denn je. Auch die regionalen Terrorarme Irans, von Gaza bis zum Libanon, wurden in den letzten zwei Jahren massiv geschwächt.
Doch parallel dazu wuchs eine Bedrohung, die in der internationalen Debatte viel zu wenig Beachtung findet: Irans Arsenal an ballistischen Raketen.
Aktuell verfügt Teheran nach israelischen Schätzungen über rund 2000 solcher Raketen. Systeme, die innerhalb weniger Minuten israelische Städte, Flughäfen, Kraftwerke oder Militärbasen treffen können. Systeme, die nicht auf Diplomatie warten, sondern sofort einsatzbereit sind. Genau darin liegt das strategische Problem.
Im Sommer 2025 gelang es Israel zwar, etwa die Hälfte der iranischen Abschussvorrichtungen zu zerstören. Damals schien es, als sei das Raketenproblem vorerst unter Kontrolle. Doch im Gegensatz zum Atomprogramm hat Iran sein konventionelles Arsenal rasch wiederaufgebaut. Mit ausländischer Hilfe, insbesondere aus China, wurde die Produktion massiv angekurbelt. Israelische Militärs warnen inzwischen, dass Teheran schon bald in der Lage sein könnte, bis zu 300 ballistische Raketen pro Monat herzustellen.
Sollte diese Entwicklung anhalten, könnte Iran in wenigen Jahren über 6000, 8000 oder sogar 10.000 Raketen verfügen. Eine solche Menge würde selbst Israels weltweit einzigartiges mehrschichtiges Abwehrsystem an seine Grenzen bringen. Iron Dome, David’s Sling und Arrow mögen leistungsfähig sein, doch kein System der Welt kann unbegrenzt Angriffe abfangen.
Schon im Juni 2025 zeigte sich, wie gefährlich die Lage ist. Damals durchbrachen lediglich 36 iranische Raketen den israelischen Schutzschirm. Das Ergebnis waren 28 Tote und massive Schäden an über 13.000 Wohnungen. Man muss kein Militärstratege sein, um zu verstehen, was passieren würde, wenn nicht 36, sondern 360 oder gar 1000 Raketen ihr Ziel erreichen.
Hinzu kommt, dass Iran aus früheren Auseinandersetzungen gelernt hat. Die Angriffe werden taktisch immer ausgefeilter. Abschüsse erfolgen inzwischen aus weiter entfernten Regionen, teilweise aus unterirdischen Anlagen. Raketen werden schneller abgefeuert, und in manchen Fällen werden Streumunition oder Mehrfachsprengköpfe eingesetzt, um maximalen Schaden anzurichten. Was vor zwei Jahren noch Theorie war, ist heute konkrete militärische Realität.
Für die israelische Führung ist daher klar: Ein mögliches Abkommen zwischen den USA und Iran darf sich nicht allein auf nukleare Fragen beschränken. Wenn Washington Teheran erlaubt, sein Raketenarsenal unbegrenzt auszubauen, wäre das aus israelischer Sicht eine strategische Katastrophe. Ein solcher Deal würde das Land existenziell gefährden, selbst wenn Iran seine Urananreicherung einfrieren würde.
Genau deshalb reist Israels neuer Generalstabschef Eyal Zamir seit Wochen von einem Treffen zum nächsten. In Washington führte er intensive Gespräche mit dem Vorsitzenden der US-Joint Chiefs of Staff, General Dan Caine, und mit Trumps Sondergesandtem Steve Witkoff. Auch Israels Militärgeheimdienstchef Shlomi Binder war in der amerikanischen Hauptstadt, um die Dringlichkeit des Problems zu erläutern.
Die Botschaft aus Jerusalem ist eindeutig: Die ballistischen Raketen sind für Israel eine rote Linie. Jede Vereinbarung, die diese Bedrohung nicht substanziell begrenzt, wird von Israel nicht akzeptiert werden. Während die USA vor allem ein neues Atomabkommen anstreben, macht Israel klar, dass das allein nicht ausreicht.
Zwar gibt es theoretisch Kompromissmöglichkeiten. Israel könnte mit einer klar begrenzten Zahl von Raketen leben, sofern deren Reichweite eingeschränkt und ein glaubwürdiger Kontrollmechanismus etabliert würde. Doch alles, was unterhalb dieser Mindestanforderungen liegt, wäre aus Sicht Jerusalems inakzeptabel.
Die Sorge in Israel ist, dass die amerikanische Regierung aus Angst vor einer direkten militärischen Konfrontation bei der Raketenfrage zu weich auftreten könnte. Präsident Trump hat mehrfach betont, dass er amerikanische Soldaten aus neuen Kriegen heraushalten will. Genau darauf spekuliert Teheran.
Doch für Israel gibt es hier keinen Spielraum. Die Bedrohung durch Irans Raketen ist nicht theoretisch, sondern unmittelbar. Anders als nukleare Technologien, die Zeit und Infrastruktur erfordern, sind Raketen einsatzbereit. Sie sind das Instrument, mit dem Iran schon heute versucht, Macht und Abschreckung in der Region auszuüben.
Sollte Teheran nicht bereit sein, diese Bedrohung zu begrenzen, bleibt Israel nur eine Option: militärische Prävention. Zamir hat in internen Gesprächen deutlich gemacht, dass die israelischen Streitkräfte auf ein solches Szenario vorbereitet sind und über Fähigkeiten verfügen, die Iran bisher nicht erwartet.
Für die internationale Gemeinschaft mag das Atomthema weiterhin im Mittelpunkt stehen. Für Israel jedoch hat sich das strategische Schlachtfeld verschoben. Die wirkliche Gefahr kommt heute nicht aus unterirdischen Urananlagen, sondern aus Abschussrampen und Raketensilos.
Wer den Nahen Osten stabilisieren will, muss diese Realität anerkennen. Ein Abkommen, das Irans Atomprogramm einfriert, aber sein Raketenarsenal wachsen lässt, wäre kein Erfolg sondern ein gefährlicher Irrtum.
Autor: Bernd Geiger
Bild Quelle: By Tasnim News Agency, CC BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=128043353
Freitag, 06 Februar 2026